
Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China könnte 2026 erstmals die Marke von 100 Milliarden Euro überschreiten. Das geht aus einer neuen Hochrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Besonders stark verändert sich der Warenhandel in drei Schlüsselbranchen: Automobilindustrie, Elektroindustrie und Maschinenbau. Während deutsche Unternehmen weniger nach China exportieren, gewinnen chinesische Hersteller auf dem deutschen Markt weiter an Bedeutung.
Die Entwicklung zeigt eine deutliche Verschiebung der wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse. Im Jahr 2019 lag das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China noch bei 14,1 Milliarden Euro. Für 2025 wies das Statistische Bundesamt bereits einen Fehlbetrag von rund 90 Milliarden Euro aus. Nach der aktuellen IW-Prognose könnte die Differenz zwischen Importen und Exporten 2026 erstmals auf mehr als 100 Milliarden Euro steigen.
Damit wäre das Defizit innerhalb von sieben Jahren auf mehr als das Siebenfache angewachsen. Nach Berechnungen des IW dürften die deutschen Warenexporte nach China 2026 rund 25 Prozent niedriger ausfallen als 2019. Die Einfuhren aus China könnten im gleichen Zeitraum dagegen um 62 Prozent steigen.
Auch die bisherigen amtlichen Zahlen bestätigen die gegenläufige Entwicklung. Zwischen Januar und August 2026 gingen die deutschen Exporte nach China gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 12,9 Prozent zurück. Die Importe aus der Volksrepublik stiegen gleichzeitig um 10,1 Prozent.
Besonders deutlich wird die Veränderung in der deutschen Automobilindustrie. Noch 2019 erzielten deutsche Hersteller im Handel mit Fahrzeugen und Fahrzeugteilen einen Überschuss von mehr als 23 Milliarden Euro gegenüber China. Nach der IW-Hochrechnung dürfte dieser Vorsprung 2026 nahezu vollständig verschwunden sein.
Auf die Automobilindustrie entfällt damit fast ein Viertel des gesamten Anstiegs des deutschen Handelsbilanzdefizits mit China seit 2019.
Bereits 2025 waren die deutschen Automobilexporte nach China gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die chinesische Automobilindustrie technologisch weiterentwickelt und ihre internationale Wettbewerbsposition ausgebaut. Besonders bei Elektrofahrzeugen treten chinesische Hersteller zunehmend als Konkurrenten deutscher Anbieter auf.
Auch im Maschinenbau verändert sich die Handelsbilanz grundlegend. Deutschland erzielte 2019 noch einen Exportüberschuss von knapp zehn Milliarden Euro gegenüber China. Sollte sich die Entwicklung aus der ersten Jahreshälfte fortsetzen, könnte daraus 2026 erstmals ein Defizit von gut einer Milliarde Euro werden.
Noch stärker fällt die negative Bilanz der Elektroindustrie aus. Hier lag der deutsche Importüberschuss 2019 bei 4,8 Milliarden Euro. Für 2026 erwartet das IW einen Anstieg auf mehr als 24 Milliarden Euro. Die Branche trägt damit ebenfalls erheblich zur Verschlechterung der gesamten Handelsbilanz bei.
Die Zahlen verdeutlichen, dass die Verschiebung nicht auf einzelne Konsumgüter beschränkt ist. Chinesische Hersteller gewinnen zunehmend auch in Industriebereichen an Gewicht, die lange zu den wichtigsten Stärken der deutschen Exportwirtschaft gehörten.
Für die Entwicklung kommen mehrere Faktoren zusammen. Chinesische Unternehmen haben ihre technologische Leistungsfähigkeit ausgebaut und ersetzen zunehmend importierte Produkte durch eigene Erzeugnisse. Gleichzeitig wird der chinesische Markt teilweise direkt durch Produktionsstandorte deutscher Unternehmen vor Ort beliefert. Hinzu kommt eine schwache chinesische Binnennachfrage.
Das IW sieht außerdem erhebliche Wettbewerbsverzerrungen durch staatliche Industriesubventionen und die Wechselkursentwicklung des chinesischen Yuan. Diese Faktoren verschafften chinesischen Unternehmen nach Einschätzung des Instituts zusätzliche Preisvorteile auf internationalen Märkten.
Hohe europäische Energiekosten erklären die Entwicklung aus Sicht der IW-Forscher dagegen nur teilweise. Die besonders betroffenen Branchen Automobilbau, Maschinenbau und Elektroindustrie zählen nicht zu den energieintensivsten Industriezweigen. Energieintensive Bereiche wie Chemie, Metall, Papier und Glas steuern nach der neuen Untersuchung zusammen lediglich rund vier Milliarden Euro zum Anstieg des Handelsbilanzdefizits seit 2019 bei.
Für die deutsche Industrie bedeutet die Entwicklung eine doppelte Herausforderung. Unternehmen verlieren Absatzmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt und müssen sich gleichzeitig in Deutschland sowie auf weiteren internationalen Märkten gegen leistungsfähigere chinesische Wettbewerber behaupten.
Ein bilaterales Handelsdefizit bedeutet allerdings nicht automatisch einen gleich hohen wirtschaftlichen Verlust. Deutschland erzielt im Warenhandel mit anderen Ländern weiterhin erhebliche Überschüsse. Die Entwicklung einzelner Industriezweige zeigt dennoch, wie stark sich die Wettbewerbsbedingungen verändert haben.
Die neuen Zahlen dürften auch die handelspolitische Debatte innerhalb der Europäischen Union verstärken. Das IW spricht sich für handelspolitische Gegenmaßnahmen aus, insbesondere für Ausgleichszölle gegen aus seiner Sicht wettbewerbsverzerrende chinesische Preisvorteile. Daneben gewinnt die Frage an Bedeutung, wie europäische Unternehmen ihre industrielle Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Abhängigkeiten bei wichtigen Produkten verringern können.
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