
Die Stimmung in der deutschen Chemieindustrie hat sich im September erneut deutlich verbessert. Das Geschäftsklima in der Chemieindustrie stieg nach Angaben des ifo Instituts auf 5,5 Punkte und erreichte damit erstmals in diesem Jahr wieder den positiven Bereich. Im August hatte der saisonbereinigte Wert nach der aktuellen Berechnung noch bei minus 2,6 Punkten gelegen. Besonders deutlich hellte sich der Blick auf die kommenden Monate auf.
Die Geschäftserwartungen der Unternehmen stiegen im September auf plus 2,3 Punkte. Im August hatten sie noch bei minus 15,0 Punkten gelegen. Damit rechnen inzwischen wieder mehr Unternehmen mit einer Verbesserung ihrer Geschäfte als mit einer Verschlechterung. Hinter dem Stimmungsumschwung steht jedoch nicht allein eine grundsätzlich stärkere Nachfrage. Einen erheblichen Anteil haben die weltweiten Unsicherheiten und Störungen internationaler Lieferketten.
Ein wichtiger Faktor sind Vorratskäufe. Kunden chemischer Unternehmen sichern sich angesichts unsicherer Lieferwege und möglicher Engpässe zusätzliche Bestände. Die Versorgungssicherheit erhält dadurch bei Einkaufsentscheidungen mehr Gewicht. Davon profitieren Hersteller in Deutschland, wenn Lieferungen aus anderen Weltregionen schwieriger oder weniger zuverlässig verfügbar sind.
Dieser Effekt hatte die Branche bereits in den vergangenen Monaten gestützt. Der Verband der Chemischen Industrie berichtete Anfang September, dass viele Unternehmen wegen des Nahostkonflikts ihre Lagerbestände aufgestockt hätten. Gleichzeitig beeinträchtigten Störungen in Asien und im Nahen Osten zeitweise konkurrierende Anbieter. Deutsche und andere europäische Hersteller konnten dadurch zusätzliche Nachfrage bedienen.
Die bessere Stimmung im September knüpft damit an eine Entwicklung an, die sich bereits im zweiten Quartal in den Geschäftszahlen bemerkbar gemacht hatte. Die chemisch-pharmazeutische Produktion in Deutschland stieg damals saisonbereinigt um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Der Branchenumsatz erhöhte sich um 7,3 Prozent auf 54,5 Milliarden Euro. Neben leicht höheren Absatzmengen wirkten dabei allerdings auch gestiegene Preise.
Die aktuellen Daten liefern deshalb noch keinen Beleg für einen nachhaltigen Aufschwung der Branche. Die Verbesserung hängt zu einem erheblichen Teil mit außergewöhnlichen Bedingungen im Welthandel zusammen. Fallen Lieferengpässe weg oder werden Lagerbestände nicht weiter aufgebaut, kann dieser zusätzliche Nachfrageimpuls wieder nachlassen.
Auch die Auslastung der Unternehmen bleibt niedrig. Im zweiten Quartal lag die Kapazitätsauslastung der chemisch-pharmazeutischen Industrie nach Angaben des VCI bei 73,2 Prozent. Der Verband verweist zum Vergleich auf einen langfristigen Durchschnitt von rund 83 Prozent. Viele Anlagen könnten damit deutlich mehr produzieren, wenn ausreichend Aufträge vorhanden wären.
Hinzu kommen weiterhin hohe Kosten für Energie, Rohstoffe und Transporte. Gerade für energieintensive Chemieunternehmen sind diese Faktoren für die internationale Wettbewerbsfähigkeit von großer Bedeutung. Im zweiten Quartal stiegen die Erzeugerpreise der Branche gegenüber dem Vorquartal um 5,7 Prozent. Gleichzeitig gingen Auftragseingang und Umsatz gegen Ende des Quartals bereits wieder zurück.
Auch der Branchenverband bewertet die Entwicklung des laufenden Jahres weiterhin zurückhaltend. Für 2026 erwartet der VCI nach seiner Anfang September veröffentlichten Prognose für die chemisch-pharmazeutische Industrie einen Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. Beim Umsatz wird zwar ein Plus von 2,5 Prozent erwartet, dieses dürfte nach Einschätzung des Verbandes jedoch überwiegend auf höhere Preise zurückzuführen sein.
Die Lage bleibt damit widersprüchlich. Einerseits profitieren Teile der Chemieindustrie von Lieferproblemen internationaler Wettbewerber und vom Wunsch vieler Kunden, ihre Versorgung abzusichern. Andererseits sind wesentliche strukturelle Belastungen nicht verschwunden. Dazu gehören die geringe Kapazitätsauslastung, hohe Standortkosten und eine weiterhin verhaltene Industrienachfrage.
Der jüngste Stimmungsanstieg fällt zugleich in eine Phase, in der sich die Erwartungen in der deutschen Wirtschaft insgesamt verbessert haben. Der allgemeine ifo Geschäftsklimaindex stieg im September von 88,8 auf 89,9 Punkte. Im Verarbeitenden Gewerbe waren vor allem die Erwartungen optimistischer. Allerdings bleiben die Entwicklungen zwischen einzelnen Industriezweigen sehr unterschiedlich.
Für die Chemiebranche ist die weltweite Lage derzeit in besonderem Maße relevant, weil viele ihrer Produkte am Anfang industrieller Wertschöpfungsketten stehen. Chemikalien werden unter anderem in der Autoindustrie, im Bau, in der Elektroindustrie und bei zahlreichen Konsumgütern benötigt. Veränderungen bei Lieferwegen, Rohstoffpreisen und Lagerstrategien können sich deshalb schnell auf Aufträge auswirken.
Die jüngste Verbesserung zeigt, dass deutsche Hersteller derzeit zumindest teilweise von der Suche ihrer Kunden nach verlässlichen Lieferquellen profitieren. Ob daraus eine länger anhaltende Belebung der Produktion entsteht, hängt jedoch stärker von der Entwicklung der tatsächlichen Nachfrage ab als von vorübergehenden Vorratskäufen. Die Septemberzahlen markieren damit eine deutliche Verbesserung gegenüber dem schwachen Frühjahr, während die wirtschaftliche Basis der Branche weiterhin unter Druck steht.






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