
Der Mainzer Biotechnologiekonzern BioNTech hält an der Schließung seines früheren CureVac-Standorts in Tübingen fest. Dabei gab es offenbar konkrete Kaufinteressenten. Nach Informationen des Handelsblatts vom Mittwoch, 14. Oktober 2026, hatte ein Investorenkonsortium bis zu 20 Millionen Euro für die Übernahme angeboten. Die Gespräche scheiterten dennoch. Für mehr als 700 Beschäftigte in Tübingen steht damit weiterhin der Verlust ihrer bisherigen Arbeitsplätze im Raum.
Nach Recherchen des Handelsblatts verhandelte BioNTech bereits seit Mai mit einem Konsortium um den Münchner Investor Peter Löw. Zu den Beteiligten gehörte demnach auch das US-amerikanische Biotechnologieunternehmen Alloy Therapeutics. Für die geplante Übernahme wurde die Human Health Technologies AG gegründet.
Das Konsortium wollte den früheren CureVac-Standort einschließlich eines Teils der Belegschaft weiterführen. Nach den veröffentlichten Angaben sollten rund 500 Mitarbeiter übernommen werden. Die Gespräche sollen bereits weit fortgeschritten gewesen sein. Gegenstand waren unter anderem Patentrechte und die Abgrenzung künftiger Geschäftsfelder.
Das zuletzt diskutierte Kaufangebot habe bei bis zu 20 Millionen Euro gelegen. Allerdings war es offenbar an eine wesentliche Bedingung geknüpft: Eine Liquiditätsreserve von mehr als 200 Millionen Euro sollte im Unternehmen verbleiben. Damit ging es bei den Verhandlungen nicht allein um den Kaufpreis, sondern auch um die finanzielle Ausstattung der zu übernehmenden Gesellschaft.
Nach Informationen des Handelsblatts bewertete BioNTech das Konzept der Interessenten als wirtschaftlich nicht tragfähig. Der Konzern habe Zweifel gehabt, ob sich damit eine langfristig gesicherte Perspektive für den Standort schaffen ließe. BioNTech und Löw äußerten sich gegenüber der Zeitung nicht zu Einzelheiten der Verhandlungen. Eine unabhängige Bestätigung der konkreten Angebotsbedingungen lag zunächst nicht vor.
BioNTech schließt den Standort Tübingen nach bisheriger Planung Ende 2027. Die Entscheidung hatte das Unternehmen bereits am 28. September bestätigt. Auch für die deutschen Werke in Marburg und Idar-Oberstein ist das Aus beschlossen. In Marburg soll der Betrieb Anfang 2028 enden, in Idar-Oberstein Ende 2028.
Insgesamt sind nach Unternehmensangaben rund 1.800 Beschäftigte an den drei deutschen Standorten betroffen. Allein in Tübingen geht es nach Angaben des SWR um mehr als 700 Arbeitsplätze. Mit dem Konzernbetriebsrat vereinbarte BioNTech ergänzende Abfindungsregelungen und sozialverträgliche Lösungen. Einzelheiten zu den finanziellen Leistungen wurden zunächst nicht veröffentlicht.
Als wesentlichen Grund für den ausgebliebenen Verkauf hatte BioNTech Ende September die schwierigen Bedingungen am Markt und für Investitionen genannt. Nach Darstellung des Unternehmens gelang es trotz eines umfangreichen Verkaufsprozesses nicht, eine Übernahme abzuschließen.
Die Schließung ist auch deshalb bemerkenswert, weil BioNTech den früheren Wettbewerber CureVac erst im Dezember 2025 übernommen hatte. Die Transaktion bewertete das Tübinger Unternehmen mit rund 1,25 Milliarden US-Dollar.
Beide Unternehmen gehörten zu den frühen Entwicklern der mRNA-Technologie. BioNTech gelang gemeinsam mit seinem Partner Pfizer die erfolgreiche Vermarktung eines Covid-19-Impfstoffs. CureVac entwickelte ebenfalls einen Impfstoffkandidaten, brachte jedoch keinen eigenen Corona-Impfstoff zur Zulassung.
Mit der Übernahme wollte BioNTech insbesondere seine technologischen Fähigkeiten bei der Entwicklung und Herstellung von mRNA-Medikamenten ausbauen. Im Rahmen der Übernahmeplanungen hatte das Unternehmen zunächst auch die Integration der Tübinger Forschungs- und Produktionsanlagen angekündigt. Wenige Monate nach dem Abschluss änderte sich die Perspektive für den Standort grundlegend.
In Tübingen stößt die geplante Schließung auf deutliche Kritik. Oberbürgermeister Boris Palmer hatte bereits am 28. September beanstandet, dass BioNTech von einem Verkauf an vorhandene Interessenten Abstand nehmen wolle.
Palmer verwies auf die Bedeutung des früheren CureVac-Standorts für die Biotechnologieforschung und die zahlreichen hochqualifizierten Beschäftigten. Die Stadt forderte BioNTech auf, sämtliche realistischen Möglichkeiten zur Sicherung von Arbeitsplätzen und zur Weiterführung des Standorts zu nutzen.
Schon im Mai hatte sich Palmer kritisch zur angekündigten Neuordnung geäußert. Dabei verwies er auf die lange Forschungsgeschichte von CureVac und die Bedeutung des Unternehmens für die Entwicklung der mRNA-Technologie.
Die geplanten Werksschließungen sind Teil einer umfassenderen Umstrukturierung des Mainzer Unternehmens. Nach dem starken Wachstum während der Corona-Pandemie passt BioNTech seine Produktionskapazitäten an die veränderte Nachfrage an.
Bereits im Mai hatte der Konzern angekündigt, Standorte in Deutschland und Singapur sowie Einrichtungen des übernommenen Unternehmens CureVac aufzugeben oder nach Möglichkeit zu verkaufen. Insgesamt könnten von diesen ursprünglich angekündigten Maßnahmen weltweit bis zu rund 1.860 Stellen betroffen sein.
BioNTech konzentriert seine Entwicklung zunehmend auf neue Arzneimittel gegen Krebs und andere schwere Erkrankungen. Dazu gehören neben mRNA-basierten Therapieansätzen auch weitere immunologische und zielgerichtete Wirkstoffe. Die Neuordnung des Produktionsnetzwerks soll nach Unternehmensangaben langfristig Ressourcen für diese Entwicklung freimachen.
Für den früheren CureVac-Standort in Tübingen bleibt die beschlossene Schließung damit bestehen. Das nun bekannt gewordene Investorenangebot macht deutlich, dass eine Übernahme zumindest Gegenstand konkreter Verhandlungen war. Zu einer Einigung über die wirtschaftlichen und vertraglichen Voraussetzungen kam es jedoch nicht.
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