
Die Aggressivität im Straßenverkehr hat nach einer neuen Langzeituntersuchung der Unfallforschung der Versicherer zugenommen. Besonders deutlich zeigt sich der Trend beim Drängeln, beim dichten Auffahren und bei riskanten Manövern nach dem Überholen. Die Untersuchung stammt von der Unfallforschung der Versicherer, kurz UDV, im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Nach Angaben der UDV haben sich seit der vorherigen Erhebung 2023 nahezu alle 23 erfassten Kennwerte zu aggressivem Verhalten verschlechtert.
Grundlage ist eine bundesweit repräsentativ gewichtete Onlinebefragung von 2.004 Menschen ab 18 Jahren. Sie fand vom 16. März bis 17. April 2026 statt. Berücksichtigt wurden bei der Gewichtung unter anderem Alter, Geschlecht, Bildung, regionale Bevölkerungsverteilung, Führerscheinbesitz sowie die Nutzung von Auto, Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr. Bei den Fragen speziell zum Verhalten von Autofahrenden umfasst die Stichprobe 1.578 Personen.
Besonders stark fällt die Veränderung beim Drängeln aus. 47 Prozent der befragten Autofahrenden erklärten 2026, zumindest in gewissem Maß zu drängeln, wenn ein vorausfahrendes Auto ihrer Ansicht nach zu langsam unterwegs ist. 2023 waren es 36 Prozent, 2019 waren es 32 Prozent und 2016 noch 29 Prozent. Auch dichtes Auffahren auf der Überholspur wird häufiger eingeräumt. 40 Prozent gaben an, bei sogenannten notorischen Linksfahrenden dicht aufzufahren, damit diese die Spur freimachen. 2023 waren es 34 Prozent und 2016 sowie 2019 jeweils 26 Prozent.
Auch Reaktionen auf Drängler haben sich verändert. 46 Prozent erklärten, zumindest gelegentlich kurz auf die Bremse zu treten, um eine dicht auffahrende Person zu ärgern. 2023 lag dieser Anteil bei 44 Prozent, 2019 bei 42 Prozent und 2016 bei 30 Prozent. 38 Prozent gaben außerdem an, auf der Autobahn rechts vorbeizufahren, wenn sie sich am Überholen gehindert fühlen. Drei Jahre zuvor waren es 29 Prozent. Einen gesonderten Zeitreihenwert für Beschimpfungen weist die veröffentlichte Auswertung dagegen nicht aus.
Weitere Ergebnisse weisen in dieselbe Richtung. 32 Prozent der befragten Autofahrenden erklärten, schon einmal so dicht vor einem anderen Auto einzuscheren, dass dieses bremsen müsse. 2023 und 2016 waren es jeweils 24 Prozent. Ebenfalls 32 Prozent gaben an, andere auf der Autobahn mit Lichthupe oder Blinker auf ihr Herannahen aufmerksam zu machen. Dieser Wert lag 2023 bei 21 Prozent.
34 Prozent räumten ein, sich mitunter die Vorfahrt zu erzwingen. 2023 waren es 25 Prozent. 29 Prozent bezeichneten Drängeln zumindest teilweise als Bestandteil ihres Fahrstils auf vollen Straßen. Drei Jahre zuvor lag dieser Wert bei 20 Prozent. Auch die allgemeine Reaktion auf Ärger hat sich verändert. 55 Prozent erklärten, sich nach Ärger über andere Autofahrende unmittelbar abreagieren zu müssen. 2023 waren es 50 Prozent, 2016 erst 29 Prozent.
Auffällig ist die Differenz zwischen der Einschätzung des eigenen Verhaltens und der Wahrnehmung anderer. 37 Prozent der Autofahrenden räumten beispielsweise ein, nach einem unerwünschten Überholmanöver dicht auf das vorausfahrende Fahrzeug aufzufahren, um das Wiedereinscheren des Überholenden zu verhindern. Gleichzeitig erklärten 88 Prozent, ein solches Verhalten bei anderen zu beobachten. Beim Vorbeifahren an einer wartenden Autokolonne, um sich weiter vorne einzuordnen, standen 56 Prozent Selbstauskunft 92 Prozent Fremdbeobachtung gegenüber.
Ähnlich groß ist die Differenz beim Einscheren. 32 Prozent berichteten, selbst schon so knapp eingeschert zu sein, dass das andere Fahrzeug bremsen musste. 88 Prozent erklärten dagegen, solches Verhalten bei anderen wahrzunehmen. Beim Überholen von Radfahrenden hielten sich 92 Prozent selbst für besonders rücksichtsvoll. Gleichzeitig berichteten 86 Prozent, dass sie bei anderen Autofahrenden zu enges Überholen von Fahrrädern beobachten.
Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Autofahrende. Für die aktuelle Auswertung wurden auch 1.249 Menschen betrachtet, die Fahrrad oder Pedelec fahren. 49 Prozent von ihnen erklärten, bei langsameren Personen auf dem Radweg zumindest teilweise zu drängeln oder sehr dicht vorbeizufahren. 2023 waren es 39 Prozent. 48 Prozent gaben an, Autos auch links zu überholen oder sich durch den Verkehr zu schlängeln, wenn sie rechts nicht vorbeikommen. Drei Jahre zuvor waren es 34 Prozent.
Besonders deutlich ist der Anstieg beim Erzwingen der Vorfahrt. 43 Prozent der Fahrrad und Pedelecfahrenden stimmten der entsprechenden Aussage 2026 zumindest teilweise zu. 2023 waren es 28 Prozent. Der Anteil derjenigen, die Drängeln auf engen und vollen Radwegen zumindest teilweise zu ihrem Fahrstil zählen, erhöhte sich von 25 auf 40 Prozent. Ebenfalls 40 Prozent gaben an, im Fahrfluss mitunter einen Zebrastreifen ohne Anhalten oder Bremsen zu überfahren beziehungsweise sich durch zu Fuß Gehende hindurchzubewegen. 2023 waren es 24 Prozent.
Die veröffentlichten Daten erlauben keine belastbare Aussage, welche Altersgruppe oder welches Geschlecht besonders häufig aggressiv fährt. Unterschiede zeigt die Untersuchung jedoch beim subjektiven Sicherheitsgefühl. Von den 18 bis 35 Jahre alten Befragten fühlten sich 38 Prozent im Straßenverkehr sicher oder sehr sicher. Bei den 36 bis 55 Jahre alten Personen waren es 58 Prozent, bei den 56 bis 69 Jahre alten Befragten 64 Prozent und bei Menschen ab 70 Jahren 74 Prozent.
Auch zwischen Männern und Frauen besteht eine deutliche Differenz. 66 Prozent der Männer bewerteten ihr Sicherheitsgefühl mit einer der beiden höchsten Kategorien, bei den Frauen waren es 48 Prozent. Bei der Nutzung von Smartphones während der Autofahrt zeigt sich zudem ein starkes Altersgefälle. 63 Prozent der 18 bis 35 Jahre alten Pkw Fahrer nutzen ihr Smartphone laut UDV zumindest selten während der Fahrt. Bei den 36 bis 55 Jahre alten Befragten sind es 42 Prozent, bei den 56 bis 69 Jahre alten 22 Prozent und bei den Menschen ab 70 Jahren 14 Prozent.
Die Ergebnisse beschreiben vor allem Einstellungen und selbst angegebenes Verhalten. Es handelt sich nicht um eine Beobachtungsstudie und auch nicht um eine Statistik polizeilich registrierter Verkehrsverstöße. Damit lässt sich aus den Prozentwerten nicht unmittelbar ableiten, wie oft Drängeln, gefährliches Einscheren oder andere aggressive Handlungen tatsächlich auf deutschen Straßen stattfinden. Die wiederholte Befragung mit vergleichbaren Aussagen ermöglicht jedoch, Veränderungen der Selbstauskünfte über mehrere Erhebungsjahre hinweg nachzuzeichnen.
Die UDV spricht sich angesichts der Ergebnisse für intensivere Kontrollen und konsequentere Sanktionen bei Fehlverhalten aus. Zudem fordert sie Konzepte aus Verkehrsplanung und Verkehrspsychologie, um aggressive Verhaltensweisen im Straßenverkehr einzudämmen. Trotz der negativen Entwicklung beim Verhalten fühlen sich insgesamt 58 Prozent der Befragten im Straßenverkehr sicher oder sehr sicher. 2016 waren es 62 Prozent.
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