
Der KI-Streit zwischen Anthropic und Alibaba hat am Mittwoch auch die Börse erreicht. Nach Medienberichten über ein Schreiben des US-Unternehmens Anthropic an führende Mitglieder des US-Senats geriet die US-notierte Alibaba-Aktie unter Druck. Inhaltlich geht es um den Vorwurf, Alibaba-nahe Akteure hätten über massenhaft angelegte Nutzer- und Entwicklerzugänge Ausgaben des Claude-Modells abgefragt, um Fähigkeiten für eigene KI-Modelle nutzbar zu machen. Eine unabhängige Bestätigung dieser Darstellung lag zunächst nicht vor. Alibaba äußerte sich zu den konkreten Vorwürfen nach Angaben von Reuters zunächst nicht. Auch die Financial Times berichtete, der Konzern habe auf eine Anfrage dazu zunächst nicht reagiert.
Nach Darstellung von Anthropic soll die mutmaßliche Kampagne zwischen dem 22. April und dem 5. Juni 2026 gelaufen sein. Dabei seien über fast 25.000 mutmaßlich missbräuchlich angelegte Konten mehr als 28,8 Millionen Interaktionen mit Claude erzeugt worden. Anthropic werfe Alibaba beziehungsweise dem Umfeld von Alibaba Qwen vor, damit Fähigkeiten des Claude-Modells abgegriffen zu haben. Betroffen gewesen sein sollen nach Darstellung des Unternehmens besonders wertvolle Modellfähigkeiten, darunter Softwareentwicklung, agentisches Schlussfolgern und längerfristige Aufgabenbearbeitung. Diese Angaben stammen aus einem Anthropic-Schreiben, das mehreren Medien vorlag. Öffentlich überprüfbare technische Belege wurden zunächst nicht im gleichen Umfang vorgelegt.
Eine inhaltliche Gegenposition von Alibaba lag zunächst nicht vor. Reuters berichtete, Alibaba habe auf eine Anfrage nicht unmittelbar reagiert. Auch die Financial Times schrieb, der Konzern habe sich zu den Vorwürfen von Anthropic zunächst nicht geäußert. Damit bleibt der zentrale Punkt offen: Anthropic erhebt zwar konkrete und schwere Vorwürfe, doch unabhängig bestätigt sind sie nach der derzeit bekannten Quellenlage nicht. Für eine rechtliche oder technische Bewertung wäre entscheidend, ob sich die behaupteten Konten tatsächlich Alibaba oder Alibaba Qwen zuordnen lassen und ob die abgefragten Inhalte tatsächlich zur Verbesserung eigener Modelle genutzt worden sein sollen.
Modell-Destillation ist in der KI-Entwicklung grundsätzlich ein bekanntes Verfahren. Vereinfacht gesagt lernt ein kleineres oder günstigeres Modell aus den Ausgaben eines leistungsfähigeren Modells. Innerhalb eigener Systeme kann das ein regulärer technischer Prozess sein. Brisant wird der Vorgang, wenn ein Anbieter einem Wettbewerber vorwirft, Modellantworten über Umwege, falsche Zugänge oder entgegen den Nutzungsbedingungen massenhaft gesammelt zu haben. Genau diese Linie zieht Anthropic in seiner Darstellung. Das Unternehmen argumentiert, solche Verfahren könnten Wettbewerbern helfen, Fähigkeiten leistungsfähiger Modelle nachzubilden, ohne die gleichen Entwicklungs- und Trainingskosten zu tragen.
An der Börse wurde der Bericht negativ aufgenommen. Die US-notierte Alibaba-Aktie gab am Mittwoch nach und schloss bei 99,80 US-Dollar. Das entsprach einem Minus von rund 2,7 Prozent. Damit fiel die Reaktion zwar deutlich aus, blieb aber im Rahmen einer marktüblichen Kursbewegung für große Technologiewerte. Für Anleger ist der Fall dennoch relevant, weil er mehrere Risikofelder berührt: den Wettbewerb zwischen amerikanischen und chinesischen KI-Unternehmen, mögliche regulatorische Folgen in den USA und die Frage, wie gut Anbieter wie Anthropic ihre Modelle gegen unerwünschte Massenabfragen schützen können.
Der Vorgang reiht sich in eine breitere Debatte über KI, geistiges Eigentum und Exportkontrollen ein. Anthropic hatte bereits zuvor vor sogenannten Distillation-Angriffen gewarnt und diese als Risiko für die Kontrolle leistungsfähiger KI-Systeme beschrieben. Im aktuellen Fall geht es jedoch nicht um einen gerichtlich festgestellten Sachverhalt, sondern um eine Darstellung von Anthropic, die von Medien auf Basis eines Schreibens wiedergegeben wird. Solange Alibaba keine eigene Darstellung vorlegt und keine unabhängige technische Prüfung öffentlich bekannt ist, müssen die Vorwürfe ausdrücklich als unbestätigt behandelt werden.
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