
Die Europäische Union könnte 2026 im Warenhandel mit China ein neues Rekorddefizit erreichen. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič warnte am Freitag, 23. Oktober, nach einem Treffen der europäischen Handelsminister in Dublin vor einer weiteren Verschärfung des Ungleichgewichts. Die EU-Kommission will deshalb im Dezember zusätzliche handelspolitische Instrumente vorstellen. Auch für die deutsche Wirtschaft gewinnt die Entwicklung an Bedeutung.
Das EU-Handelsdefizit mit China belief sich nach Angaben von Šefčovič im ersten Halbjahr 2026 auf knapp 197 Milliarden Euro. Setze sich die Entwicklung fort, könnte der bisherige Höchstwert aus dem Jahr 2022 von rund 397 Milliarden Euro überschritten werden. Im vergangenen Jahr hatte das Defizit nach Angaben der EU-Kommission rund 360 Milliarden Euro erreicht.
Auch die europäische Statistikbehörde Eurostat dokumentiert das zunehmende Ungleichgewicht. Im zweiten Quartal 2026 importierte die EU Waren im Wert von 153,6 Milliarden Euro aus China. Die europäischen Exporte dorthin erreichten dagegen lediglich 50,3 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein Defizit von rund 103 Milliarden Euro für diesen Dreimonatszeitraum.
Ob das EU-Handelsdefizit mit China im Gesamtjahr tatsächlich einen Rekord erreicht, hängt von der Entwicklung in den verbleibenden Monaten ab. Die bisher vorliegenden Zahlen belegen jedoch bereits ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen Importen und Exporten.
Die Europäische Kommission will den Wettbewerbsdruck auf europäische Unternehmen durch zusätzliche handelspolitische Maßnahmen begrenzen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte bereits nach dem EU-Gipfel vom 15. und 16. Oktober angekündigt, bestehende Schutzinstrumente stärker zu nutzen und neue Möglichkeiten zur Begrenzung struktureller Handelsungleichgewichte zu entwickeln.
Für Dezember ist unter anderem die Initiative DiversifyEU vorgesehen. Sie soll europäischen Unternehmen helfen, ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern bei wichtigen Produkten und Rohstoffen zu verringern. Außerdem plant die Kommission einen Solidaritätsmechanismus für Mitgliedstaaten oder Wirtschaftsbereiche, die von wirtschaftlichem Druck oder Vergeltungsmaßnahmen anderer Staaten betroffen sind.
Deutschland und Frankreich unterstützen darüber hinaus Überlegungen für ein Instrument, mit dem die EU bei erheblichen Marktverzerrungen schneller den Zugang zum europäischen Binnenmarkt beschränken könnte. Die Ausgestaltung und mögliche Anwendung solcher Maßnahmen sind noch offen.
Bereits Anfang Oktober hatten sich Brüssel und Peking auf eine Begrenzung chinesischer Exporte von Hybridfahrzeugen und Plug-in-Hybriden verständigt. Nach Darstellung der EU-Kommission könnten die vereinbarten Beschränkungen die Lieferungen über einen Zeitraum von vier Jahren gegenüber der bisherigen Entwicklung ohne Vereinbarung um mehr als die Hälfte reduzieren.
Daneben verständigten sich beide Seiten auf Erleichterungen beim Zugang bestimmter europäischer Produkte zum chinesischen Markt. Auch bei den chinesischen Ausfuhrgenehmigungen für Seltene Erden und Permanentmagnete wurden Verbesserungen vereinbart. Diese Materialien sind unter anderem für die Automobilindustrie und weitere Industriezweige wichtig.
Šefčovič kündigte nach dem Ministertreffen in Dublin weitere Gespräche mit chinesischen Vertretern für November an. Zusätzliche Vereinbarungen könnten unter anderem Chemikalien, Maschinen und andere Industrieprodukte betreffen. Konkrete Ergebnisse stehen dazu noch nicht fest.
Für Deutschland ist die Entwicklung besonders relevant. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes importierten deutsche Unternehmen in den ersten fünf Monaten 2026 Waren im Wert von 72,4 Milliarden Euro aus China. Das entsprach einem Anstieg von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Gleichzeitig gingen die deutschen Exporte nach China um 14,5 Prozent auf 29,6 Milliarden Euro zurück. Der deutsche Importüberschuss im Handel mit China erhöhte sich dadurch von 33,5 auf 42,8 Milliarden Euro.
Besonders deutlich waren die Rückgänge in wichtigen deutschen Industriebranchen. Die Exporte von Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeugteilen nach China sanken von Januar bis Mai um 26,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Maschinenexporte gingen um 17,5 Prozent zurück.
Die jüngsten monatlichen Außenhandelszahlen zeigen ebenfalls die Größenordnung der Handelsbeziehungen. Im August 2026 führte Deutschland kalender- und saisonbereinigt chinesische Waren im Wert von 16,8 Milliarden Euro ein. Die deutschen Ausfuhren nach China erreichten im selben Monat 5,9 Milliarden Euro.
Die EU-Kommission sieht einen wesentlichen Grund für die Handelsungleichgewichte in staatlich unterstützten Produktionskapazitäten und unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen. Nach ihrer Einschätzung erschweren chinesische Industriebeihilfen und Marktzugangsbeschränkungen den Wettbewerb für europäische Hersteller.
Betroffen sind insbesondere Branchen, in denen chinesische Unternehmen große Mengen industrieller Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten können. Dazu gehören die Automobilindustrie, der Maschinenbau und Teile der Chemieindustrie.
Für europäische Unternehmen ergibt sich daraus allerdings kein einheitliches Bild. Während Hersteller durch zusätzliche Konkurrenz unter Druck geraten können, profitieren andere Betriebe von günstigeren Vorprodukten, technischen Komponenten und Maschinen aus China. Auch für Verbraucher können niedrigere Importpreise Vorteile haben. Ein Handelsdefizit allein belegt deshalb noch keine konkreten Arbeitsplatzverluste.
Trotz der geplanten zusätzlichen Instrumente hält die EU am wirtschaftlichen Austausch mit China fest. Die Kommission verfolgt das Ziel, kritische Abhängigkeiten abzubauen, ohne die Handelsbeziehungen grundsätzlich aufzulösen.
China bleibt einer der wichtigsten Handelspartner Europas. Gleichzeitig ist der chinesische Markt für deutsche Automobilhersteller, Maschinenbauer und andere exportorientierte Unternehmen von großer Bedeutung.
Die kommenden Verhandlungen werden sich deshalb sowohl auf den Schutz europäischer Produktionsstandorte als auch auf den Zugang europäischer Unternehmen zum chinesischen Markt konzentrieren. Die im Dezember erwarteten Vorschläge sollen den handelspolitischen Handlungsspielraum der EU erweitern. Wann daraus verbindliche Regelungen werden könnten, ist noch nicht festgelegt.
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