
Ausländische Unternehmen haben 2025 in Deutschland so wenige neue Investitionsprojekte angekündigt wie seit 2009 nicht mehr. Nach einer Untersuchung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY sank die Zahl der Vorhaben auf 548. Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) sieht in der schlechter gewordenen internationalen Fluganbindung einen zusätzlichen Nachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland. In einer Stellungnahme vom Dienstag, 27. Oktober 2026, fordert der Verband niedrigere staatliche Standortkosten im Luftverkehr.
Die Zahl der ausländischen Investitionsprojekte in Deutschland ist 2025 gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent zurückgegangen. Während EY für 2024 noch 608 Vorhaben registrierte, waren es im vergangenen Jahr lediglich 548. Damit setzte sich der Rückgang zum achten Mal hintereinander fort.
Besonders deutlich fällt der langfristige Vergleich aus. Im Rekordjahr 2017 wurden noch 1.124 Projekte gezählt. Gegenüber diesem Höchststand hat sich die Zahl der angekündigten Vorhaben inzwischen um rund 51 Prozent verringert.
Die im Mai 2026 veröffentlichte EY-Untersuchung erfasst Investitionsprojekte ausländischer Unternehmen, die mit neuen Standorten und Arbeitsplätzen verbunden sind. Firmenübernahmen und reine Finanzinvestitionen bleiben unberücksichtigt. Die Zahlen beschreiben deshalb weder das gesamte ausländische Investitionsvolumen noch sämtliche Kapitalzuflüsse nach Deutschland.
Der BDF führt die Entwicklung auch auf die Verschlechterung der internationalen Luftverkehrsanbindung zurück. Für Unternehmen mit Standorten und Kunden in mehreren Ländern seien direkte und schnelle Verbindungen ein wichtiger Faktor bei Investitionsentscheidungen.
BDF-Geschäftsführer Michael Engel erklärte am Dienstag: „Deutschland verliert seit Jahren an Konnektivität“. Die nachlassende Erreichbarkeit könne aus Sicht des Verbandes dazu beitragen, dass internationale Unternehmen Deutschland seltener als Standort für neue Projekte auswählten.
Nach Angaben des BDF haben deutsche Flughäfen gegenüber 2019 fast 300 direkt erreichbare Ziele verloren. Auf weiterhin bedienten Strecken sei das Flugangebot insgesamt um rund 250.000 Flüge pro Jahr geschrumpft.
Der Verband verlangt deshalb Maßnahmen zur Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen für Fluggesellschaften. Insbesondere die staatlichen Standortkosten müssten deutlich sinken. Engel betonte: „Eine leistungsfähige Luftverkehrsanbindung ist kein Selbstzweck“. Sie sei vielmehr eine Voraussetzung für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort.
Die Entwicklung des Flugangebots bestätigt den Rückstand Deutschlands gegenüber anderen europäischen Luftverkehrsmärkten. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hatte im Oktober einen Konnektivitätsatlas veröffentlicht, der zahlreiche gestrichene Verbindungen und reduzierte Flugfrequenzen dokumentiert.
Für das Winterhalbjahr 2026/2027 erwartet der BDL in Deutschland rund 112,3 Millionen angebotene Sitzplätze. Das entspricht lediglich 85 Prozent des Niveaus vor der Corona-Pandemie im Winter 2018/2019. Im übrigen Europa liegt das Angebot nach Verbandsberechnungen dagegen bei 116 Prozent des damaligen Wertes.
Besonders stark ist der Rückgang im innerdeutschen Flugverkehr. Hier erreicht das geplante Sitzplatzangebot nur noch 42 Prozent des Vergleichsniveaus. Betroffen sind unter anderem Verbindungen zu den internationalen Drehkreuzen Frankfurt und München.
Der BDL führt die schwache Entwicklung unter anderem auf hohe staatliche Standortkosten und gestiegene Kerosinpreise zurück.
Auch in anderen europäischen Ländern ist die Zahl neuer ausländischer Investitionsprojekte gesunken. Europaweit erfasste EY für 2025 insgesamt 5.026 Vorhaben. Das entspricht einem Rückgang um sieben Prozent.
Deutschland bleibt im europäischen Vergleich auf dem dritten Platz. Frankreich führt mit 852 Projekten, obwohl dort ein Minus von 17 Prozent registriert wurde. Großbritannien folgt mit 730 Vorhaben und einem Rückgang um 14 Prozent.
In beiden Ländern fiel der prozentuale Rückgang 2025 damit stärker aus als in Deutschland. Langfristig entwickelte sich der deutsche Standort allerdings schwächer als die beiden größeren Konkurrenten.
Neben EY erfasst auch die bundeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) Investitionsvorhaben ausländischer Unternehmen.
Sie registrierte für 2025 insgesamt 1.564 Vorhaben, rund 9,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl liegt deutlich über dem EY-Wert, weil die Erhebungen unterschiedlich abgegrenzt sind. Ein unmittelbarer Vergleich der absoluten Projektzahlen ist deshalb nicht möglich.
GTAI bewertet die Entwicklung weniger negativ als EY. Weltweit sei die Zahl ausländischer Investitionsprojekte um 9,5 Prozent zurückgegangen, innerhalb der Europäischen Union sogar um 18,1 Prozent. Vor diesem Hintergrund bezeichnet die Gesellschaft den deutschen Standort als vergleichsweise widerstandsfähig.
Als Belastungsfaktoren nennt GTAI unter anderem internationale Handelskonflikte und Unsicherheiten über Zölle.
Die sinkende Zahl ausländischer Investitionsprojekte lässt sich nicht allein mit dem reduzierten Flugangebot erklären. EY-Deutschlandchef Henrik Ahlers hatte bereits bei der Veröffentlichung der Untersuchung im Mai auf weitere Standortprobleme hingewiesen.
Nach seiner Einschätzung beeinträchtigen vor allem hohe Steuer- und Arbeitskosten, teure Energie sowie bürokratische Belastungen die Attraktivität Deutschlands. Zudem könnten unsichere Konjunkturaussichten Unternehmen dazu bewegen, Investitionen aufzuschieben oder aufzugeben.
Der BDF ergänzt diese wirtschaftlichen Faktoren um die internationale Erreichbarkeit. Wie viele Investitionsprojekte tatsächlich wegen weggefallener Flugverbindungen nicht zustande kamen, lässt sich aus den vorliegenden Zahlen allerdings nicht bestimmen.
Fest steht, dass sowohl die Zahl neuer ausländischer Investitionsvorhaben als auch Teile des internationalen Flugangebots gegenüber früheren Jahren deutlich zurückgegangen sind. Ob und in welchem Umfang beide Entwicklungen unmittelbar zusammenhängen, ist nicht geklärt.
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