EU Binnenmarkt sichert Millionen Jobs in Deutschland

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

Teilen:

Der europäische Binnenmarkt ist für die deutsche Wirtschaft deutlich wichtiger als einzelne große Absatzmärkte außerhalb Europas. Eine am Montag veröffentlichte Studie der Prognos AG beziffert die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland, die mit der Nachfrage aus anderen Staaten der Europäischen Union verbunden sind, auf rund 7,2 Millionen. Zugleich entstehen demnach etwa 554 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung durch diese Nachfrage. Das entspricht rund 16 Prozent der gesamten deutschen Bruttowertschöpfung.

Anzeige

Die Zahlen beruhen auf Wirtschaftsdaten für das Jahr 2022. Für die Berechnung wurden Handelsströme und grenzüberschreitende Produktionsketten ausgewertet. Die Untersuchung wurde von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft in Auftrag gegeben. Sie zeigt zugleich, dass die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft nicht allein an fertigen Autos, Maschinen oder Chemieprodukten sichtbar wird. Ein großer Teil des Geschäfts innerhalb Europas besteht aus Vorprodukten, die in anderen EU Ländern weiterverarbeitet werden.

Mehr als die Hälfte der deutschen Exporte geht in die EU

Die Europäische Union bleibt der mit Abstand wichtigste Absatzraum für deutsche Unternehmen. Nach Angaben von Prognos gingen 2024 mehr als die Hälfte der deutschen Ausfuhren in andere EU Mitgliedstaaten. Fünf Länder nehmen dabei eine besonders wichtige Rolle ein: Frankreich, die Niederlande, Polen, Italien und Österreich. Zusammen entfällt auf sie mehr als die Hälfte der deutschen Exporte innerhalb der EU.

Die enge Verbindung zeigt sich besonders bei Vorprodukten. Rund 52 Prozent der deutschen Ausfuhren in andere EU Staaten sind nach der Studie Vorleistungsgüter. Dazu zählen beispielsweise Metalle, chemische Grundstoffe oder elektronische Bauteile, die anschließend in Fabriken anderer Länder weiterverarbeitet werden. Weitere rund 17 Prozent entfallen auf Investitionsgüter wie Maschinen und Anlagen. Etwa ein Drittel besteht aus Konsumgütern.

Anzeige

Damit ist der Binnenmarkt nicht nur ein Verkaufsraum für fertige deutsche Produkte. Er ist zugleich Teil komplexer europäischer Produktionsketten. Ein Bauteil kann Deutschland verlassen, in einem anderen EU Staat verarbeitet werden und später erneut eine Grenze überschreiten. Der wirtschaftliche Nutzen des Binnenmarkts geht deshalb über den reinen Exportwert hinaus.

Auch aktuelle Außenhandelszahlen stützen die große Bedeutung Europas. Das Statistische Bundesamt meldete für die erste Hälfte des Jahres 2026 Warenexporte im Wert von 463,3 Milliarden Euro in andere EU Staaten. Insgesamt lagen die deutschen Exporte in diesem Zeitraum bei 816,6 Milliarden Euro. Die Ausfuhren in die EU stiegen gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 7,5 Prozent. Exporte in Staaten außerhalb der EU gingen dagegen leicht zurück.

554 Milliarden Euro Wertschöpfung hängen an EU Nachfrage

Für die Untersuchung der wirtschaftlichen Effekte griff Prognos auf die Trade in Value Added Datenbank der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zurück. Sie erfasst nicht nur den Wert grenzüberschreitend gehandelter Produkte, sondern auch die Wertschöpfung, die innerhalb der beteiligten Volkswirtschaften entsteht.

Auf dieser Grundlage kommen die Autoren für 2022 auf 554 Milliarden Euro deutsche Bruttowertschöpfung, die mit der Importnachfrage anderer EU Staaten verbunden war. Rund 330 Milliarden Euro davon entfielen auf das Verarbeitende Gewerbe. Weitere etwa 215 Milliarden Euro wurden in Dienstleistungsbranchen erwirtschaftet, rund fünf Milliarden Euro in der Landwirtschaft.

Mit dieser Wertschöpfung waren nach der Modellrechnung rund 7,2 Millionen Arbeitsplätze verbunden. Die Zahl bedeutet nicht, dass sämtliche Beschäftigten ausschließlich für den Export arbeiten oder ihre Stellen unmittelbar wegfallen würden, wenn einzelne Ausfuhren zurückgingen. Die Berechnung bildet vielmehr die direkten und indirekten Beschäftigungseffekte der europäischen Nachfrage entlang der Wertschöpfungsketten ab.

