
Die Bundesregierung prüft den Aufbau eines eigenen Startplatzes für Trägerraketen der Bundeswehr. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte die Überlegungen am 23. Juli bei einem Besuch des deutschen Raketenherstellers Isar Aerospace in Ottobrunn bei München öffentlich gemacht. Hintergrund ist die wachsende Bedeutung von Satelliten für militärische Kommunikation, Aufklärung und Führung. Die Bundeswehr will ihre Fähigkeiten im Weltraum in den kommenden Jahren erheblich ausbauen und benötigt dafür nicht nur neue Satelliten, sondern auch verlässliche Möglichkeiten, diese kurzfristig in eine Umlaufbahn zu bringen.
Eine beschlossene Raketenstartbasis in Deutschland gibt es allerdings noch nicht. Pistorius bezeichnete die Planungen als noch am Anfang stehend. Auch einen möglichen Standort nannte der Minister nicht. Selbst ein Startplatz außerhalb des deutschen Staatsgebiets ist damit bislang nicht ausgeschlossen. Ziel der Überlegungen ist vor allem, für militärisch wichtige Satelliten nicht vollständig von kommerziellen Startkapazitäten und ausländischen Weltraumbahnhöfen abhängig zu sein.
Mit möglichen Startmöglichkeiten beschäftigt sich auch die Deutsche Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt. Ihr Generaldirektor Walther Pelzer bezeichnet die Verfügbarkeit von Startplattformen als eine der zentralen Herausforderungen für einen eigenständigeren deutschen Zugang zum All. Untersucht werden unterschiedliche Modelle. Dazu gehören schwimmende Plattformen, internationale Gewässer und mögliche Standorte außerhalb Europas. Nach Angaben Pelzers sollen innerhalb etwa eines Jahres konkretere Optionen vorliegen.
Deutschland selbst hat für klassische Raketenstarts ungünstige geografische Voraussetzungen. Große Trägerraketen benötigen Sicherheitskorridore, in denen bei Fehlstarts keine dicht besiedelten Gebiete gefährdet werden. Deshalb liegen viele Weltraumbahnhöfe an Küsten oder in dünn besiedelten Regionen. Für die Bundeswehr wäre zudem entscheidend, dass ein Standort regelmäßig und kurzfristig verfügbar wäre. Genehmigungen, Sperrgebiete für Luftfahrt und Schifffahrt sowie die logistische Anbindung spielen deshalb ebenso eine Rolle wie die reine geografische Lage.
Seit mehreren Jahren existieren Pläne für Raketenstarts von einer mobilen Plattform in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone der Nordsee. Das frühere Bundesministerium für Digitales und Verkehr unterstützte entsprechende Planungen für das Projekt OSLIOS mit rund 870.000 Euro. Hinter dem Vorhaben steht die German Offshore Spaceport Alliance. Vorgesehen ist eine mobile Infrastruktur, von der kleine Trägerraketen mit Satelliten von bis zu etwa einer Tonne Nutzlast starten könnten. Das Projekt entstand jedoch vor allem für kommerzielle und zivile Starts und ist nicht mit dem nun diskutierten Bundeswehr-Startplatz gleichzusetzen.
Auch die Deutsche Raumfahrtagentur sieht einen Startplatz in der Nordsee nicht als einfache Lösung. Vor Raketenstarts müssten große Bereiche auf dem Wasser und im Luftraum gesperrt werden. Die Nordsee gehört zugleich zu den verkehrsreichsten Meeresregionen Europas. Große Häfen und stark frequentierte Flugrouten liegen in der Umgebung. Hinzu kommen die Wetterbedingungen. Deshalb werden neben einer Nordseeplattform ausdrücklich auch andere Modelle geprüft. Ein politischer Beschluss zugunsten der Nordsee liegt bislang nicht vor.
Deutsche Raketenunternehmen greifen derzeit auf Startplätze im Ausland zurück. Isar Aerospace nutzt den Weltraumbahnhof Andøya im Norden Norwegens für seine Trägerrakete Spectrum. Das Unternehmen plant zudem einen eigenen Startkomplex im kanadischen Nova Scotia. Rocket Factory Augsburg arbeitet mit dem schottischen Weltraumbahnhof SaxaVord zusammen. Weitere europäische Startkapazitäten entstehen unter anderem im schwedischen Esrange. Für größere europäische Trägerraketen bleibt außerdem das Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guayana von zentraler Bedeutung.
Für die Bundeswehr besteht das Problem weniger darin, dass überhaupt keine Startmöglichkeiten vorhanden sind. Entscheidend ist deren kurzfristige Verfügbarkeit. Pistorius verwies darauf, dass Deutschland nicht erst nach mehreren Jahren einen Starttermin erhalten könne, wenn militärische Satelliten schnell ersetzt oder zusätzliche Systeme ins All gebracht werden müssten. Die Bundesregierung setzt deshalb auf eine größere Auswahl an Startmöglichkeiten und arbeitet dabei nach Angaben des Verteidigungsministeriums unter anderem mit Norwegen und Kanada zusammen.
