
In mehreren europäischen Ländern haben Unbekannte Kühlanlagen von Supermärkten manipuliert. Statt Lebensmittel zu kühlen, heizten sich die Anlagen teilweise auf mehr als 50 Grad auf. Zahlreiche Geschäfte mussten Waren entsorgen. Die Cyberangriffe auf Kühlanlagen beschäftigen inzwischen auch den deutschen Verfassungsschutz. Europäische und amerikanische Sicherheitsbehörden warnen vor weiteren Angriffsmöglichkeiten. Wer hinter den Vorfällen steckt, ist weiterhin ungeklärt.
In Deutschland wurden Anfang November Angriffe und mutmaßliche Manipulationen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Rheinland-Pfalz bekannt. Betroffen waren unter anderem zwei CAP-Märkte in Wuppertal und Wetter-Volmarstein, ein Rewe-Markt in Raesfeld sowie Edeka-Filialen in Lilienthal und Reisbach.
In Reisbach in Niederbayern wurden die Kühlanlagen nach Angaben der Geschäftsleitung auf bis zu 50 Grad eingestellt. Große Mengen an Lebensmitteln konnten anschließend nicht mehr verkauft werden. Auch in anderen Märkten mussten Kühlregale geleert und Waren entsorgt werden. In Niedersachsen übernahm die Kriminalpolizei Ermittlungen zu den Manipulationen.
Das Polizeipräsidium Westpfalz bestätigte am 3. November zwei weitere Verdachtsfälle. In einem Supermarkt im Landkreis Kusel und einem lebensmittelverarbeitenden Betrieb im Landkreis Kaiserslautern wurden die Kühlanlagen nach bisherigen Erkenntnissen über einen Fernzugriff verändert. In der Nacht zum 2. November wechselten sie vom Kühlbetrieb in den Heizbetrieb. Die Schadenshöhe war zunächst nicht bezifferbar. Das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz warnt zudem vor Cyberrisiken, die nicht auf Einrichtungen der kritischen Infrastruktur beschränkt sind.
Die Vorfälle in Deutschland stehen zeitlich im Zusammenhang mit einer größeren europäischen Angriffsserie. Bereits am 11. und 12. Oktober waren in Frankreich nach Regierungsangaben rund 700 Supermärkte von Manipulationen ihrer Kühlsysteme betroffen. Dazu gehörten Filialen von Intermarché, Carrefour und Coopérative U. Kühlpflichtige Waren verdarben, einzelne Anlagen wurden beschädigt. Französische Handelsvertreter bezifferten die möglichen Verluste landesweit auf mehrere zehn Millionen Euro.
In der Nacht vom 1. auf den 2. November folgten weitere Vorfälle. Betroffene oder mutmaßlich betroffene Geschäfte wurden unter anderem aus Belgien, Luxemburg, Schweden, Irland, Estland und den Niederlanden gemeldet. Auch aus Italien und Portugal gab es entsprechende Meldungen. In Finnland wurden technische Störungen auf einen möglichen Cyberangriff untersucht.
In Belgien waren unter anderem Filialen von Delhaize und Carrefour betroffen. In Schweden meldeten Händler wie ICA und Coop Probleme mit ihren Kühlanlagen. Nicht alle gemeldeten Störungen waren zu diesem Zeitpunkt abschließend als Cyberangriff bestätigt. Ebenso wenig stand fest, ob sämtliche Vorfälle auf dieselben Angreifer zurückzuführen waren.
Die Angriffe beschäftigen inzwischen auch deutsche Nachrichtendienste. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigte gegenüber dem Handelsblatt am 6. November, dass die Vorfälle Gegenstand nachrichtendienstlicher Ermittlungen seien. Auch das Gemeinsame Zentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen befasst sich mit dem Thema. Dort arbeiten verschiedene deutsche Sicherheitsbehörden zusammen.
Eine Zuordnung zu bestimmten Staaten oder Gruppierungen ist bislang nicht gelungen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor, die eine eindeutige Zuschreibung erlauben. Auch ein direkter Zusammenhang zwischen den Angriffen im Oktober und den jüngsten Manipulationen ist nicht abschließend nachgewiesen.