Besonders groß sind die Effekte im Fahrzeugbau und Maschinenbau. Allein die EU Nachfrage war der Untersuchung zufolge im Jahr 2022 mit rund 72 Milliarden Euro Wertschöpfung im Kraftwagenbau und etwa 46 Milliarden Euro im Maschinenbau verbunden. Dazu kamen rund 680.000 beziehungsweise 430.000 Beschäftigte. Auch Chemie, Pharmaindustrie und andere Industriebranchen sind überdurchschnittlich stark mit dem europäischen Markt verflochten.

EU ist wirtschaftlich wichtiger als USA und China

Der Vergleich mit anderen großen Absatzmärkten zeigt die Größenordnung. Die Nachfrage aus den USA war 2022 nach den Berechnungen mit etwa 110 Milliarden Euro deutscher Bruttowertschöpfung verbunden. Bei China waren es rund 90 Milliarden Euro. Für die gesamte EU lag der Wert mit 554 Milliarden Euro um ein Vielfaches höher.

Auch bei der Beschäftigung fällt der Abstand deutlich aus. Mit der Nachfrage aus den USA waren nach der Studie insgesamt etwa 1,34 Millionen deutsche Arbeitsplätze verbunden. Für China werden rund eine Million Beschäftigte ausgewiesen. Bei den EU Staaten waren es zusammen 7,2 Millionen.

Die Unterschiede erklären sich nicht nur durch die Größe des europäischen Absatzmarktes. Unternehmen innerhalb der EU handeln ohne Zölle miteinander und nutzen gemeinsame Regeln sowie eng miteinander verflochtene Lieferketten. Zudem liegen wichtige Handelspartner geografisch nahe. Frankreich allein stand 2022 laut Prognos für einen Wertschöpfungseffekt von mehr als 90 Milliarden Euro in Deutschland.

Wirtschaftliche Schwäche in Europa hätte Folgen für Deutschland

Wie eng Deutschland mit seinen europäischen Nachbarn verbunden ist, zeigt eine zusätzliche Modellrechnung der Studie. Prognos hat untersucht, wie sich eine länger anhaltende Stagnation wichtiger Wirtschaftsregionen auf Deutschland auswirken könnte.

Für das Szenario wird angenommen, dass die Wirtschaftsleistung in den anderen EU Staaten ab 2025 im Wesentlichen nicht mehr wächst. Gegenüber dem zugrunde gelegten Basisszenario mit moderatem Wachstum würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2030 dadurch rund 23 Milliarden Euro niedriger liegen. Die Berechnung ist kein vorhergesagter tatsächlicher Verlust, sondern das Ergebnis eines modellierten Vergleichsszenarios.

Eine Stagnation in den Vereinigten Staaten hätte laut Studie einen etwas geringeren Effekt. Bei einer vergleichbaren Entwicklung in China würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2030 rund 15 Milliarden Euro unter dem Basisszenario liegen. Besonders empfindlich reagieren in solchen Szenarien exportstarke Branchen wie Fahrzeugbau, Maschinenbau und die Metallindustrie.

Offene Grenzen haben ebenfalls einen wirtschaftlichen Wert

Die Untersuchung betrachtet neben dem klassischen Warenhandel auch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Schengen Raums. Offene Grenzen erleichtern Lieferketten, Tourismus und die tägliche Mobilität von Arbeitnehmern.

Nach den Modellrechnungen würde eine flächendeckende Wiedereinführung systematischer Grenzkontrollen Deutschland jährlich einen gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsverlust von etwa 1,5 bis zwei Milliarden Euro verursachen. Dabei berücksichtigt die Untersuchung unter anderem zusätzliche Wartezeiten im Güterverkehr, Belastungen für den Tourismus und Einschränkungen für grenzüberschreitende Pendler.

Die Ergebnisse zeigen damit eine doppelte Bedeutung Europas für Deutschland. Der Binnenmarkt ist nicht nur der größte Absatzraum deutscher Unternehmen. Er ist zugleich ein Produktionsraum, in dem Unternehmen, Zulieferer und Dienstleister über Landesgrenzen hinweg miteinander verbunden sind. Gerade deshalb wirken sich wirtschaftliche Veränderungen in anderen EU Staaten vergleichsweise schnell auch auf Produktion, Beschäftigung und Wachstum in Deutschland aus.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu