
Eine Schmiede aus dem frühen 16. Jahrhundert, eine traditionsreiche Buchhandlung und mehrere Unternehmen aus der Glas- und Metallindustrie gehören zu den ältesten Familienbetrieben Deutschlands. Eine am Mittwoch, 2. September 2026, veröffentlichte Rangliste der Stiftung Familienunternehmen zeigt, dass acht deutsche Familienunternehmen auf eine Geschichte von mehr als 400 Jahren zurückblicken können.
Angeführt wird die Liste von The Coatinc Company mit Wurzeln im Jahr 1502. Damit liegt das dokumentierte Gründungsjahr 524 Jahre zurück. Aufgenommen wurden nur Unternehmen, die sich kontinuierlich im Eigentum einer oder mehrerer miteinander verbundener Familien befinden und mindestens 50 Beschäftigte haben oder Teil einer größeren Unternehmensgruppe sind.
Das älteste Unternehmen der Rangliste ist The Coatinc Company aus dem Siegerland. Seine Wurzeln reichen bis 1502 zurück. Aus einer Schmiedetradition entwickelte sich ein Unternehmen, das heute vor allem in der Oberflächenveredelung und beim Verzinken von Stahl tätig ist. Das Gründungsjahr liegt 524 Jahre zurück.
Auf Platz zwei folgt die Prym Group aus Stolberg. Das Unternehmen führt seine Geschichte auf das Jahr 1530 zurück, also auf einen Zeitraum von 496 Jahren. Prym entwickelte sich aus der Metallverarbeitung und ist heute unter anderem mit Produkten für Näh- und Handarbeitsbedarf sowie in industriellen Anwendungen tätig.
Die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur in Frauenau stammt aus dem Jahr 1568. Ihr Gründungsjahr liegt damit 458 Jahre zurück. Die Familie ist seit Jahrhunderten mit der Glasherstellung verbunden.
Wiegand-Glas in Steinbach am Wald führt seine Tradition bis 1570 zurück. Das entspricht 456 Jahren. Das Unternehmen produziert heute vor allem Glas- und Kunststoffverpackungen für die Getränke- und Lebensmittelindustrie.
PFEIFER aus Memmingen wurde 1579 erstmals im Zusammenhang mit einer Seilerei urkundlich erwähnt. Das Gründungsjahr liegt 447 Jahre zurück. Aus dem historischen Seilerbetrieb entwickelte sich eine international tätige Unternehmensgruppe rund um Seil-, Hebe- und Bautechnik.
Zwei Unternehmen führen ihre Geschichte auf das Jahr 1596 zurück. Die Osiandersche Buchhandlung wurde damals in Tübingen gegründet und ist bis heute im Buchhandel tätig. Auch die Unternehmertradition der Schaeff Group reicht nach Unternehmensangaben bis 1596 zurück. Beide kommen damit auf 430 Jahre seit ihrem jeweiligen Gründungsjahr.
Das achte Unternehmen ist Heinz-Glas. Der Hersteller von Glasflakons für die Parfüm- und Kosmetikindustrie wurde 1622 gegründet. Das Gründungsjahr liegt 404 Jahre zurück. Das Unternehmen befindet sich weiterhin in Familienbesitz.
Die Rangliste der ältesten Familienunternehmen in Deutschland ist keine vollständige Aufstellung aller noch bestehenden historischen Betriebe. Berücksichtigt werden Unternehmen mit mindestens 50 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oder Firmen, die Teil einer größeren Gruppe sind. Apotheken, Gasthäuser, landwirtschaftliche Betriebe und Mühlen bleiben ausdrücklich außen vor.
Entscheidend ist zudem die Kontinuität des Familienbesitzes. Ein sehr altes Unternehmen, das zwischenzeitlich verkauft, verstaatlicht oder dauerhaft außerhalb der Gründerfamilie geführt wurde, erfüllt die Kriterien nicht automatisch.
