
Im Ringen um eine mögliche Übernahme des Chemiekonzerns Evonik durch BASF wächst der Widerstand gegen einen vollständigen Verkauf. Die Industriegewerkschaft IGBCE fordert von den beteiligten Unternehmen und der RAG-Stiftung konkrete Antworten zur Zukunft der Beschäftigten und Standorte. Ein Schreiben vom 7. Oktober 2026 sorgt am Donnerstag für zusätzliche Bewegung. Gleichzeitig steht eine außerordentliche Sitzung des Kuratoriums der RAG-Stiftung bevor, bei der das Übernahmeinteresse von BASF beraten werden soll. Eine Einigung zwischen den Unternehmen ist bislang nicht bekannt.
Der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis und Gewerkschaftsvorstand Alexander Bercht haben sich in einem gemeinsamen Schreiben an die Betriebsräte von BASF und Evonik gewandt. Der dreiseitige Brief liegt sowohl dem Handelsblatt als auch der Deutschen Presse-Agentur vor. Darin verlangen die Gewerkschafter eine sorgfältige Bewertung der möglichen Übernahme.
Im Mittelpunkt stehen die Perspektiven der Beschäftigten und die Zukunft der Produktionsstandorte. Die IGBCE fordert von BASF eine klare Darstellung, welche industrielle Entwicklung bei einem Zusammenschluss vorgesehen wäre. Gleichzeitig soll Evonik erläutern, wie eine eigenständige Zukunft des Unternehmens gestaltet werden könnte.
Auch die Rolle der RAG-Stiftung wird ausdrücklich angesprochen. Die Gewerkschaft stellt infrage, ob ein vollständiger Verkauf ihrer Evonik-Beteiligung derzeit der richtige Schritt wäre.
Eine wichtige Rolle spielt die RAG-Stiftung, die nach ihrer Mitteilung vom 25. September rund 43,8 Prozent der Evonik-Aktien hält. Damit ist sie der mit Abstand größte Anteilseigner des Essener Spezialchemiekonzerns.
Nach Informationen des Handelsblatts kommt das Kuratorium der Stiftung am Freitag, 9. Oktober, zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Die Stiftung bestätigte dem Wirtschaftsmedium, dass dabei auch die Übernahmeinitiative von BASF behandelt werden soll. Ob daraus konkrete Beschlüsse hervorgehen, war zunächst offen.
Die Beteiligung besitzt für die Stiftung eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. Sie finanziert aus ihrem Vermögen langfristige Verpflichtungen des früheren deutschen Steinkohlebergbaus. Dazu gehören insbesondere die Grubenwasserhaltung, die Regulierung von Oberflächenwasser und die Reinigung belasteten Grundwassers.
Die IGBCE verweist deshalb auf die bisherigen Dividendeneinnahmen aus Evonik. Ein Verkauf würde die Zusammensetzung des Stiftungsvermögens verändern und neue Anforderungen an dessen langfristige Erträge stellen.
Ausgangspunkt der Debatte ist eine Mitteilung vom 25. September. Damals bestätigte BASF Sondierungen mit Evonik und der RAG-Stiftung über einen möglichen Zusammenschluss. Der Ludwigshafener Chemiekonzern erklärte, dass sowohl der Fortgang als auch das Ergebnis dieser Überlegungen offen seien.
Evonik bestätigte am selben Tag den Eingang einer unverbindlichen Ansprache. Diese zielte auf ein mögliches freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien des Unternehmens. Zugleich erklärte Evonik ausdrücklich, dass zu diesem Zeitpunkt keine Gespräche stattfänden.
Auch die RAG-Stiftung bestätigte, von BASF wegen einer möglichen Übernahme angesprochen worden zu sein. Ein verbindliches öffentliches Kaufangebot wurde damit nicht bekannt gegeben.
Am 8. Oktober lag weiterhin keine bestätigte Mitteilung über ein neues verbindliches Angebot oder eine Einigung vor. Die jüngsten Entwicklungen betreffen vor allem die Positionierung der Gewerkschaft und die bevorstehenden Beratungen der Stiftung.
Bereits am 28. September hatte die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Personen aus dem Umfeld der Verhandlungen über ein mögliches BASF-Angebot im Volumen von 10,3 Milliarden Euro berichtet.