Eine Schlüsselrolle spielen private deutsche Raumfahrtunternehmen. Isar Aerospace entwickelt mit Spectrum eine zweistufige Trägerrakete für kleine und mittelgroße Satelliten und Satellitenkonstellationen. Daneben gehören Rocket Factory Augsburg und HyImpulse zu den deutschen Unternehmen, die eigene Trägerraketen entwickeln. Die Bundesregierung unterstützt den Aufbau einer europäischen Microlauncher-Industrie bereits seit mehreren Jahren. Für die Bundeswehr könnten solche Anbieter künftig Starts militärischer Satelliten übernehmen.
Ein konkreter Auftrag der Bundeswehr für Starts mit Isar Aerospace wurde im Zusammenhang mit den neuen Überlegungen allerdings nicht öffentlich bestätigt. Auch bedeutet ein bundeswehreigener Startplatz nicht zwangsläufig, dass die Bundeswehr eigene Raketen entwickeln oder selbst betreiben würde. Denkbar ist eine militärisch kontrollierte Infrastruktur, die von privaten Startdienstleistern genutzt wird. Wie Eigentum, Betrieb, Sicherheitsverantwortung und Beschaffung organisiert werden sollen, gehört zu den bislang offenen Punkten.
Für Deutschlands Ausbau der militärischen Fähigkeiten im Weltraum hat Pistorius bis 2030 Investitionen von rund 35 Milliarden Euro angekündigt. Das Geld ist für eine deutlich breitere Sicherheitsarchitektur vorgesehen. Dazu zählen Satellitenkonstellationen, Bodeninfrastruktur, geschützte Kommunikation, Weltraumbeobachtung, Cyberabwehr und gesicherte Möglichkeiten für den Zugang zum All. Die Milliardenhöhe darf deshalb nicht als Preis für einen neuen deutschen Raketenstartplatz verstanden werden.
Belastbare Angaben zu den Baukosten einer bundeswehreigenen Startbasis liegen bislang nicht vor. Gleiches gilt für einen konkreten Haushaltstitel, einen Baubeginn oder ein Datum für die Inbetriebnahme. Die Förderung von rund 870.000 Euro für die Untersuchung der mobilen Nordseeplattform betrifft ein anderes, bereits zuvor begonnenes Projekt und liefert keinen belastbaren Maßstab für die Kosten einer militärischen Startanlage.
Der Bedarf an Startkapazitäten könnte in den kommenden Jahren erheblich wachsen. Nach den derzeit bekannt gewordenen Planungen sollen für die Bundeswehr bis zu 1.200 neue Satelliten in den Orbit gebracht werden. Statt weniger großer Systeme geht der internationale Trend zunehmend zu Konstellationen aus vielen kleineren Satelliten in niedrigen Erdumlaufbahnen. Solche Netze können Ausfälle einzelner Satelliten besser verkraften und Kommunikations- sowie Aufklärungsdienste großflächig bereitstellen.
Damit steigt allerdings auch die Zahl notwendiger Starts. Bisher kamen deutsche Militärsatelliten unter anderem über amerikanische Startanbieter und den europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana ins All. Gerade für kurzfristige Ersatzstarts können lange Transportwege und ausgebuchte kommerzielle Kapazitäten zum Problem werden. Ein eigener oder dauerhaft verfügbarer Startplatz soll deshalb vor allem die Reaktionsfähigkeit erhöhen.
Vor einer Entscheidung sind erhebliche technische, rechtliche und wirtschaftliche Fragen zu klären. Ein Startgebiet benötigt Sicherheitszonen für die Bevölkerung, die Luftfahrt und die Schifffahrt. Ebenso müssen Auswirkungen auf Umwelt und Infrastruktur geprüft werden. Bei einer Anlage im Ausland kämen Vereinbarungen mit dem jeweiligen Staat hinzu. Eine Offshore-Lösung wiederum müsste bei jedem Start mit Schifffahrt, Luftverkehr und Wetterbedingungen abgestimmt werden.
Damit befindet sich das Vorhaben deutlich vor einer möglichen Bauphase. Offiziell bestätigt sind bislang das strategische Interesse des Verteidigungsministeriums an zusätzlichen Startkapazitäten und die Prüfung verschiedener Lösungen. Ein bestimmter Standort, konkrete Kosten und ein verbindlicher Zeitplan wurden noch nicht festgelegt. Ob am Ende tatsächlich eine eigene Bundeswehr-Basis entsteht oder Deutschland auf ein Netzwerk militärisch gesicherter Startplätze im In- und Ausland setzt, ist weiterhin offen.






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