
Eine neue Untersuchung lenkt den Blick auf ein auffälliges Verhalten von Delfinen in der Adria. Große Tümmler folgen dort häufig Fischtrawlern, offenbar um leichter an Nahrung zu gelangen. Die Studie wurde am 3. Juli 2026 in der Fachzeitschrift Frontiers in Mammal Science veröffentlicht. Untersucht wurden Gewässer vor den italienischen Regionen Venetien und Marken. Die Daten stammen aus den Jahren 2018 bis 2025. Insgesamt werteten die Autoren 17.755 Kilometer Beobachtungsfahrten und 859 kontrollierte Trawler aus.
Nach den Ergebnissen der Studie tauchten Delfine bei 212 von 859 überprüften Trawlern im Kielwasser auf. Das entspricht 24,7 Prozent. Besonders häufig beobachteten die Forscher die Tiere hinter Grundscherbrett-Trawlern. Dort lag der Anteil bei 41,3 Prozent. Bei pelagischen Paartrawlern waren es 35,1 Prozent, bei Baumkurren nur 1,5 Prozent. Auffällig war der regionale Unterschied: Vor Venetien folgten Delfine gut einem Viertel der untersuchten Grundscherbrett-Trawler, vor Marken waren es rund drei Viertel.
Die Beobachtungen sprechen nicht nur für zufällige Begegnungen. Die Tiere suchten hinter den Booten offenbar gezielt nach Nahrung. Laut Studie können Delfine Fische aus den Netzen erbeuten, aufgewirbelte Meeresorganismen fressen oder sich von Beifang ernähren, der über Bord geht. Auch Jungtiere wurden in solchen Gruppen beobachtet. Erwachsene Tiere kamen in allen dokumentierten Gruppen vor, Jungtiere in gut der Hälfte, Kälber in knapp einem Drittel der Fälle.
Die Ergebnisse passen in ein größeres Bild: Das Mittelmeer und das Schwarze Meer gehören weiterhin zu den Regionen mit starkem Fischereidruck. Die FAO meldete Ende 2025 zwar Fortschritte, zugleich blieben 52 Prozent der bewerteten Bestände überfischt. Die neue Adria-Studie beschreibt die Region als besonders stark von Schleppnetzfischerei geprägt. Solche Netze können Meeresböden verändern, Lebensräume beschädigen und Beutebestände verringern.
Der Große Tümmler ist in Europa eine geschützte Art. Die Europäische Umweltagentur führt Tursiops truncatus als Art, die unter die EU-Habitatrichtlinie fällt. Damit betrifft die Debatte nicht nur die italienische Fischerei, sondern auch europäische Meeresschutzpolitik. OceanCare fordert auf Grundlage der Studie einen schnelleren Ausstieg aus der Grundschleppnetzfischerei in sensiblen Gebieten. Diese Forderung ist eine Position der Organisation, nicht selbst Ergebnis einer behördlichen Entscheidung.
Unklar blieb zunächst, welche langfristigen Folgen das Verhalten für die Delfinpopulationen hat. Die Studie selbst hält fest, dass demografische Auswirkungen bisher weitgehend unbekannt sind. Gleichzeitig sehen die Autoren das Verhalten als Hinweis darauf, wie stark sich Delfine an menschlich veränderte Meeresräume anpassen müssen. Für die Adria ist damit nicht eine einzelne Sichtung entscheidend, sondern ein Muster: Delfine nutzen Trawler als Nahrungsquelle in einem Meer, dessen natürliche Grundlagen unter Druck stehen.
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