
Gut zwei Wochen vor der Wahl zur russischen Staatsduma hat Präsident Wladimir Putin Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes zurückgewiesen. Beim Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok erklärte Putin am Donnerstag, 3. September 2026, das wachsende Haushaltsdefizit stelle aus seiner Sicht keine ernsthafte Gefahr für die russische Wirtschaft dar. Zugleich griff er die Ukraine wegen ihrer Warnungen vor dem russischen Luftraum scharf an und sprach von Terrorismus. Die verfügbaren Konjunkturdaten zeigen unterdessen ein deutlich schwächeres Wachstum, weiterhin hohe Zinsen und einen Bundeshaushalt, dessen Defizit bereits über der für das Gesamtjahr vorgesehenen Größenordnung liegt.
Putin äußerte sich auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok, einem jährlich veranstalteten Treffen mit Politikern und Wirtschaftsvertretern im russischen Fernen Osten. Er argumentierte, Russland könne sich das höhere Haushaltsdefizit leisten, weil die Staatsverschuldung im internationalen Vergleich niedrig sei. Eine unmittelbar bevorstehende schwere Haushaltskrise stellte er in Abrede.
Die Zahlen bestätigen zwar, dass die russische Staatsverschuldung gemessen an der Wirtschaftsleistung vergleichsweise niedrig ist. Gleichzeitig hat sich die Haushaltslage deutlich verschlechtert. Von Januar bis Juli 2026 lagen die Einnahmen des russischen Bundeshaushalts nach Angaben des Finanzministeriums bei 22,112 Billionen Rubel. Die Ausgaben erreichten 28,567 Billionen Rubel. Daraus ergab sich ein Defizit von 6,455 Billionen Rubel beziehungsweise 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Jahr zuvor hatte das Minus im gleichen Zeitraum bei 4,622 Billionen Rubel gelegen.
Für das gesamte Jahr 2026 war ursprünglich ein Defizit von rund 3,786 Billionen Rubel beziehungsweise 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorgesehen. Das Finanzministerium führt einen Teil des hohen Zwischenstands auf vorgezogene Ausgaben und frühzeitige Finanzierung zurück. Die Regierung hatte allerdings bereits zusätzliche Ausgaben eingeplant, sodass das Jahresdefizit höher ausfallen könnte als zunächst beschlossen.
Auch beim Wirtschaftswachstum hat sich das Bild gegenüber den ersten Kriegsjahren verändert. Nach einer vorläufigen Schätzung der russischen Statistikbehörde Rosstat lag das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2026 noch 1,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahresquartals. Die russische Zentralbank hat ihre Prognose für das Gesamtjahr inzwischen auf eine Spanne von null bis einem Prozent Wachstum gesenkt.
Eine Anfang September veröffentlichte Umfrage der Zentralbank unter 33 Ökonomen kommt im Median nur noch auf 0,5 Prozent Wachstum für 2026. Zum Vergleich: 2024 war die russische Wirtschaft nach den von der Zentralbank verwendeten Daten noch um 4,9 Prozent gewachsen, 2025 um ein Prozent. Damit befindet sich Russlands Wirtschaft vor der Duma-Wahl nicht in einer offiziell ausgewiesenen Rezession, die Dynamik hat sich jedoch erheblich abgeschwächt.
Auch einzelne aktuelle Unternehmensdaten weisen auf eine Abkühlung hin. Sberbank-Chef German Gref verwies beim Forum in Wladiwostok auf eine Abschwächung des Konsums seit Juni. Nach Angaben des russischen Wirtschaftsministeriums lag das Wachstum im Juli bei 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, nach 1,7 Prozent im Juni.
Ein weiterer Belastungsfaktor ist das hohe Zinsniveau. Die russische Zentralbank senkte ihren Leitzins am 24. Juli lediglich um 0,25 Prozentpunkte auf 14 Prozent. Die Notenbank bezeichnete die geldpolitischen Bedingungen weiterhin als vergleichsweise straff und verwies auf bestehende Inflationsrisiken. Für das Gesamtjahr erwartet sie eine Inflationsrate von sechs bis sieben Prozent. Am 20. Juli hatte die jährliche Teuerungsrate bei 5,9 Prozent gelegen.
