
Die lettische Fluggesellschaft Air Baltic steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Im Zuge ihrer finanziellen Restrukturierung bereitet die Airline umfangreiche Entlassungen vor und reduziert ihre Flugzeugflotte. Bis zu 700 Arbeitsplätze könnten von den Einschnitten betroffen sein. Gleichzeitig wurde eine wichtige Finanzierung im laufenden US-Insolvenzschutzverfahren gerichtlich genehmigt.
Der Stellenabbau bei Air Baltic soll in Kürze beginnen. Das bestätigte Aufsichtsratsvorsitzender Andrejs Martinovs am 20. Oktober 2026 in einem Interview mit dem lettischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk Latvijas Radio. Bereits Anfang Oktober hatte die Fluggesellschaft angekündigt, dass zwischen 500 und 700 Stellen an den Standorten Riga, Vilnius und Tallinn betroffen sein könnten. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 3.000 Menschen.
Wie viele Beschäftigte tatsächlich ihren Arbeitsplatz verlieren werden, ist weiterhin offen. Martinovs erklärte, dass sich die Personalplanung fortlaufend verändere, weil einzelne Mitarbeiter das Unternehmen bereits freiwillig verließen. Einen massenhaften freiwilligen Personalabgang gebe es jedoch nicht. Anfang November soll nach seinen Angaben größere Klarheit herrschen. Dann sind auch individuelle Gespräche mit betroffenen Beschäftigten vorgesehen.
Hinter den geplanten Personaleinschnitten steht ein neuer Geschäftsplan. Air Baltic will ihre Kapazitäten reduzieren, das Streckennetz stärker auf wirtschaftlich attraktive Verbindungen ausrichten und die Betriebskosten senken.
Nach Angaben von Martinovs soll die Flotte bis Ende 2026 auf 36 Flugzeuge verkleinert werden. Langfristig ist wieder ein moderater Ausbau vorgesehen. Bis 2030 soll die Zahl der Maschinen schrittweise auf 40 steigen.
Die Fluggesellschaft setzt auf Flugzeuge des Typs Airbus A220-300. Darüber hinaus sieht der Geschäftsplan eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Fluggesellschaften vor, für die Air Baltic im Rahmen sogenannter ACMI-Vereinbarungen Flugzeuge einschließlich Besatzung bereitstellt.
Um möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, hatte die Unternehmensführung eine breitere Reduzierung der Arbeitszeit auf 85 Prozent der regulären Beschäftigung vorgesehen. Eine entsprechende gemeinsame Regelung kam jedoch nicht zustande.
Inzwischen können Beschäftigte individuell eine geringere Arbeitszeit beantragen. Über diese Anträge wird einzeln entschieden.
Bei den Verhandlungen bestehen unterschiedliche Positionen zwischen den Gewerkschaften. Die lettische Luftfahrtgewerkschaft LAA widersprach der Darstellung, sie habe eine Arbeitszeitreduzierung grundsätzlich abgelehnt. Nach Angaben ihrer Vorsitzenden Dace Kavasa unterstützte die Gewerkschaft von Beginn an freiwillige Teilzeitlösungen. Die inzwischen eröffnete Möglichkeit für Piloten und Kabinenpersonal könne mehrere Dutzend Arbeitsplätze erhalten.
Air Baltic hatte am 14. September 2026 freiwillig ein Restrukturierungsverfahren nach Chapter 11 des amerikanischen Insolvenzrechts eingeleitet. Zuständig ist das Insolvenzgericht für den südlichen Bezirk von New York.
Das Verfahren ermöglicht es der Fluggesellschaft, ihre finanziellen Verpflichtungen unter gerichtlicher Aufsicht neu zu ordnen und gleichzeitig den Geschäftsbetrieb fortzusetzen. Eine Liquidation oder Einstellung des Flugbetriebs ist damit nicht verbunden.
Zur Finanzierung der Restrukturierung haben internationale Kreditgeber Mittel von bis zu 350 Millionen Euro zugesagt. Am 20. Oktober genehmigte das US-Gericht die entsprechende Finanzierungsstruktur. Von einer ersten Tranche über 175 Millionen Euro waren bereits 140 Millionen Euro freigegeben worden. Die weiteren 35 Millionen Euro können nach Erfüllung der vorgesehenen Bedingungen abgerufen werden.
Die verbleibenden bis zu 175 Millionen Euro sind an weitere Voraussetzungen und gerichtliche Entscheidungen gebunden. Die endgültige Genehmigung der Finanzierungsstruktur bedeutet deshalb nicht, dass die gesamten 350 Millionen Euro sofort verfügbar sind.
Air Baltic befindet sich mehrheitlich im Eigentum des lettischen Staates, der rund 88,37 Prozent der Anteile hält. Die deutsche Lufthansa ist mit zehn Prozent beteiligt. Weitere kleinere Anteile entfallen auf private Investoren.
Die wirtschaftliche Neuordnung betrifft damit auch eine Fluggesellschaft, an der ein großer europäischer Luftfahrtkonzern beteiligt ist. Im Geschäftsjahr 2025 hatte Air Baltic bei Einnahmen von rund 779 Millionen Euro einen Verlust von etwa 44,3 Millionen Euro verzeichnet.
Nach dem bisherigen Zeitplan strebt das Unternehmen den Abschluss seiner Restrukturierung bis etwa Juni 2027 an. Dafür ist ein gerichtlich bestätigter Reorganisationsplan erforderlich.
Für Fluggäste bedeutet das Insolvenzschutzverfahren nach Angaben von Air Baltic zunächst keine unmittelbare Unterbrechung des Flugbetriebs. Die Airline hat erklärt, dass bestehende Tickets und Reservierungen gültig bleiben und die Kundenbetreuung regulär fortgeführt wird.
Welche konkreten Auswirkungen die kleinere Flotte langfristig auf einzelne Flugverbindungen und das Angebot an den baltischen Standorten haben wird, ist noch nicht vollständig bekannt. Mit dem neuen Geschäftsplan will Air Baltic ihre finanzielle Stabilität verbessern und die Flugverbindungen zwischen dem Baltikum und weiteren europäischen Zielen dauerhaft sichern.
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