
Deutschlands Windindustrie steckt in einer ungewöhnlichen Lage. Neue Anlagen werden gebaut, Genehmigungen erreichen ein hohes Niveau und die jüngsten Ausschreibungen sind deutlich überzeichnet. Gleichzeitig wächst in Teilen der Branche die Sorge, dass die EEG-Reform 2027 und neue Regeln für Netzanschlüsse Investitionen erschweren könnten. Die Debatte fällt mitten in die WindEnergy Hamburg, die am Dienstag begonnen hat und mehr als 43.000 Besucher erwartet.
Der politische Zeitplan erhöht den Druck. Die Bundesregierung hat die EEG-Novelle und das sogenannte Netzanschlusspaket bereits Ende Juli im Kabinett beschlossen. Beide Vorhaben liegen inzwischen dem Bundestag vor. Für den 24. September ist die erste Beratung der EEG-Novelle vorgesehen.
Die Bundesregierung hält am Ziel fest, den Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen. Für Windenergie an Land sieht der Gesetzentwurf zusätzliche Ausschreibungsmengen von insgesamt zwölf Gigawatt vor. Gleichzeitig soll sich der Ausbau stärker an verfügbaren Netzkapazitäten und den Kosten des Stromsystems orientieren.
Für größere neue Erneuerbaren-Anlagen sollen künftig zweiseitige Differenzverträge, sogenannte Contracts for Difference, eingesetzt werden. Dabei erhalten Betreiber eine Absicherung gegen niedrige Marktpreise. Liegen die Markterlöse deutlich höher, wird ein Teil der zusätzlichen Einnahmen abgeschöpft. Die Bundesregierung will außerdem die Direktvermarktung ausweiten.
Besonders umstritten ist die geplante Regelung für Gebiete mit Netzengpässen. Verteilnetzbetreiber sollen Netzabschnitte unter bestimmten Voraussetzungen für maximal sechs Jahre als Engpassgebiete ausweisen können. Für neue Windanlagen in Windvorranggebieten sollen dann bis zu 18 Prozent der abgeregelten Jahresstrommenge nicht mehr entschädigt werden. Außerhalb solcher Vorranggebiete liegt die Grenze für Wind und Solar bei 20 Prozent. Voraussetzung für die Einstufung ist unter anderem, dass zuvor mindestens fünf Prozent der jährlichen Stromerzeugung in dem Gebiet nicht abtransportiert werden konnten.
Die Regierung begründet die Änderungen mit hohen Kosten für Netzengpässe. Das Wirtschaftsministerium beziffert die heutigen Redispatch-Kosten auf mehr als drei Milliarden Euro pro Jahr und erwartet von einer stärkeren räumlichen Steuerung des Ausbaus Entlastungen.
An mangelndem Interesse neuer Windprojekte liegt die aktuelle Unsicherheit nicht. Die jüngste Ausschreibung für Windenergie an Land war mehr als doppelt überzeichnet. Für 2.520 Megawatt ausgeschriebene Leistung gingen im August Gebote über rund 5.250 Megawatt ein. Zuschläge erhielten 237 Gebote mit zusammen rund 2.523 Megawatt.
Dabei sank der durchschnittliche mengengewichtete Zuschlagswert auf 4,79 Cent je Kilowattstunde. Im Februar hatte er noch bei 5,54 Cent gelegen, im Mai bei 5,06 Cent. Der Bundesverband WindEnergie sieht in diesem Preisrückgang zunehmenden Kostendruck. Seit August 2024 ist der durchschnittliche Zuschlagswert nach Berechnung des Verbands um rund 35 Prozent gefallen.
Auch die Genehmigungspipeline ist groß. Im ersten Halbjahr 2026 gingen an Land Anlagen mit einer Leistung von 2.363 Megawatt neu in Betrieb, sieben Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Ende Juni waren knapp 70 Gigawatt Windleistung an Land installiert. Allein im ersten Halbjahr wurden weitere 9,1 Gigawatt genehmigt. Insgesamt umfasste die Pipeline genehmigter Projekte 48,1 Gigawatt. Rund 19 Gigawatt davon hatten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Ausschreibungszuschlag.
