
Eine neue Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung zeigt deutliche Veränderungen beim politischen Wählerpotenzial von Menschen mit Migrationsgeschichte. Besonders stark sank innerhalb eines Jahres die grundsätzliche Bereitschaft bestimmter Herkunftsgruppen, CDU und CSU oder die SPD als mögliche Wahloption in Betracht zu ziehen. Die DeZIM-Studie zu migrantischen Wählern macht zugleich deutlich, dass Menschen mit Migrationsgeschichte politisch keine einheitliche Gruppe bilden.
Die Untersuchung mit dem Titel Stabilität und Wandel stammt von Friederike Römer, Long Nguyen, Mara Junge und Jannes Jacobsen. Grundlage sind Befragungen des DeZIM.panels aus den Wintern 2023/24 und 2024/25. Verglichen werden Wahlberechtigte ohne Migrationshintergrund sowie Menschen mit Bezügen zur MENA-Region und Türkei, zu Staaten der Europäischen Union und zur früheren Sowjetunion.
Entscheidend für die Einordnung ist dabei, was die Untersuchung tatsächlich misst. Die Befragten wurden nicht gefragt, welcher Partei sie bei einer unmittelbar bevorstehenden Bundestagswahl ihre Stimme geben würden. Untersucht wurde vielmehr, welche Parteien für sie grundsätzlich als mögliche Wahloption infrage kommen.
Besonders deutlich veränderte sich das Wählerpotenzial von CDU und CSU bei Wahlberechtigten mit familiären Bezügen zur Türkei sowie zur MENA-Region, Afghanistan und Pakistan.
Nach Angaben der Studie konnten sich im Winter 2023/24 noch 67 Prozent der Befragten dieser Gruppe grundsätzlich vorstellen, CDU oder CSU zu wählen. Im Winter 2024/25 lag dieser Anteil nur noch bei 50 Prozent. Das entspricht einem Rückgang um 17 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres.
Auch die SPD verlor in derselben Gruppe erheblich an potenziellem Zuspruch. Ihr Wert sank der Studie zufolge von 71 auf 60 Prozent und damit um elf Prozentpunkte. Für die Linke weist die Untersuchung ebenfalls einen deutlichen Rückgang aus.
Für weitere Parteien werden in den bislang veröffentlichten Zusammenfassungen nicht durchgehend vergleichbare Prozentwerte für beide Erhebungszeitpunkte ausgewiesen. Deshalb lässt sich daraus keine belastbare Tabelle ableiten, nach der jede Partei eine exakt bezifferte Zahl migrantischer Wähler gewonnen oder verloren hätte.
Ohnehin wäre eine solche Interpretation methodisch problematisch. Die Untersuchung misst keine tatsächliche Abwanderung von Stimmen. Eine befragte Person kann mehrere Parteien gleichzeitig für grundsätzlich wählbar halten. Sinkt der Wert einer Partei, bedeutet dies zunächst, dass sie für einen größeren Anteil der Befragten nicht mehr zum Kreis der denkbaren Wahlentscheidungen gehört.
Trotz der Rückgänge besitzt die SPD nach den DeZIM-Ergebnissen unter Wahlberechtigten mit Migrationsgeschichte insgesamt weiterhin das größte Wählerpotenzial. Rund zwei Drittel können sich grundsätzlich vorstellen, die Sozialdemokraten zu wählen. CDU und CSU folgen mit vergleichsweise geringem Abstand.
Das Bild unterscheidet sich allerdings deutlich zwischen den untersuchten Herkunftsgruppen. Die Grünen erreichen bei Menschen mit Bezügen zu EU-Staaten nach der Studie ein ähnliches Wählerpotenzial wie bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund. Bei Menschen mit Bezügen zur Türkei, zur MENA-Region, Afghanistan und Pakistan fällt ihre grundsätzliche Wählbarkeit etwas geringer aus.
Besonders groß ist die Differenz bei Befragten mit familiären Bezügen zur früheren Sowjetunion. Von ihnen konnte sich im Winter 2024/25 nur etwa ein Drittel grundsätzlich vorstellen, die Grünen zu wählen.
Bei der AfD zeigt sich ein anderes Muster. Insgesamt ist ihr Wählerpotenzial bei Wahlberechtigten mit Migrationsgeschichte geringer als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Eine Ausnahme bilden nach der Studie Menschen mit Bezügen zu Russland oder anderen Staaten der früheren Sowjetunion. In dieser Gruppe konnten sich im Winter 2024/25 überdurchschnittlich viele Befragte vorstellen, die AfD zu wählen.
Auch hier erlaubt der Befund keine Aussage darüber, wie sämtliche Menschen dieser Herkunftsgruppe wählen. Die Studie beschreibt statistische Unterschiede innerhalb der untersuchten Stichprobe.
Die Autoren untersuchen deshalb nicht nur die Herkunftsregion. In die Analyse fließen auch Merkmale wie Alter, Geschlecht und Einkommen ein. Die Ergebnisse zeigen beispielsweise Unterschiede zwischen Altersgruppen.
Ältere Wahlberechtigte mit Migrationsgeschichte ziehen die AfD den Ergebnissen zufolge seltener in Betracht als jüngere Befragte mit Migrationsgeschichte. Gleichzeitig ist ihre Neigung zur SPD stärker ausgeprägt.
Auch beim Geschlecht finden die Wissenschaftler Unterschiede. Bei Menschen ohne Migrationsgeschichte können sich beispielsweise mehr Frauen als Männer vorstellen, die Linke zu wählen.
Damit widersprechen die Ergebnisse einer Betrachtung von Menschen mit Migrationsgeschichte als geschlossenem politischen Wählerblock. Unterschiede innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe können je nach Herkunftsregion, Alter, Geschlecht, Einkommen und anderen sozialen Merkmalen erheblich sein.
