
Ein Jahr nach Einführung des Bau-Turbos zieht Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) eine positive Zwischenbilanz. In zahlreichen Kommunen werden die neuen Möglichkeiten genutzt, um Wohnungsbauprojekte schneller voranzubringen. Allerdings zeigt die Bilanz vom Dienstag, 3. November 2026, auch die Grenzen der Reform. Wie viele zusätzliche Wohnungen tatsächlich entstehen, ist bislang offen. Gleichzeitig rechnen Wirtschaftsforscher mit einem weiteren Rückgang der Wohnungsfertigstellungen in Deutschland.
Nach Angaben des Bundesbauministeriums wurde zwischen Januar und Juni 2026 im Rahmen des Bau-Turbos Vorhaben mit insgesamt 7.892 Wohnungen zugestimmt. Grundlage ist eine freiwillige Befragung von 393 Kommunen. In 72 Prozent der teilnehmenden Städte und Gemeinden wurden bereits entsprechende Anträge gestellt. Rund 57 Prozent der erfassten Anträge erhielten eine Zustimmung.
Hubertz wertete die Ergebnisse bei der Vorstellung in Berlin als Zeichen dafür, dass die neuen gesetzlichen Möglichkeiten zunehmend genutzt würden. Die Ministerin erklärte, der Bau-Turbo komme in der kommunalen Praxis an. Zugleich machte sie deutlich, dass sich die Reform noch in einer frühen Phase befinde.
Die Aussagekraft der Zahlen ist allerdings begrenzt. Deutschland hat knapp 11.000 Kommunen, von denen sich nur ein kleiner Teil an der Untersuchung beteiligte. Auch das Ministerium bezeichnet die Ergebnisse als nicht repräsentativ. Eine vollständige Übersicht darüber, wie viele Gemeinden den Bau-Turbo tatsächlich anwenden, liegt dem Bund bislang nicht vor.
Der Bau-Turbo trat am 30. Oktober 2025 in Kraft. Kernstück ist eine befristete Sonderregelung im Baugesetzbuch, die es Kommunen ermöglicht, bei bestimmten Wohnungsbauvorhaben von bisherigen planungsrechtlichen Vorgaben abzuweichen.
Dadurch können neue Wohnungen entstehen, ohne dass zunächst ein Bebauungsplan aufgestellt oder geändert werden muss. Solche Verfahren nehmen bislang teilweise mehrere Jahre in Anspruch. Die neuen Bestimmungen sollen insbesondere den Neubau, die Aufstockung vorhandener Gebäude und die Umnutzung bestehender Immobilien erleichtern.
Für die kommunale Zustimmung ist grundsätzlich eine Frist von drei Monaten vorgesehen. Die Regelung ersetzt jedoch nicht die eigentliche bauaufsichtliche Prüfung. Anforderungen an Brandschutz, Standsicherheit und andere gesetzliche Vorgaben gelten weiterhin. Entscheidend ist außerdem, dass die jeweilige Kommune das Verfahren unterstützt.
Nach den Ergebnissen des Ministeriums konzentrieren sich die bisherigen Vorhaben überwiegend auf bereits genutzte Flächen. Rund 88 Prozent der zugestimmten Wohneinheiten entfallen auf bestehende Siedlungsbereiche, Brachen oder vergleichbare Flächen. Etwa zwölf Prozent betreffen bisherige Grünflächen oder landwirtschaftlich genutzte Grundstücke.
Die amtliche Statistik zeigt inzwischen eine Erholung bei den Baugenehmigungen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden zwischen Januar und August 2026 insgesamt 169.400 Wohnungen in neuen und bestehenden Gebäuden genehmigt. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum entspricht das einem Anstieg um 12,1 Prozent.
Besonders deutlich fiel der Zuwachs bei Mehrfamilienhäusern aus. Hier wurden 90.600 Wohnungen genehmigt, 14,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahlen zeigen eine zunehmende Zahl geplanter Bauvorhaben, erlauben allerdings keine eindeutige Zuordnung zum Bau-Turbo.
Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Reform und dem bundesweiten Anstieg lässt sich bislang nicht nachweisen. Auch ist unklar, wie viele Vorhaben ohne die neuen Regeln ebenfalls genehmigt worden wären.
Hinzu kommt, dass zwischen einer kommunalen Zustimmung, einer Baugenehmigung und der tatsächlichen Fertigstellung erhebliche Unterschiede bestehen. Die knapp 7.900 Wohnungen aus der Ministeriumsbefragung sind deshalb nicht mit bereits fertiggestellten Wohnungen gleichzusetzen.