Der Bundesverband WindEnergie und VDMA Power Systems kritisieren vor allem mögliche neue Investitionsrisiken. VDMA Power Systems verweist darauf, dass Hersteller über Produktionskapazitäten verfügen, diese aber nur bei langfristig planbarer Nachfrage weiter ausbauen könnten.
Ähnlich argumentieren einzelne Hersteller. Enercon fordert eine zügige Umsetzung des EEG 2027, zugleich aber planbare Ausschreibungsmengen, praktikable Kriterien und einen verlässlichen Zugang zum Stromnetz.
Vestas Deutschland unterstützt grundsätzlich eine bessere Abstimmung von Netz und Erzeugung, lehnt aber Teile der geplanten Engpassregelung ab. Das Unternehmen warnt insbesondere davor, dass schwer kalkulierbare entschädigungsfreie Abregelungen die Finanzierung neuer Projekte verteuern könnten. Vestas beschäftigt nach eigenen Angaben knapp 3.000 Menschen in Deutschland und gibt jährlich rund 1,5 Milliarden Euro bei deutschen Zulieferern und Auftragnehmern für Komponenten und Dienstleistungen aus.
Dass die Nachfrage derzeit noch hoch ist, zeigen zugleich aktuelle Aufträge. Nordex erhielt beispielsweise Ende Juni von UKA Bestellungen über rund 700 Megawatt für Projekte in mehreren Bundesländern. Mitte September meldete der Hersteller einen weiteren deutschen Auftrag über 34 Megawatt.
Die Beschäftigung in der Windbranche hatte zuletzt deutlich zugelegt. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung arbeiteten 2025 rund 131.300 Menschen im Bereich Windenergie an Land und etwa 41.000 im Offshore-Sektor. Zusammen waren es damit rund 172.000 Beschäftigte. Gegenüber 2023 stieg die Beschäftigung in der Windenergie laut Studie um rund 30 Prozent.
Die IG Metall Küste sieht inzwischen jedoch erste Warnzeichen. In einer Befragung von Betriebsräten aus 34 Unternehmen mit zusammen etwa 27.700 Beschäftigten berichtete die Gewerkschaft Mitte September von schlechteren Erwartungen für die kommenden Jahre. Obwohl viele Betriebe derzeit noch gut ausgelastet seien, rechneten zahlreiche Arbeitnehmervertretungen mit weniger Aufträgen. Nach Einschätzung der IG Metall könnten mehr als 600 Arbeitsplätze gefährdet sein. Dabei handelt es sich um die Einschätzung der befragten Betriebsräte, nicht um bereits beschlossene Stellenstreichungen.
Auch auf See verändert die Bundesregierung den Rahmen. Anfang September beschloss das Kabinett eine Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes. Künftige Ausschreibungen sollen stärker über ein zweistufiges Verfahren und bei Bedarf über Differenzverträge abgesichert werden. Vorgesehen sind außerdem längere Regellaufzeiten von 35 statt 25 Jahren und die Möglichkeit, Netzanschlüsse um bis zu 20 Prozent zu überbauen.
Der Offshore-Ausbau selbst legte zuletzt kräftig zu. Im ersten Halbjahr 2026 gingen 84 Anlagen mit zusammen 1.077 Megawatt erstmals ans Netz. Ende Juni waren vor den deutschen Küsten 1.764 Offshore-Anlagen mit insgesamt rund 10,8 Gigawatt in Betrieb. Die für 2026 geplanten Offshore-Ausschreibungen wurden allerdings bereits zu Jahresbeginn auf 2027 verschoben.
Die Windindustrie startet damit aus einer Position hoher Nachfrage in die Reformphase. Die aktuellen Zahlen zeigen weder einen flächendeckenden Auftragseinbruch noch einen allgemeinen Stellenabbau. Gleichzeitig sind die Warnungen vor Finanzierungsrisiken, Preisdruck und möglichen Beschäftigungsfolgen inzwischen durch konkrete Stellungnahmen von Verbänden, Herstellern und Gewerkschaften dokumentiert. Über die endgültige Ausgestaltung entscheidet nun das parlamentarische Verfahren. Für die EEG-Novelle ist zusätzlich eine Genehmigung der EU-Kommission vorgesehen.






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