
36 Jahre nach der Deutschen Einheit bleibt der wirtschaftliche Abstand zwischen Ost und West deutlich. Eine neue Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass der langfristige Aufholprozess in den fünf ostdeutschen Flächenländern zuletzt kaum noch vorangekommen ist. Nach den aktuellen Zahlen des IW-Einheitsindex erreichten sie 2025 knapp 79 Prozent des westdeutschen Niveaus. Ein Jahr zuvor waren es gut 78 Prozent.
Der Index bündelt mehrere wirtschaftliche Kennzahlen. Dazu gehören die Wirtschaftsleistung je Einwohner, die Produktivität, die Ausstattung mit Kapital, Forschung und Entwicklung, die Erwerbsbeteiligung sowie Arbeitslosen- und Selbstständigenquote. Damit beschreibt der Wert nicht allein die Höhe des Bruttoinlandsprodukts, sondern ein breiteres Bild der wirtschaftlichen Angleichung.
In den ersten Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung verringerte sich ein großer Teil des wirtschaftlichen Rückstands. Inzwischen sind die Fortschritte wesentlich kleiner geworden. Nach der neuen IW-Auswertung hat die ostdeutsche Wirtschaft beim Gesamtindex seit rund fünf Jahren kaum noch gegenüber dem Westen aufgeholt.
Schon eine IW-Untersuchung aus dem Jahr 2025 hatte diesen Trend beschrieben. Damals kamen die fünf ostdeutschen Flächenländer beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner auf rund 72 Prozent des westdeutschen Werts. Der umfassender angelegte Einheitsindex lag deutlich höher, weil darin auch andere Bereiche wie Beschäftigung und Arbeitsmarkt berücksichtigt werden.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Produktivität. Der Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026 des ifo Instituts beziffert das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen in den ostdeutschen Flächenländern für 2025 auf rund 85 Prozent des westdeutschen Durchschnitts. Zehn Jahre zuvor waren es etwa 78 Prozent, 1991 lediglich 34,5 Prozent. Der langfristige Fortschritt ist damit erheblich, eine vollständige Annäherung ist bislang aber nicht erreicht.
Auch bei der Kapitalausstattung bleiben Unterschiede bestehen. Nach den aktuellen IW-Zahlen erreichte der Kapitalstock je Einwohner im Osten 2025 gut 79 Prozent des westdeutschen Niveaus. 2010 waren es knapp 77 Prozent. Zu diesem Kapitalstock zählen unter anderem Maschinen, Produktionsanlagen, Gebäude und Infrastruktur.
Der vergleichsweise geringe Fortschritt über einen Zeitraum von 15 Jahren ist relevant, weil Investitionen die künftige Produktionsleistung und Produktivität beeinflussen. Bereits frühere IW-Auswertungen hatten darauf hingewiesen, dass die Investitionen in Ostdeutschland nach dem starken Aufbau in den Jahren nach der Wiedervereinigung langfristig deutlich hinter den westdeutschen Pro-Kopf-Werten zurückblieben.
Besonders groß ist nach der aktuellen Auswertung die Differenz bei Forschung und Entwicklung. Beim entsprechenden Personal kommen die fünf ostdeutschen Flächenländer demnach auf gut 46 Prozent des Westniveaus. Als strukturelles Problem gelten seit Jahren zudem die geringere Zahl großer Unternehmenszentralen und die kleinteiligere Unternehmenslandschaft.
Auch bei den Verdiensten ist der historische Abstand erheblich kleiner geworden, aber nicht verschwunden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhielten Vollzeitbeschäftigte in den neuen Ländern ohne Berlin 2025 durchschnittlich 4.121 Euro brutto im Monat, Sonderzahlungen nicht eingerechnet. Im früheren Bundesgebiet einschließlich Berlin waren es 4.961 Euro.
Damit erreichte der ostdeutsche Durchschnitt rund 83 Prozent des westdeutschen Werts. Die Differenz lag bei 840 Euro im Monat. Anfang der 1990er Jahre war die Lücke wesentlich größer. 1991 lagen die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste im Osten bei 924 Euro.
Auch der Median zeigt für 2025 einen deutlichen Unterschied. Der mittlere Bruttojahresverdienst von Vollzeitbeschäftigten lag in den östlichen Bundesländern ohne Berlin bei 46.013 Euro, in den westlichen Bundesländern bei 55.435 Euro. Der Median wird weniger stark von besonders hohen Einkommen beeinflusst als ein Durchschnittswert.
Zu den größten Herausforderungen gehört die Bevölkerungsentwicklung. Nach der aktuellen IW-Auswertung sank die Erwerbsbeteiligung des Ostens im Verhältnis zum Westniveau. Gemessen an der Gesamtbevölkerung erreichten die ostdeutschen Flächenländer 2010 noch knapp 89 Prozent des westdeutschen Werts, 2025 waren es gut 85 Prozent.
Das IW verweist in diesem Zusammenhang auf den Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Ohne zusätzliche Zuwanderung könnte die Bevölkerung in den ostdeutschen Ländern nach den in der Untersuchung verwendeten Projektionen bis 2045 um mehr als ein Fünftel zurückgehen.
Andere Wirtschaftsforschungsinstitute kommen bei der grundlegenden Diagnose zu ähnlichen Ergebnissen. Das ifo Institut stellte im Wettbewerbsreport 2026 fest, dass der Aufholprozess zwar weitergegangen ist, aber durch schwache private Investitionen und den zunehmenden Fachkräftemangel gefährdet wird. Das DIW hatte bereits 2025 zugleich darauf hingewiesen, dass sich hinter dem Ost-West-Durchschnitt große regionale Unterschiede verbergen. Bei einem Vergleich ähnlich strukturierter ländlicher Regionen fallen die Produktivitätsunterschiede teilweise deutlich geringer aus.
Damit ist die wirtschaftliche Teilung Deutschlands heute weniger eindeutig als zu Beginn der 1990er Jahre. Einzelne ostdeutsche Regionen und Branchen haben stark aufgeholt, während strukturelle Unterschiede bei Produktivität, Unternehmensgrößen, Forschung, Kapitalausstattung und Einkommen fortbestehen. Die aktuellen Zahlen zum Tag der Deutschen Einheit zeigen vor allem, dass sich die verbleibende Lücke inzwischen wesentlich langsamer schließt als in den ersten Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung.






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