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt bleibt trotz steigender Genehmigungszahlen angespannt. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lediglich 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Das waren 18 Prozent weniger als 2024 und der niedrigste Wert seit 2012.
Für 2026 erwartet das Münchner Ifo-Institut einen weiteren Rückgang auf rund 185.000 fertiggestellte Wohnungen. Die Prognose stammt aus einer Untersuchung der europäischen Forschungsgruppe Euroconstruct, der das Institut angehört. Für 2027 rechnen die Forscher mit einer leichten Erholung auf 195.000 Wohnungen und für 2028 mit etwa 210.000 Einheiten.
Als Ursachen für die schleppende Entwicklung nennt das Institut unter anderem die gestiegenen Baukosten und die lange Dauer zwischen Genehmigung und Fertigstellung. Diese Zeitspanne habe sich seit Beginn des Jahrzehnts auf durchschnittlich rund 27 Monate verlängert.
Auch der sogenannte Bauüberhang verdeutlicht das Problem. Ende 2025 waren nach amtlichen Angaben rund 760.700 genehmigte Wohnungen noch nicht fertiggestellt. Davon befanden sich etwa 307.200 bereits im Bau.
Die Immobilien- und Bauwirtschaft bewertet den Bau-Turbo unterschiedlich. Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW sieht Möglichkeiten, Planungsverfahren erheblich zu verkürzen. Einer Verbandsbefragung vom September 2026 zufolge hatten allerdings erst rund acht Prozent der befragten sozial orientierten Wohnungsunternehmen die neuen Regeln in einem konkreten Genehmigungsverfahren angewendet.
Bei den erfassten Anwendungsfällen lag die durchschnittliche Genehmigungsdauer nach Verbandsangaben bei drei Monaten. Ohne die Regelung hatten die befragten Unternehmen mit etwa 16 Monaten gerechnet. Diese Gegenüberstellung beruht auf den Einschätzungen der Unternehmen und ist kein unabhängig gemessener Zeitvergleich.
Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) verweist dagegen auf die weiterhin hohen Baukosten und Finanzierungskosten. Präsident Dirk Salewski erklärte am 2. November, eine Beschleunigung der Planung reiche allein nicht aus, um neue Bauvorhaben wirtschaftlich zu ermöglichen. Der Verband fordert deshalb unter anderem steuerliche Erleichterungen, bessere Förderbedingungen und vereinfachte Baustandards.
Zusätzliche Kritik richtet sich gegen die Haushaltsplanung der Bundesregierung für 2027. Ein Bündnis aus 30 Organisationen, darunter die Bundesingenieurkammer, die Gewerkschaft IG BAU und der Deutsche Mieterbund, forderte am Montag eine stärkere finanzielle Unterstützung für den Wohnungsbau.
Die Verbände sprechen sich insbesondere gegen geplante Kürzungen bei der Neubauförderung aus. Außerdem verlangen sie eine langfristige Absicherung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau, mehr öffentliches Bauland und vereinfachte Vorschriften für kostengünstigere Gebäude.
Der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) bewertet den Bau-Turbo hingegen grundsätzlich positiv und fordert eine Verlängerung der befristeten Regelung über das Jahr 2030 hinaus. Dadurch sollten Investoren und Kommunen frühzeitig Planungssicherheit erhalten.
Die Bundesregierung arbeitet unterdessen an weiteren Maßnahmen. Dazu gehört der sogenannte Gebäudetyp E, der einfacheres und günstigeres Bauen ermöglichen soll. Auch eine bundeseigene Wohnungsbaugesellschaft ist vorgesehen, um zusätzliche Bauprojekte insbesondere in Regionen mit angespannten Wohnungsmärkten anzustoßen.
Bundesbauministerin Hubertz rechnet damit, dass die ersten mithilfe des Bau-Turbos ermöglichten Wohnungen voraussichtlich 2027 fertiggestellt werden. Damit dürfte sich die Wirkung der Reform auf den tatsächlichen Wohnungsbestand erst mit zeitlichem Abstand beurteilen lassen.
Die bisherigen Zahlen belegen, dass Kommunen das neue Instrument einsetzen und damit Bauvorhaben voranbringen können. Offen ist jedoch weiterhin, in welchem Umfang dadurch zusätzlicher Wohnraum entsteht und ob die vereinfachten Verfahren den bundesweiten Wohnungsbau nachhaltig stärken.
Während die Genehmigungszahlen wieder steigen, rechnen Wirtschaftsforscher zunächst mit sinkenden Fertigstellungszahlen. Damit bleibt die Finanzierung neuer Wohnungen neben der Beschleunigung behördlicher Verfahren eine der zentralen Herausforderungen der Wohnungspolitik.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu