
Europas energieintensive Industrie erhöht den Druck auf die Politik bei der geplanten Reform des EU-Emissionshandels. Mehr als 100 Unternehmen, darunter der Chemiekonzern Covestro, verlangen Änderungen an den Vorschlägen der EU-Kommission. Sie befürchten, dass zusätzliche Anforderungen bei der Vergabe kostenloser CO₂-Zertifikate Investitionen erschweren und Produktionsstandorte unter Druck setzen könnten. Auch BASF-Chef Markus Kamieth und Covestro-Chef Markus Steilemann haben sich wiederholt für Erleichterungen ausgesprochen.
Im Mittelpunkt steht die künftige Zuteilung kostenloser CO₂-Zertifikate. Der EU-Emissionshandel verpflichtet Industrieunternehmen und Energieerzeuger, ihre Treibhausgasemissionen mit entsprechenden Berechtigungen abzudecken. Die Gesamtmenge der Zertifikate sinkt schrittweise, um den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu reduzieren. Besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzte Industriezweige erhalten bislang einen Teil ihrer Berechtigungen kostenlos.
Die Industrie lehnt zusätzliche Investitionsauflagen für diese kostenlose Zuteilung ab. In einer am 4. November veröffentlichten gemeinsamen Position fordern energieintensive Branchen außerdem realistischere technische Vergleichswerte und Änderungen an einem Korrekturmechanismus, der kostenlose Zertifikate zusätzlich verringern kann. Nach Auffassung der Unternehmen fehlen vielerorts günstige klimafreundliche Energie, geeignete Infrastruktur und ausreichende Absatzmöglichkeiten für emissionsarme Produkte.
BASF-Vorstandschef Markus Kamieth, zugleich Präsident des europäischen Chemieverbands Cefic, hatte bereits im Juli den Reformvorschlag der EU-Kommission kritisiert. Insbesondere die geplante Verknüpfung kostenloser Zertifikate mit zusätzlichen Investitionsverpflichtungen stößt auf Widerstand. Covestro-Chef Markus Steilemann, der zugleich Präsident des Verbands der Chemischen Industrie ist, hatte sich schon im Mai mit einem Schreiben an Bundeskanzler Friedrich Merz gewandt und vor steigenden Belastungen gewarnt.
Eine weitere Streitfrage betrifft den europäischen CO₂-Grenzausgleich CBAM. Seit dem 1. Januar 2026 gelten dafür die regulären Einfuhrvorschriften. Sie sollen bei bestimmten importierten Waren vergleichbare CO₂-Kosten sicherstellen. Betroffen sind unter anderem Zement, Stahl, Aluminium, Düngemittel, Wasserstoff und Strom.
Parallel wird die kostenlose Zuteilung für die vom CBAM erfassten Bereiche schrittweise verringert. Für andere Teile der Chemieindustrie gelten dagegen weiterhin eigene Zuteilungsregeln. Die Industrie fordert, dass der Grenzausgleich auch internationale Wettbewerbsnachteile bei Exporten und bei nachgelagerten Produkten ausreichend berücksichtigt.
Die EU-Kommission legte am 17. Juli 2026 einen umfassenden Reformvorschlag vor. Er soll industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutzziele miteinander verbinden. Im September verständigten sich die EU-Mitgliedstaaten auf eine Position zu gezielten Erleichterungen bei der kostenlosen Zuteilung für energieintensive Betriebe.
Dabei geht es unter anderem um rund 88 Millionen zusätzliche kostenlose Zertifikate, deren Entlastungswert die Kommission auf etwa sechs Milliarden Euro schätzt. Weitere 33 Millionen bislang nicht zugeteilte Zertifikate sollen nach dem Ratsvorschlag ebenfalls berücksichtigt werden. Die entsprechenden Gesetzesänderungen sind damit noch nicht endgültig beschlossen.
Die Forderungen treffen auf eine weiterhin schwierige wirtschaftliche Lage der Branche. Nach Angaben des Chemieverbands VCI lag die Kapazitätsauslastung der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie im zweiten Quartal 2026 bei 73,2 Prozent. Der langjährige Durchschnitt liegt bei etwa 83 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet der Verband einen Produktionsrückgang von 1,5 Prozent.
Umweltverbände warnen allerdings vor einer zu starken Abschwächung des Emissionshandels. Der WWF verwies am 2. November auf eine Analyse des Öko-Instituts, nach der der Reformvorschlag der EU-Kommission bereits zu viele zusätzliche Emissionsmöglichkeiten eröffnen könnte. Der WWF fordert deshalb verbindliche Bedingungen für kostenlose Zertifikate und deren möglichst rasche Abschaffung. Damit stehen sich bei den weiteren EU-Verhandlungen unterschiedliche Vorstellungen über die notwendige Balance zwischen industrieller Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gegenüber.
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