Calcium und Vitamin D: Große Studie relativiert den Knochenschutz

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Calcium und Vitamin D gehören zu den bekanntesten Mitteln, wenn es um stabile Knochen und die Vorbeugung von Osteoporose geht. Eine große wissenschaftliche Auswertung stellt jedoch infrage, ob eine routinemäßige Einnahme der Präparate bei Erwachsenen tatsächlich Knochenbrüche und Stürze verhindert. Für bestimmte Risikogruppen bleibt eine gezielte Ergänzung trotzdem Bestandteil der medizinischen Empfehlungen.

Die zugrunde liegende Metaanalyse wurde im Mai 2026 im Fachjournal The BMJ veröffentlicht und wird im Herbst erneut intensiv diskutiert. Ein kanadisches Forschungsteam wertete 69 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 153.902 Erwachsenen aus. Untersucht wurden Calcium, Vitamin D sowie die Kombination aus beiden im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung.

Große Analyse findet insgesamt nur geringen Nutzen

Die Ergebnisse fallen für die breite untersuchte Bevölkerung zurückhaltend aus. Vitamin D allein verringerte das Risiko für Knochenbrüche insgesamt nicht erkennbar. Auch für Stürze ergab sich kein relevanter Vorteil. Bei Calcium allein zeigte sich ebenfalls kein klarer Schutz vor Frakturen.

Für die Kombination aus Calcium und Vitamin D errechneten die Forschenden zwar einen statistischen Unterschied. Das relative Risiko für Knochenbrüche insgesamt lag etwa neun Prozent niedriger als in den Vergleichsgruppen. Bei Hüftfrakturen zeigte die Analyse eine relative Verringerung von rund 16 Prozent.

Entscheidend ist allerdings die absolute Größenordnung. Bei Hüftfrakturen entsprach der Unterschied ungefähr drei vermiedenen Brüchen je 1.000 behandelten Menschen. Die absolute Risikoreduktion lag damit bei rund 0,3 Prozentpunkten. Die Autoren stuften diesen Effekt anhand ihrer vorher festgelegten Schwellen als nicht ausreichend ein, um von einem klinisch bedeutsamen Nutzen für die breite Bevölkerung zu sprechen.

Hinzu kommt, dass ein Teil des beobachteten Vorteils stark von einer einzelnen Studie mit besonders gefährdeten älteren Frauen beeinflusst wurde.

Ergebnisse gelten nicht für jede Patientengruppe gleichermaßen

Die Untersuchung beantwortet deshalb nicht die Frage, ob Calcium und Vitamin D bei jedem Menschen verzichtbar sind. Die Mehrheit der berücksichtigten Studien untersuchte ältere Menschen, die selbstständig lebten und kein besonders hohes Risiko für Knochenbrüche oder Stürze hatten.

87 Prozent der Studien bezogen sich überwiegend auf Menschen, die nicht in Pflegeeinrichtungen lebten. Nur rund 28 Prozent untersuchten Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Risiko. Lediglich vier der 69 Studien schlossen ausschließlich Menschen mit diagnostizierter Osteoporose ein.

Besonders wichtig ist eine weitere Einschränkung: Menschen, die bereits eine spezifische medikamentöse Osteoporosetherapie erhielten, waren von der Metaanalyse ausgeschlossen. Die Ergebnisse lassen sich damit nicht ohne Weiteres auf Patientinnen und Patienten übertragen, die beispielsweise mit Bisphosphonaten, Denosumab oder anderen Osteoporosemedikamenten behandelt werden.

Deutsche Leitlinie setzt zunächst auf Ernährung

Die deutsche DVO-Leitlinie unterscheidet deshalb zwischen einer ausreichenden Nährstoffversorgung und einer pauschalen Einnahme von Tabletten.

Menschen mit Osteoporose ohne spezifische medikamentöse Therapie sollen demnach täglich etwa 1.000 Milligramm Calcium aufnehmen. Diese Menge soll möglichst über Lebensmittel erreicht werden. Erst wenn die Ernährung nicht genügend Calcium liefert, wird eine zusätzliche Einnahme empfohlen.

Auch bei Vitamin D sieht die Leitlinie keine automatische Supplementierung für jeden Menschen vor. Bei unzureichender oder unsicherer körpereigener Bildung beziehungsweise Aufnahme werden bei Osteoporose täglich 800 bis 1.000 Internationale Einheiten Vitamin D3 empfohlen.

Eine besondere Bedeutung hat die ausreichende Versorgung während einer medikamentösen Osteoporosetherapie. Vor allem bei bestimmten antiresorptiven Medikamenten muss sichergestellt sein, dass ausreichend Calcium und Vitamin D zur Verfügung stehen.

Fachleute sehen weiterhin sinnvolle Einsatzgebiete

Die Frankfurter Osteoporose-Expertin Friederike Thomasius verweist darauf, dass die Studienergebnisse nicht gegen jede Form der gezielten Supplementierung sprechen. Weiterhin infrage kommen demnach Menschen mit erhöhtem Osteoporoserisiko, niedriger Knochendichte und gleichzeitig geringer Calciumzufuhr oder unzureichender Sonnenexposition.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Nahrungsergänzungsmittel nicht pauschal für gesunde Menschen. Bei Vitamin D sieht sie eine Ergänzung vor allem dann als sinnvoll an, wenn eine ausreichende Versorgung weder durch körpereigene Bildung noch auf anderem Weg erreicht werden kann. Dazu können beispielsweise Menschen gehören, die sich nur selten im Freien aufhalten, pflegebedürftige ältere Personen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

Calcium sollte nach Möglichkeit über die Ernährung aufgenommen werden. Geeignete Quellen sind unter anderem Milch und Milchprodukte, bestimmte Gemüsearten sowie calciumreiches Mineralwasser.

Mehr Vitamin D ist nicht automatisch besser

Die Ergebnisse liefern auch keinen Grund, Vitamin D vorsorglich besonders hoch zu dosieren. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor hohen Einzeldosen, die beispielsweise nur wöchentlich oder in noch größeren Abständen eingenommen werden.

In einigen Untersuchungen waren sehr hohe Vitamin-D-Dosen sogar mit einem höheren Risiko für Stürze oder Knochenbrüche verbunden. Das BfR rät bei einem bestehenden Bedarf eher zu moderaten täglichen Dosierungen als zu hoch dosierten Bolusgaben ohne ärztliche Kontrolle.

Auch bei Calcium gilt, dass eine hohe zusätzliche Zufuhr nicht automatisch zusätzlichen Nutzen bringt. Eine längerfristige Überversorgung kann unter anderem Nierensteine und Störungen der Nierenfunktion begünstigen.

Die große Metaanalyse verändert damit vor allem den Blick auf die vorbeugende Routineeinnahme bei grundsätzlich ausreichend versorgten Erwachsenen. Sie stellt nicht infrage, dass Calcium und Vitamin D für den Knochenstoffwechsel notwendig sind. Der Unterschied liegt zwischen einer ausreichenden Versorgung und der Erwartung, zusätzliche Präparate könnten unabhängig von Ausgangslage und individuellem Risiko zuverlässig vor Knochenbrüchen schützen.

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