Deutschland öffnet die Nordsee für CO2 aus der Industrie

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Deutschland hat die rechtlichen Voraussetzungen für die dauerhafte Speicherung von Kohlendioxid tief unter dem Meeresboden geschaffen. Damit kann abgeschiedenes CO2 aus Industrieanlagen künftig über Pipelines und Schiffe zu Lagerstätten in der Nordsee gelangen. Besonders Wilhelmshaven positioniert sich als möglicher Knotenpunkt für diese neue Infrastruktur. Bis tatsächlich große Mengen aus deutschen Industrieanlagen unter dem Meer gespeichert werden, sind allerdings noch Genehmigungen, Milliardeninvestitionen und der Aufbau neuer Transportwege erforderlich.

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Die entscheidende Änderung des deutschen Kohlendioxidrechts trat am 28. November 2025 in Kraft. Das bisherige Kohlendioxid-Speicherungsgesetz wurde zum Kohlendioxid-Speicherung-und-Transport-Gesetz erweitert. Es erlaubt kommerzielle Kohlendioxidspeicher, die sich überwiegend in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone und auf dem Festlandsockel befinden. Neue CO2 Leitungen und Speicher werden im Gesetz grundsätzlich als Vorhaben von überragendem öffentlichen Interesse eingestuft.

Deutschland erlaubt dauerhafte CO2-Speicherung unter dem Meer

Die CO2-Speicherung unter der Nordsee soll vor allem dort eine Rolle spielen, wo sich Treibhausgasemissionen technisch nur schwer vollständig vermeiden lassen. Dazu zählen etwa Teile der Zement- und Kalkproduktion, der Grundstoffchemie und der Abfallverbrennung. Bei CCS wird Kohlendioxid an einer Anlage abgeschieden, aufbereitet und anschließend in tiefe geologische Gesteinsschichten gepresst. Dort soll es dauerhaft verbleiben.

Nicht jede Fläche in der deutschen Nordsee steht dafür zur Verfügung. Das Gesetz enthält Schutzvorgaben für Meeresschutzgebiete und deren Umgebung. Unter anderem dürfen bestimmte Injektionsanlagen und Einspeisepunkte nicht innerhalb geschützter Meeresgebiete oder in einem Abstand von weniger als acht Kilometern zu diesen Gebieten liegen. Auch lärmintensive seismische Untersuchungen unterliegen zusätzlichen Vorgaben zum Schutz von Schweinswalen.

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Ein kommerzieller CO2 Speicher ist in Deutschland bislang nicht in Betrieb. Die Bundesregierung ging im Mai 2026 davon aus, dass die Erschließung eigener Speicher etwa acht bis zehn Jahre dauern könnte. Kurzfristig könnte deshalb der Transport des abgeschiedenen Kohlendioxids in bereits weiter fortgeschrittene Speicherprojekte anderer Nordseestaaten eine größere Rolle spielen.

Auch der Export per Schiff ist rechtlich vorbereitet

Eine weitere Voraussetzung wurde Anfang 2026 geschaffen. Der Bundestag billigte am 29. Januar Änderungen im Zusammenhang mit dem Londoner Protokoll sowie am Hohe-See-Einbringungsgesetz. Sie ermöglichen unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen den grenzüberschreitenden Transport von CO2 zur dauerhaften Speicherung unter dem Meeresboden. Die Bundesregierung hatte argumentiert, dass kurzfristig in Deutschland nicht genügend eigene Speicherkapazitäten verfügbar seien.

Damit werden verschiedene Transportketten möglich. Große Industrieanlagen könnten ihr abgeschiedenes Kohlendioxid zunächst per Pipeline transportieren. Für Standorte ohne Anschluss an ein CO2 Netz kommen auch Bahntransporte infrage. An Küstenterminals könnte das Kohlendioxid zwischengespeichert, auf Schiffe verladen und anschließend zu Speicherstätten etwa in der Nordsee gebracht werden.

Länder wie Norwegen und Dänemark sind bei solchen Projekten weiter. In der dänischen Nordsee werden ehemalige Öl- und Gasstrukturen für die Speicherung vorbereitet. Deutschland könnte deshalb zunächst auch Speicherkapazitäten außerhalb der eigenen ausschließlichen Wirtschaftszone nutzen.

Wilhelmshaven plant CO2 Terminals und neue Transportwege

Wilhelmshaven könnte in dieser Infrastruktur eine zentrale Rolle übernehmen. Im dort geplanten Energy Hub sind mehrere CO2 Projekte vorgesehen. Harbour Energy plant mit CO2nnectNow einen Umschlagplatz, an dem Kohlendioxid per Bahn, Schiff oder lokaler Pipeline ankommen und anschließend zu Speicherstätten in der Nordsee weitergeleitet werden könnte. Als Zieljahr wird derzeit 2029 genannt.

Auch Tree Energy Solutions plant für 2029 ein CO2 Terminal. Nach den veröffentlichten Projektangaben sollen dafür unter anderem ein Bahnterminal, Zwischenspeicher, eine CO2 Aufbereitungsanlage und eine rund acht Kilometer lange Verbindungspipeline zum Exportterminal entstehen. Zusätzlich ist eine Anlage vorgesehen, an der flüssiges Kohlendioxid aus Ganzzügen entladen und anschließend per Schiff exportiert oder über eine Pipeline weitergeleitet werden könnte.