Demnach soll BASF einen Preis von ungefähr 22,15 Euro je Evonik-Aktie vorgeschlagen haben. Evonik habe diese Bewertung als zu niedrig zurückgewiesen, hieß es unter Berufung auf die nicht namentlich genannten Informanten.
Eine offizielle Bestätigung dieser Angebotssumme durch beide Unternehmen lag zunächst nicht vor. BASF hatte gegenüber Reuters erklärt, sich nicht konkret zur Preisgestaltung äußern zu wollen. Evonik und die RAG-Stiftung verzichteten damals auf eine Stellungnahme zu den Angaben.
Unklar blieb zunächst, ob BASF seine Vorstellungen inzwischen verändert hat oder ein neuer Vorschlag vorbereitet wird.
Parallel zur Debatte über eine mögliche Übernahme von Evonik wächst der politische Druck. Die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag schlägt vor, eine direkte Beteiligung des Landes an dem Chemiekonzern zu prüfen.
Gemeinsam mit der RAG-Stiftung könnte Nordrhein-Westfalen nach den Vorstellungen der SPD eine Mehrheit von mehr als 50 Prozent der Unternehmensanteile sichern. Dadurch soll Evonik als eigenständiger Konzern erhalten bleiben.
Der Antrag mit der Drucksachennummer 18/21603 steht nach der veröffentlichten Tagesordnung am 14. Oktober auf dem Programm des Landtags.
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur äußerte sich gegenüber der dpa nicht unmittelbar zu dem Vorschlag einer Landesbeteiligung. Sie betonte jedoch die Bedeutung von Evonik für den Industriestandort und verwies auf die langfristigen Perspektiven für Beschäftigte und Investitionen.
Bereits am 5. Oktober hatte die Staatskanzlei erklärt, dass Arbeitsplätze und die eigenständige Entwicklung von Evonik nicht infrage gestellt werden dürften.
Die mögliche Übernahme trifft Evonik während einer weitreichenden Neuausrichtung. Nach eigenen Angaben beschäftigt der Konzern weltweit rund 31.000 Menschen und erzielte 2025 einen Umsatz von 14,1 Milliarden Euro.
Im September stellte das Unternehmen seine überarbeitete Wachstumsstrategie vor. Dabei kündigte Evonik an, die Kosten weiter zu senken und das Geschäft stärker auf ausgewählte Wachstumsfelder auszurichten.
Im Rahmen des Restrukturierungsprogramms Evonik Tailor Made sollen weltweit 3.200 Arbeitsplätze wegfallen, davon etwa 2.150 in Deutschland. Gleichzeitig plant das Unternehmen zusätzliche Investitionen, unter anderem in Nordamerika, Asien und ausgewählten Bereichen der Spezialchemie.
Die angekündigten Veränderungen betreffen den Konzern unabhängig von einem möglichen Zusammenschluss mit BASF. Vor diesem Hintergrund verlangt die IGBCE auch vom bisherigen Evonik-Management konkrete Perspektiven für eine eigenständige Unternehmensentwicklung.
Ein möglicher Zusammenschluss von BASF und Evonik hätte Auswirkungen weit über einzelne Produktionsstandorte hinaus. BASF erzielte 2025 nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund 60 Milliarden Euro und beschäftigt weltweit etwa 95.000 Menschen.
Beide Konzerne sind international tätig. Ihre Geschäftsbereiche reichen von industriellen Chemikalien über Kunststoffe und Spezialmaterialien bis zu Anwendungen für die Automobilindustrie, die Landwirtschaft und die Herstellung von Konsumgütern.
Für die Beschäftigten stellt sich damit nicht allein die Frage nach einem möglichen Eigentümerwechsel. Entscheidend sind auch die zukünftige Verteilung von Produktionsaufgaben, Investitionen und unternehmerischen Entscheidungen.
Mit dem Schreiben der IGBCE und der angekündigten Kuratoriumssitzung hat die Diskussion eine neue Stufe erreicht. Ein verbindlicher Zeitplan für eine mögliche Übernahme, eine endgültige Entscheidung der RAG-Stiftung oder konkrete Vereinbarungen zwischen BASF und Evonik waren am Donnerstag, 8. Oktober, zunächst nicht bekannt.
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