Die Zentralbank hat ihren Zinssatz damit zwar von früheren Höchstständen reduziert, eine rasche Lockerung aber vermieden. Das nächste reguläre Zinstreffen ist für den 11. September angesetzt. Die Ökonomen der jüngsten Zentralbank-Umfrage erwarten für 2026 im Jahresdurchschnitt einen Leitzins von 14,5 Prozent und eine Inflation von 6,6 Prozent zum Jahresende.
Von besonderer Bedeutung für den Staatshaushalt bleiben die Einnahmen aus Öl und Gas. Zwischen Januar und Juli 2026 nahm der russische Bund damit 4,595 Billionen Rubel ein. Das waren 16,8 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Finanzministerium führte den Rückgang vor allem auf niedrigere Ölpreise in den vorausgegangenen Monaten zurück. Gleichzeitig stiegen die Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors um 18,3 Prozent auf 17,518 Billionen Rubel.
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien. Ende August waren Teile der Verarbeitungskapazitäten ausgefallen. Russland reagierte unter anderem mit Einschränkungen für den Export von Kraftstoffen, um den heimischen Markt zu stabilisieren. Die Auswirkungen unterscheiden sich allerdings von den Staatseinnahmen aus dem Export von Rohöl und Gas und dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Neben der Wirtschaft sprach Putin in Wladiwostok über die jüngsten ukrainischen Drohnenangriffe. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte internationale Fluggesellschaften davor gewarnt, Russland anzufliegen beziehungsweise russischen Luftraum zu nutzen. Er begründete dies damit, dass ukrainische Drohnen zunehmend Ziele tief im russischen Staatsgebiet erreichten und der Luftraum dadurch nicht sicher sei.
Putin stellte diese Warnung als Versuch dar, den russischen Luftraum zu blockieren, und bezeichnete das Vorgehen als Terrorismus beziehungsweise staatlichen Terrorismus. Zudem warf er westlichen Unterstützern der Ukraine vor, sich an einem solchen Vorgehen zu beteiligen. Das ist die politische Bewertung des russischen Präsidenten. Eine tatsächlich verhängte internationale Sperrung des russischen Luftraums war damit nicht verbunden.
Die Aussagen fallen unmittelbar in die Schlussphase vor der russischen Parlamentswahl vom 18. bis 20. September. Gewählt werden die 450 Abgeordneten der Staatsduma. In der noch amtierenden Duma verfügt die Regierungspartei Einiges Russland über eine klare absolute Mehrheit. Auf der offiziellen Seite des Parlaments wurden zuletzt mehr als 300 Abgeordnete ihrer Fraktion zugerechnet.
Putin selbst steht bei dieser Wahl nicht zur Abstimmung. Seine Amtszeit als Präsident läuft nach seiner Wiederwahl 2024 weiter. Einiges Russland tritt jedoch mit seiner politischen Unterstützung an und hat unter anderem Vertreter des Kriegs gegen die Ukraine auf prominente Listenplätze gesetzt.
Vor diesem Hintergrund reagierte Putin in Wladiwostok auch auf Spekulationen über eine mögliche neue Mobilmachung nach der Wahl. Er wies entsprechende Darstellungen zurück und bezeichnete sie als völligen Unsinn. Eine neue Mobilmachung kündigte die russische Führung nicht an.
Damit trifft Putins optimistische Darstellung auf Wirtschaftsdaten, die weder einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch noch eine Rückkehr zum kräftigen Wachstum der Jahre 2023 und 2024 erkennen lassen. Russland verzeichnet weiterhin Wachstum, zugleich haben sich Konjunktur und Energieeinnahmen abgeschwächt. Der hohe Leitzins und das deutlich gestiegene Haushaltsdefizit zeigen, dass der finanzielle und wirtschaftliche Spielraum stärker unter Druck steht als noch in den ersten Jahren nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.
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