Der Fernleitungsnetzbetreiber OGE arbeitet gleichzeitig an einem sogenannten WHV CO2 Corridor. Er soll Wilhelmshaven über eine westliche Route mit industriellen Zentren verbinden. Genannt werden unter anderem Dortmund, Duisburg, Düsseldorf und Köln sowie Industriegebiete in Ostwestfalen. OGE spricht davon, mit diesem Korridor einen erheblichen Anteil der verbleibenden industriellen CO2 Emissionen an Exportmöglichkeiten in Wilhelmshaven anbinden zu können.

Damit wäre grundsätzlich auch eine Verbindung zu Regionen mit großen Stahlstandorten möglich. Eine konkrete Transportkette, bei der bereits abgeschiedenes CO2 eines bestimmten Stahlwerks über Wilhelmshaven in einen Speicher gepumpt wird, besteht jedoch noch nicht. Die gegenwärtigen Angaben beziehen sich auf geplante Netze und künftige industrielle Anschlussmöglichkeiten.

Erste Firma will deutschen Nordsee-Untergrund untersuchen

Dass der neue Rechtsrahmen bereits praktische Folgen hat, zeigt ein Genehmigungsverfahren in Niedersachsen. Die BEB Erdgas und Erdöl GmbH, vertreten durch ExxonMobil Production Deutschland, hat beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie beantragt, ein 2.759 Quadratkilometer großes Gebiet in der zentralen deutschen Nordsee auf seine Eignung für Kohlendioxidspeicher zu untersuchen.

Das geplante Untersuchungsprogramm soll sich über fünf Jahre erstrecken und geophysikalische Messungen sowie bis zu drei Untersuchungsbohrungen umfassen. Eine Genehmigung dieser Erkundung wäre noch keine Erlaubnis für einen späteren CO2 Speicher. Dafür wäre ein separates Planfeststellungsverfahren erforderlich.

Umweltverbände warnen vor Risiken für die Nordsee

Gegen das Vorhaben haben BUND, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, OceanCare und Whale and Dolphin Conservation Einwände erhoben. Die Verbände kritisieren unter anderem den Unterwasserlärm geplanter seismischer Untersuchungen und mögliche Auswirkungen auf Schweinswale. Außerdem warnen sie grundsätzlich davor, CCS auf Emissionen auszuweiten, die durch andere Technologien vermieden werden könnten.

Ein weiterer Streitpunkt ist die langfristige Sicherheit der Speicher. Die Bundesregierung verweist darauf, dass geologische Barrieren, mögliche Migrationswege des Kohlendioxids und Umweltauswirkungen standortspezifisch untersucht und überwacht werden müssen. Erfahrungen gibt es unter anderem aus Norwegen, allerdings ist die Zahl großer Speicherprojekte weltweit weiterhin begrenzt.

Das deutsche Gesetz verpflichtet Betreiber deshalb zu Sicherheitsnachweisen, Überwachung und finanzieller Vorsorge. Nach der Stilllegung bleiben sie zunächst für Nachsorge und mögliche Leckagen verantwortlich. Eine Übertragung dieser Verantwortung auf das zuständige Land kann grundsätzlich frühestens 40 Jahre nach Abschluss der Stilllegung verlangt werden. Voraussetzung ist unter anderem, dass die Langzeitsicherheit nachgewiesen wurde und keine Leckagen oder erheblichen Unregelmäßigkeiten bestehen.

Aufbau des CO2 Netzes bleibt eine zentrale offene Frage

Offen ist vor allem, wie schnell und zu welchen Kosten ein bundesweites Transportnetz entstehen kann. OGE geht derzeit davon aus, für sein geplantes Netz überwiegend neue Leitungen bauen zu müssen, weil vorhandene Erdgasleitungen die technischen Anforderungen an einen dichten CO2 Transport nur eingeschränkt erfüllen.

Auch die Wirtschaftlichkeit der gesamten Kette ist noch nicht für alle Branchen geklärt. Neben der Abscheideanlage entstehen Kosten für Verflüssigung, Transport, Umschlag und dauerhafte Speicherung. Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung nennt beispielsweise bei Müllverbrennungsanlagen erhöhte Investitions- und Betriebskosten und geht davon aus, dass CCS dort nicht allein über die absehbare Entwicklung des europäischen CO2 Preises wirtschaftlich wird.

Deutschland hat damit einen grundlegenden Kurswechsel vollzogen. Was über Jahre weitgehend auf Forschung beschränkt war, kann nun industrielle Infrastruktur werden. Die rechtlichen Voraussetzungen für Pipelines, Offshore Speicher und CO2 Exporte stehen. Ob Wilhelmshaven tatsächlich zu einem großen europäischen CO2 Drehkreuz wird, hängt nun von Genehmigungen, Investitionsentscheidungen, dem Aufbau des Leitungsnetzes und verfügbaren Speicherstätten in der Nordsee ab.

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