Auf europäischer Ebene haben die EU-Kommission und die Cybersicherheitsagentur ENISA ihre Zusammenarbeit mit Europol und nationalen Sicherheitsstellen verstärkt. In einer gemeinsamen Erklärung vom 4. November verwiesen sie auf Vorfälle seit dem 11. Oktober und forderten betroffene Unternehmen auf, ihre Systeme kurzfristig besser abzusichern.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen Steuerungssysteme, mit denen Kühlanlagen über das Internet überwacht und gewartet werden können. Solche Fernzugänge ermöglichen es technischen Dienstleistern, Temperaturen und Abtauvorgänge ohne einen Besuch vor Ort zu kontrollieren. Fehlen ausreichende Schutzmaßnahmen, können Unbefugte diese Einstellungen verändern.
Die französische Cybersicherheitsbehörde ANSSI warnte bereits am 12. Oktober vor Angriffen auf entsprechende Fernsteuerungen. Ihr Lagezentrum CERT-FR nannte dabei Systeme der Hersteller Danfoss, Copeland und Dixell. Eine aktualisierte Warnung folgte am 16. Oktober.
Nach Einschätzung der französischen Behörde spielten bei den untersuchten Vorfällen grundlegende Sicherheitsprobleme eine wichtige Rolle. Dazu gehörten direkt aus dem Internet erreichbare Verwaltungsoberflächen und unzureichend geschützte Zugänge. Nicht für alle Angriffe ist der genaue technische Ablauf abschließend geklärt.
ANSSI empfiehlt, die Steuerungssysteme nicht unmittelbar über das öffentliche Internet erreichbar zu machen. Notwendige Fernwartung soll über geschützte Verbindungen erfolgen. Hinzu kommen sichere Passwörter, aktuelle Software und eine Überprüfung der Temperatureinstellungen.
Am 5. November veröffentlichten die amerikanische Cybersicherheitsbehörde CISA, das FBI sowie die Ministerien für Gesundheit, Landwirtschaft und Verkehr eine gemeinsame Warnung. Darin geht es um Angriffe auf industrielle Kühlsysteme und Anlagen zur Überwachung von Kühlketten.
Die US-Behörden weisen darauf hin, dass manipulierte Temperatursteuerungen nicht nur Warenverluste verursachen können. Unter bestimmten Umständen seien auch Schäden an technischen Anlagen und Brandgefahren möglich. Die Warnung richtet sich deshalb neben Supermärkten ausdrücklich an Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft, des Gesundheitswesens, der chemischen Industrie und des Transportsektors.
Dass die Risiken über den Lebensmittelhandel hinausreichen, zeigen weitere Vorfälle. In Frankreich wurden Kühlsysteme von Einrichtungen des Blutspendedienstes angegriffen. Nach Angaben des Blutspendedienstes konnten die Manipulationen rechtzeitig erkannt werden, sodass die Sicherheit der Blutprodukte nicht beeinträchtigt wurde. In Deutschland bestätigte das BSI außerdem einen Angriff auf die Kühltechnik eines Pharmahändlers.
Für betroffene Supermärkte entstehen die unmittelbaren Folgen vor allem durch verdorbene Waren, zeitweise leergeräumte Kühlregale und zusätzliche Kosten für die Wiederherstellung der Anlagen. Müssen vorgeschriebene Kühltemperaturen überschrittene Waren aus dem Verkauf genommen werden, können auch erhebliche wirtschaftliche Verluste entstehen.
Eine Gefährdung der allgemeinen Lebensmittelversorgung in Deutschland sieht das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik derzeit nicht. Die Behörde bestätigte Anfang November einzelne Sicherheitsvorfälle bei Supermärkten und anderen Unternehmen, verwies zugleich aber darauf, dass die Versorgungssicherheit nicht bedroht sei.
Für Betreiber vernetzter Kühltechnik stehen damit vor allem die Absicherung externer Zugänge und die Kontrolle der Anlagen im Mittelpunkt. Die jüngsten Vorfälle zeigen, dass Cyberangriffe nicht zwangsläufig Unternehmensdaten betreffen müssen. Schon eine Manipulation technischer Steuerungen kann erhebliche Auswirkungen auf den laufenden Betrieb und die Verfügbarkeit von Lebensmitteln haben.
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