
Die geplanten Castor-Transporte von Jülich nach Ahaus sorgen erneut für Proteste im Münsterland. Mehrere Anti-Atomkraft-Initiativen fordern die NRW-Landesregierung auf, weitere Transporte vorerst auszusetzen. Als Begründung verweisen sie unter anderem auf die aus ihrer Sicht veränderte Sicherheitslage nach einem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig sowie auf die Belastung von Einsatzkräften durch die jüngsten Waldbrände. Für Mittwoch, 19. August, sind Protestaktionen in Ahaus und Jülich angekündigt.
Das Aktionsbündnis „Stop Westcastor“ Jülich, die Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“, das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen und SOFA Münster kritisieren die Vorbereitungen für weitere Transporte hochradioaktiver Abfälle. Nach Angaben der Initiativen sollen in dieser Woche zwei weitere Castor-Transporte vom Forschungszentrum Jülich zum Zwischenlager Ahaus stattfinden.
Die Gruppen fordern eine vorläufige Aussetzung. Sie argumentieren, dass mögliche neue Bedrohungsszenarien nach dem Drohnenvorfall in Leipzig zunächst bewertet werden müssten. „Die Sicherheitslage ist nach dem Drohnenanschlag von Leipzig eine andere – aus einer bislang abstrakten Gefahr ist eine konkrete Gefahr geworden“, erklärt Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. Die Bewertung stammt von den Initiativen; eine öffentlich überprüfbare Einschätzung dazu, welche konkreten Drohnenszenarien in den Sicherheitskonzepten berücksichtigt werden, ist nicht möglich.
Für Mittwoch, 19. August, rufen die Anti-Atomkraft-Gruppen zu einer Raddemonstration in Ahaus auf. Start ist nach Angaben der Veranstalter um 18.30 Uhr am Bahnhof Ahaus. Von dort soll die Demonstration durch die Innenstadt bis zum Zwischenlager führen.
Auch in Jülich sind Proteste vorgesehen. Vor dem Forschungszentrum sollen am Mittwoch und Donnerstag jeweils um 20 Uhr Mahnwachen stattfinden. Die Aktionen richten sich gegen die weitere Verlagerung der Brennelemente aus dem ehemaligen AVR-Versuchsreaktor nach Ahaus.
Für den Transport der radioaktiven Materialien gelten besondere Sicherungsanforderungen. Nach Angaben der Jülicher Entsorgungsgesellschaft JEN müssen die Transporte unter anderem gegen kriminelle Handlungen und mögliche Sabotageakte geschützt werden. Grundlage sind dabei auch Vorgaben zum Schutz gegen sogenannte „Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter“.
Welche konkreten Angriffsszenarien berücksichtigt werden und welche Schutzmaßnahmen dafür vorgesehen sind, wird aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich gemacht. Deshalb lässt sich öffentlich auch nicht belastbar beurteilen, ob und in welcher Form ein Angriff mit Drohnen in der aktuellen Sicherheitsplanung berücksichtigt wird.
Neben der Sicherheitsfrage kritisieren die Gruppen auch die grundsätzliche Entscheidung, die Castoren von Jülich nach Ahaus zu bringen. Marita Boslar vom Aktionsbündnis „Stop Westcastor“ wirft Land und Bund vor, dafür erhebliche Ressourcen einzusetzen.
„Land und Bund verschwenden kostbare und begrenzte Ressourcen für eine völlig unsinnige Verlagerung von hochradioaktivem Atommüll von einem Zwischenlager in ein anderes Zwischenlager“, sagt Boslar. Auch hierbei handelt es sich um die politische Bewertung der Initiative. Tatsächlich ist Ahaus ebenfalls ein Zwischenlager; eine dauerhafte Endlagerlösung für die Jülicher Brennelemente gibt es bislang nicht.
Insgesamt sollen 152 Castor-Behälter aus Jülich nach Ahaus gebracht werden. Der bislang jüngste Transport fand nach Angaben der Jülicher Entsorgungsgesellschaft am 5. August 2026 statt. Inzwischen befinden sich zwölf Behälter in Ahaus. Rechnerisch verbleiben damit noch 140 Castoren in Jülich.
In den Behältern befinden sich insgesamt 288.161 Brennelementkugeln sowie 124 brennstofffreie Grafitkugeln aus dem früheren AVR-Versuchsreaktor. Der Reaktor war von 1967 bis 1988 in Betrieb. Die eingesetzten Castor-Behälter vom Typ THTR/AVR sind etwa 2,70 Meter hoch. Ein Behälter kann bis zu rund 1.900 Brennelementkugeln aufnehmen; eine komplette Transporteinheit wiegt knapp 130 Tonnen.
Hintergrund der Transporte ist die Situation des Zwischenlagers in Jülich. Dessen ursprüngliche Genehmigung war bis zum 30. Juni 2013 befristet. Nachdem erforderliche Nachweise unter verschärften Anforderungen an die Erdbebensicherheit nicht rechtzeitig erbracht worden waren, ordnete das NRW-Wirtschaftsministerium im Juli 2014 die unverzügliche Entfernung der Brennelemente aus dem Lager an.
Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) erteilte am 25. August 2025 die Genehmigung für den Transport der 152 Behälter nach Ahaus. Die Transporte begannen im März 2026. Frühere Angaben, wonach sich noch 147 Behälter in Jülich befinden, sind damit überholt.
Mit dem Transport nach Ahaus ist die Frage nach dem langfristigen Verbleib der radioaktiven Abfälle nicht gelöst. Auch die Anlage in Ahaus ist ein Zwischenlager. Für die Brennelemente aus Jülich steht bislang kein Endlager zur Verfügung.
Damit bleibt der Umgang mit dem Atommüll auch nach Abschluss der Transporte eine langfristige Aufgabe. Die Anti-Atomkraft-Initiativen nehmen genau diesen Punkt zum Anlass, die Verlagerung nach Ahaus grundsätzlich infrage zu stellen.
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