
In Deutschland könnte künftig eine neue Benzinsorte angeboten werden. E20 enthält bis zu 20 Prozent Bioethanol und soll den Anteil fossiler Kraftstoffe im Straßenverkehr verringern. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) unterstützt eine höhere Beimischung von Biokraftstoffen und hat E20 ausdrücklich als mögliche neue Kraftstoffsorte genannt. Ein verbindlicher Einführungstermin steht allerdings noch nicht fest. Auch beim Preis und bei den Fahrzeugfreigaben gibt es wichtige Unterschiede.
Die Einführung von E20 hat durch einen Vorstoß von Bundesverkehrsminister Steffen Bilger neue politische Aufmerksamkeit erhalten. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen vom 17. Oktober 2026 erklärte der CDU-Politiker, er setze sich gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen für einen höheren Anteil von Biokraftstoffen ein. E20 nannte er dabei ausdrücklich als Beispiel für eine zusätzliche Benzinsorte an Tankstellen.
Bilger verbindet den Vorschlag mit dem Ziel, den fossilen Kraftstoffverbrauch und die Abhängigkeit von Erdölimporten zu reduzieren. Er verwies außerdem auf Brasilien, wo Benzin mit deutlich höheren Ethanolanteilen bereits seit Jahren zum Alltag gehört.
Steffen Bilger ist seit dem 29. Juli 2026 Bundesverkehrsminister. Er übernahm das Amt von Patrick Schnieder im Zuge einer Kabinettsumbildung. Seine Aussagen zu E20 sind damit eine Positionierung des amtierenden Bundesverkehrsministers. Ein konkreter Regierungsbeschluss über die allgemeine Einführung des neuen Kraftstoffs liegt jedoch noch nicht vor.
Für eine reguläre Markteinführung müssen zunächst rechtliche Voraussetzungen geschaffen werden. Die derzeit geltende Kraftstoffverordnung, die zehnte Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, verweist für Ottokraftstoffe auf die DIN EN 228. Diese sieht bislang einen Ethanolanteil von höchstens zehn Volumenprozent vor.
Auch auf europäischer Ebene sind Anpassungen erforderlich. Mit der DIN CEN/TS 18227 liegt inzwischen eine technische Spezifikation vor, die Anforderungen und Prüfverfahren für E20 beschreibt. Sie ist allerdings noch keine vollständige Grundlage für die allgemeine Marktzulassung.
Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe nennt 2027 als geplantes Jahr für eine breitere Einführung. Der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft weist dagegen auf die laufende europäische Normung hin, die sich noch über einen längeren Zeitraum erstrecken könnte. Damit kommt auch 2028 als möglicher Einführungszeitraum infrage.
Ob E20 tatsächlich bereits 2027 regulär verkauft werden kann, hängt somit von weiteren gesetzlichen und technischen Schritten ab. Ein bundesweit verbindlicher Termin existiert bislang nicht.
Für Autofahrer stellt sich vor allem die Frage, welche Fahrzeuge den neuen Kraftstoff vertragen. Eine bisherige Freigabe für E10 reicht dafür nicht automatisch aus.
Beim Volkswagen-Konzern ist die Ausgangslage vergleichsweise günstig. Nach einem offiziellen Konzernschreiben, das dem Fachmedium Auto-Medienportal vorliegt, sind die Modelle der Marken Volkswagen, Audi, Škoda, Seat, Cupra und Volkswagen Nutzfahrzeuge ab dem Modelljahr 2016 weitgehend für E20 ausgelegt.
Eine wichtige Ausnahme betrifft bestimmte Hochleistungsvarianten der 2,0-Liter-Turbobenzinmotoren mit mehr als 221 Kilowatt beziehungsweise 300 PS. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Ausführungen des VW Golf R und der Golf GTI Edition 50.
Der Golf GTI Clubsport mit genau 300 PS soll dagegen für E20 geeignet sein. Auch leistungsstarke Audi-Modelle wie RS 6 und R8 werden in den veröffentlichten Angaben als kompatibel aufgeführt.
Entscheidend ist dabei das Modelljahr und nicht allein das Kalenderjahr der Erstzulassung. Autofahrer sollten sich vor einer Betankung eine Freigabe für E20 bestätigen lassen, die ausdrücklich für ihre Motorisierung und Fahrzeugausführung gilt.
Auch BMW hat bereits Angaben zur E20-Verträglichkeit veröffentlicht. Anders als eine pauschale Freigabe für sämtliche Fahrzeuge ab einem bestimmten Modelljahr nennt der Hersteller konkrete Produktionsmonate für einzelne Baureihen.
Nach der offiziellen BMW-Übersicht sind beispielsweise folgende Modelle grundsätzlich für E20 geeignet:
BMW 1er ab März 2019
BMW 2er Active Tourer ab November 2014
BMW 3er Limousine ab November 2018
BMW 3er Touring ab März 2019
BMW 5er Touring ab März 2018
BMW X1 ab Juli 2015
BMW X3 ab April 2018
BMW X5 ab April 2019
Die Liste umfasst zahlreiche weitere Baureihen. BMW weist ausdrücklich darauf hin, dass die Angaben auf dem Tankhinweisschild und in der fahrzeugspezifischen Betriebsanleitung maßgeblich sind.
Ist dort die Kennzeichnung E25 vorhanden, dürfen Kraftstoffe mit einem Ethanolanteil von bis zu 25 Prozent verwendet werden. Damit ist auch E20 abgedeckt.
Für ältere Fahrzeuge oder Modelle ohne entsprechende Kennzeichnung sollte die Verträglichkeit individuell beim Hersteller geprüft werden. Die generelle E10-Eignung eines Autos ist keine ausreichende Grundlage, um auch E20 zu tanken.
Obwohl der Kraftstoff noch nicht regulär erhältlich ist, wird E20 in Deutschland bereits unter praktischen Bedingungen erprobt.
Im Oktober 2023 eröffnete in Mannheim eine der Öffentlichkeit zugängliche Tankstelle mit einer E20-Zapfsäule. Die Nutzung blieb allerdings auf ausgewählte Fahrzeuge eines Flottenversuchs beschränkt. Hinter dem Projekt steht unter anderem der Bioethanolhersteller CropEnergies.
Ein weiterer Versuch läuft beim Energieunternehmen Roth Energie in Gießen. Dort können teilnehmende Unternehmen und unter bestimmten Voraussetzungen auch Privatpersonen E20 tanken. Voraussetzung ist eine entsprechende Fahrzeugfreigabe sowie die Teilnahme am Pilotprojekt.
Die Abgabe erfolgt über eine spezielle Tankkarte, damit die einzelnen Tankvorgänge dokumentiert werden können. Auch in Lahntal-Goßfelden wird der Kraftstoff seit August 2026 im Rahmen eines Pilotangebots bereitgestellt.
Für normale Tankstellenkunden besteht damit weiterhin keine allgemeine Möglichkeit, E20 ohne besondere Teilnahmebedingungen zu kaufen. Wie schnell sich das Angebot nach einer gesetzlichen Zulassung ausbreiten könnte, ist derzeit offen.
Neben der Fahrzeugverträglichkeit dürfte der Preis für E20 zu den entscheidenden Faktoren für den späteren Markterfolg gehören.
Im Pilotprojekt von Roth Energie wird der Kraftstoff nach Angaben des Bundesverbandes der deutschen Bioethanolwirtschaft einige Cent günstiger als Super E10 angeboten. Der Betreiber selbst nennt auf seiner Informationsseite keine allgemein verbindlichen Literpreise, sondern verweist auf individuelle Konditionen für die teilnehmenden Flotten.
Ob dieser Preisvorteil auch bei einem regulären bundesweiten Verkauf bestehen würde, ist unklar. Eine verbindliche Preisprognose liegt nicht vor.
Ein weiterer Faktor ist der Energiegehalt. Ethanol enthält pro Liter weniger Energie als fossiles Benzin. Ein höherer Ethanolanteil kann daher zu einem steigenden Kraftstoffverbrauch führen. Wie groß dieser Unterschied ausfällt, hängt von der Zusammensetzung des Kraftstoffs und vom jeweiligen Fahrzeug ab.
Ein niedrigerer Literpreis muss deshalb nicht zwangsläufig auch niedrigere Kosten pro gefahrenem Kilometer bedeuten.
Der geplante neue Kraftstoff soll den Einsatz fossilen Benzins verringern. Während Super E5 höchstens fünf Prozent Bioethanol enthält und Super E10 bis zu zehn Prozent, liegt die Obergrenze bei E20 doppelt so hoch wie bei E10.
Bioethanol kann beispielsweise aus Getreide, Zuckerrüben, Mais oder geeigneten Reststoffen hergestellt werden. Seine Klimawirkung hängt unter anderem davon ab, welche Rohstoffe verwendet werden und wie energieintensiv ihre Verarbeitung ist.
Durch den höheren Anteil erneuerbarer Bestandteile können die Treibhausgasemissionen gegenüber fossilem Benzin sinken. Eine allgemeingültige prozentuale Einsparung lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Neben dem Herstellungsverfahren spielen auch Transportwege, landwirtschaftliche Flächennutzung und die gesamte Energiebilanz eine Rolle.
Die Einführung von E20 wird deshalb als mögliche ergänzende Maßnahme zur Verringerung der Emissionen bestehender Verbrennerfahrzeuge betrachtet. Sie ersetzt weder die Elektrifizierung des Verkehrs noch andere Maßnahmen zur Reduzierung des Energieverbrauchs.
Offen ist außerdem, wie die Einführung einer weiteren Benzinsorte das bisherige Tankstellenangebot verändern würde.
Derzeit schreibt die Kraftstoffverordnung grundsätzlich vor, dass Tankstellen beim Angebot bestimmter Super-Kraftstoffe mit mehr als fünf Prozent Ethanol auch eine entsprechende Sorte mit höchstens fünf Prozent Ethanol bereithalten müssen. Für kleinere Tankstellen gelten Ausnahmen.
Sollte E20 künftig flächendeckend eingeführt werden, müssten die Betreiber entscheiden, wie sie die verschiedenen Kraftstoffsorten auf vorhandene Tanks und Zapfsäulen verteilen. Ob E20 zusätzlich angeboten wird oder langfristig andere Sorten teilweise verdrängt, ist bislang nicht verbindlich geregelt.
Für Autofahrer bleibt daher vorerst alles beim bisherigen Angebot. Super E5 und Super E10 sind weiterhin die regulären Ottokraftstoffe an deutschen Tankstellen. Erst mit einer neuen rechtlichen Grundlage und konkreten Herstellerfreigaben kann E20 für einen größeren Teil der Fahrzeugflotte zu einer zusätzlichen Alternative werden.
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