Besonders auffällig ist der starke Rückgang bei SPD und Union unter Wahlberechtigten mit Bezügen zur Türkei und MENA-Region. Warum sich deren Werte innerhalb eines Jahres so deutlich verändert haben, lässt sich aus der Befragung jedoch nicht eindeutig ableiten.
Co-Autorin Friederike Römer ordnete den Rückgang bei der SPD unter anderem in eine breitere Entwicklung ein. Eine Entfremdung von Teilen der traditionellen Wählerschaft sei auch bei Menschen ohne Migrationsgeschichte zu beobachten. Dabei spielten etwa soziale Themen und die Wohnsituation eine Rolle.
Ob zusätzlich außenpolitische Konflikte eine Ursache für den besonders starken Rückgang innerhalb einzelner Gruppen waren, kann die Studie nicht belegen. Ein möglicher Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt müsste nach Einschätzung Römers gesondert untersucht werden.
Auch Erklärungen über fehlende politische Repräsentation stammen nicht unmittelbar aus der statistischen Analyse. Vertreter der Türkischen Gemeinde in Deutschland führen unter anderem mangelnde Repräsentation, das Gefühl, mit bestimmten Problemen politisch nicht wahrgenommen zu werden, und Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus als mögliche Faktoren an. Diese Einschätzungen ergänzen die Untersuchung, sind aber nicht mit einem von der Studie nachgewiesenen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang gleichzusetzen.
Die Untersuchung beruht auf dem DeZIM.panel, einer längerfristig angelegten Bevölkerungsbefragung. Die Stichprobe des Panels basiert auf Einwohnermelderegistern. Bestimmte Gruppen mit Migrationsgeschichte werden gezielt stärker berücksichtigt, damit auch statistische Analysen einzelner Herkunftsgruppen möglich werden.
Die neue Veröffentlichung vergleicht Daten aus den Wintern 2023/24 und 2024/25. Die zuvor veröffentlichte DeZIM-Untersuchung auf Basis der ersten Erhebungsperiode umfasste 2.689 Wahlberechtigte mit und ohne Migrationshintergrund. Diese Zahl darf jedoch nicht automatisch als Stichprobengröße des jetzt vorgelegten Zwei-Zeitpunkte-Vergleichs verstanden werden. Die öffentlich zugängliche Kurzbeschreibung der neuen Veröffentlichung weist für diesen Vergleich keine entsprechende Gesamtfallzahl aus.
Als Menschen mit Migrationshintergrund gelten in der Untersuchung Personen, die selbst eingebürgert wurden oder mindestens einen Elternteil haben, der ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde. Bei der Untersuchung des Wählerpotenzials werden Wahlberechtigte betrachtet.
Eine weitere methodische Grenze liegt in den teilweise kleineren Untergruppen. Je genauer eine Stichprobe nach Herkunft, Alter, Geschlecht oder anderen Merkmalen aufgeteilt wird, desto vorsichtiger müssen Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen interpretiert werden.
Die Ergebnisse lassen sich nicht unmittelbar mit dem amtlichen Ergebnis der Bundestagswahl 2025 vergleichen. Bei der Wahl am 23. Februar 2025 erreichten CDU und CSU zusammen 28,6 Prozent der gültigen Zweitstimmen. Die AfD kam auf 20,8 Prozent, die SPD auf 16,4 Prozent, die Grünen auf 11,6 Prozent und die Linke auf 8,8 Prozent. Die FDP erreichte 4,3 Prozent, das BSW 4,981 Prozent.
Das DeZIM hatte die Bundestagswahl 2025 zusätzlich mit einer gesonderten Befragung untersucht. Dafür wurden zwischen dem 20. und 26. Februar 2025 insgesamt 2.375 Wahlberechtigte befragt, darunter 600 Menschen mit und 1.756 ohne Migrationshintergrund.
Diese Wahlanalyse zeigte ebenfalls erhebliche Unterschiede zwischen den Herkunftsgruppen. Wahlberechtigte mit Bezügen zur MENA-Region und Türkei hatten gegenüber Menschen ohne Migrationshintergrund eine um 18,5 Prozentpunkte höhere statistische Wahrscheinlichkeit, ihre Zweitstimme der SPD zu geben. Für das BSW lag die Differenz bei plus 13,1 Prozentpunkten und für die Linke bei plus 7,6 Prozentpunkten. Bei der AfD lag die Wahrscheinlichkeit dagegen um 9,4 Prozentpunkte niedriger, bei CDU und CSU um 8,1 Prozentpunkte und bei den Grünen um 9,7 Prozentpunkte.
Bei Wahlberechtigten aus der früheren Sowjetunion zeigte sich ein anderes Muster. Dort lag die Wahrscheinlichkeit einer Zweitstimme für die AfD um 19,4 Prozentpunkte und für das BSW um 17,4 Prozentpunkte höher als bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund. Menschen mit Bezügen zu anderen EU-Staaten unterschieden sich dagegen deutlich weniger von Wahlberechtigten ohne Migrationsgeschichte.
Die beiden Untersuchungen beantworten damit unterschiedliche Fragen. Die Wahlanalyse von 2025 befasst sich mit der tatsächlich angegebenen Zweitstimme rund um die Bundestagswahl. Die neue Langzeitauswertung untersucht dagegen, welche Parteien die Befragten überhaupt noch als grundsätzlich wählbare Alternative betrachten. Gerade der Vergleich über zwei Erhebungszeiträume zeigt dabei, dass dieses potenzielle Angebot für Teile der untersuchten Bevölkerung kleiner geworden ist.
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