Das erklärt auch Unterschiede zu früheren Ranglisten. Die Stiftung aktualisiert ihre Datengrundlage, sobald neue Erkenntnisse zu Eigentumsverhältnissen, Gründungsjahren oder Unternehmenshistorien vorliegen. Für die aktuelle Ausgabe wurden nach Angaben der Stiftung mehr als 500 Familienunternehmen als Ausgangsbasis betrachtet.
Direkt hinter den mehr als 400 Jahre alten Unternehmen folgen zwei weitere Traditionsbetriebe. W. Albrecht aus Lindlar wurde 1634 gegründet und ist in der Blechbearbeitung und im Behälterbau tätig. Die Tuchfabrik Gebrüder Mehler aus Tirschenreuth besteht seit 1644 und produziert unter anderem Lodenstoffe.
Die Unternehmensgeschichten zeigen, dass jahrhundertelange Kontinuität nicht bedeutet, über Generationen dasselbe Produkt auf dieselbe Weise herzustellen. Mehrere der Betriebe haben ihr Geschäftsfeld erheblich verändert.
The Coatinc Company entwickelte sich von der Schmiede über verschiedene Tätigkeiten in der Eisen- und Stahlwirtschaft zum heutigen Oberflächenveredler. PFEIFER machte aus einer klassischen Seilerei ein internationales Industrieunternehmen. Die Schaeff-Familie betrieb zunächst Hammerschmieden, später Landmaschinenwerkstätten und Baumaschinenunternehmen und ist heute unter anderem mit Beteiligungen und Unternehmensentwicklung befasst.
Auch Osiander verbindet den traditionellen stationären Buchhandel inzwischen mit digitalen Vertriebswegen und arbeitet seit 2021 strategisch mit Thalia zusammen. Bei Wiegand-Glas kamen zur klassischen Glasproduktion unter anderem PET-Verpackungen, Logistik und Aktivitäten im Energiebereich hinzu.
Gerade diese Fähigkeit, Geschäftsfelder anzupassen, ohne die Eigentümerkontinuität aufzugeben, gehört zu den wiederkehrenden Merkmalen sehr alter Familienunternehmen. Eine im Juli 2026 veröffentlichte Untersuchung der Stiftung Familienunternehmen und des Instituts der deutschen Wirtschaft verweist zudem auf ausgeprägte Vertrauensstrukturen und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl als mögliche Stärken familiengeprägter Unternehmen.
Eine lange Geschichte garantiert allerdings keinen Fortbestand. Besonders die Übergabe an die nächste Generation wird für viele mittelständische Unternehmen in Deutschland schwieriger.
Nach dem Nachfolge-Monitoring der KfW aus dem Jahr 2026 erwägt inzwischen jedes vierte mittelständische Unternehmen eine spätere Geschäftsaufgabe nach dem Ausscheiden der aktuellen Inhabergeneration. Für den Zeitraum bis Ende 2029 rechnen die befragten Unternehmen hochgerechnet mit rund 569.000 möglichen Stilllegungen ohne Fortführung. Gleichzeitig streben etwa 545.000 Mittelständler eine Nachfolgeregelung an.
Das Alter der Inhaber spielt dabei eine zentrale Rolle. 2025 waren nach KfW-Angaben bereits 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmer mindestens 55 Jahre alt. Unter den Betrieben mit Stilllegungsplänen nannten 52 Prozent das Alter der aktuellen Führung als Grund. 47 Prozent gaben an, dass innerhalb der eigenen Familie kein Interesse an einer Fortführung bestehe.
Hinzu kommen wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Eine geringe wirtschaftliche Attraktivität eines Betriebs kann eine Übergabe ebenso erschweren wie unterschiedliche Vorstellungen über den Kaufpreis oder eine zu spät begonnene Suche nach geeigneten Nachfolgern.
Die mehr als 400 Jahre alten Unternehmen sind deshalb außergewöhnliche Einzelfälle innerhalb einer sehr viel größeren Unternehmenslandschaft. Ihr Alter beruht nicht allein auf Tradition, sondern auf einer langen Kette gelungener Generationenwechsel, wirtschaftlicher Anpassungen und Entscheidungen, die den Fortbestand des Unternehmens jeweils über die eigene Generation hinaus ermöglichten.
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