
Deutschland steht trotz der derzeit schwachen Konjunktur vor wachsenden Problemen bei der Besetzung qualifizierter Stellen. Nach einer neuen Arbeitsmarktfortschreibung des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW, könnte die rechnerische Fachkräftelücke im Jahr 2029 bei rund 723.000 liegen. Das wären 47 Prozent mehr als auf Basis der für die Berechnung verwendeten Daten des Jahres 2024. Das Institut warnt allerdings selbst davor, die Zahl als exakte Vorhersage zu verstehen.
Für die Untersuchung hat das IW Entwicklungen in rund 1.300 Berufen auf Grundlage von Daten bis Ende 2024 bis zum Jahr 2029 fortgeschrieben. Die Berechnung beantwortet damit vor allem die Frage, was geschehen könnte, wenn sich die beobachteten Trends fortsetzen. Veränderungen bei Zuwanderung, Konjunktur, Renteneintritt, Berufswahl oder Weiterbildung können das Ergebnis erheblich verändern.
Das ist derzeit besonders relevant. Denn die Fachkräftelücke ist nach 2024 zunächst deutlich kleiner geworden. Nach Berechnungen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung, das zum IW gehört, konnten im Jahresdurchschnitt 2025 rund 369.500 offene Stellen rechnerisch nicht mit passend qualifizierten Arbeitslosen besetzt werden. Das waren 24,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Im März 2026 lag die entsprechende Zahl bei rund 357.000.
Die neue Fortschreibung berücksichtigt diesen Rückgang für 2025 noch nicht vollständig. Das IW weist darauf hin, dass die nächste Aktualisierung deshalb einen schwächeren Entwicklungspfad ergeben könnte. Die 723.000 sollten entsprechend nicht als feststehende Zahl für das Jahr 2029 verstanden werden.
Sollten sich die zugrunde gelegten Trends dennoch fortsetzen, wäre die größte absolute Lücke 2029 im Verkauf zu erwarten. Dort könnten nach der Berechnung rund 39.100 qualifizierte Beschäftigte fehlen. Für Kinderbetreuung und Erziehung werden etwa 29.900 rechnerisch unbesetzbare Stellen ausgewiesen, für Sozialarbeit und Sozialpädagogik 23.600. In der Gesundheits- und Krankenpflege wären es rund 18.700, in der Bauelektrik etwa 17.400.
Engpässe erwartet das IW auch in Bereichen, die für Investitionen und den industriellen Umbau wichtig sind. Für Bauplanung und Bauüberwachung nennt das Institut etwa 15.000 fehlende Fachkräfte, für Kraftfahrzeugtechnik rund 15.900, für elektrische Betriebstechnik 13.800 und für Mechatronik 13.600. Die zusätzliche Nachfrage, die durch staatliche Infrastrukturinvestitionen entstehen könnte, ist dabei nach Angaben des IW noch nicht eingerechnet.
Die gegenwärtige Lage auf dem Arbeitsmarkt wirkt auf den ersten Blick weniger angespannt. Im August 2026 waren bundesweit 3,061 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Gleichzeitig bezeichnete die Bundesagentur für Arbeit die Nachfrage nach neuen Beschäftigten weiterhin als schwach. Bei den Arbeitsagenturen waren 656.000 Stellen gemeldet.
Trotzdem gibt es keinen Widerspruch zwischen höherer Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel. Entscheidend ist häufig die berufliche Qualifikation. Die Bundesagentur stellte für 2025 in 157 Berufsgattungen Fachkräfteengpässe fest. Besonders betroffen waren unter anderem Pflege und Gesundheit, Bau und Handwerk sowie Berufe für Erzieherinnen und Erzieher und Berufskraftfahrer. Die Zahl der Engpassberufe war zwar von 163 auf 157 gesunken, blieb nach Einschätzung der Behörde aber hoch.
Von durchschnittlich rund 402.000 bei der Bundesagentur gemeldeten Stellen für qualifizierte Beschäftigte entfiel 2025 etwa die Hälfte auf Engpassberufe. Gleichzeitig suchte nur ungefähr jede fünfte arbeitslose Fachkraft eine Beschäftigung in einem solchen Beruf. Der Fachkräftemangel in Deutschland ist deshalb nicht allein eine Frage der Zahl verfügbarer Arbeitskräfte, sondern auch der passenden Ausbildung, des Berufs und teilweise der Region.
Hinter dem langfristigen Druck steht vor allem die Altersstruktur der Bevölkerung. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden bis 2040 rund 13,3 Millionen der heutigen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter von 67 Jahren überschritten haben. Das entspricht etwa 30 Prozent der Erwerbspersonen des Jahres 2025. Die nachfolgenden Jahrgänge sind zahlenmäßig kleiner.
Wie stark das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft, hängt wesentlich von der Zuwanderung ab. Die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung geht davon aus, dass die Zahl der 20- bis 66-Jährigen bis 2035 selbst bei einem langfristigen Wanderungsüberschuss von 350.000 Menschen jährlich um rund 3,2 Millionen sinken könnte. Bei einem Wanderungssaldo von 150.000 wären es 4,9 Millionen. Ohne Nettozuwanderung ergäbe sich rechnerisch ein Rückgang um rund 6,2 Millionen Menschen.
Gerade hier hat sich die Entwicklung zuletzt verändert. Deutschland verzeichnete 2025 noch eine Nettozuwanderung von rund 235.000 Menschen. Das waren 45 Prozent weniger als 2024. Gegenüber den übrigen EU-Staaten war der Wanderungssaldo mit rund minus 54.000 sogar negativ. Deutschland kann seinen künftigen Personalbedarf deshalb weniger als in früheren Jahren durch Zuzug aus anderen EU-Ländern abfedern.
Wie wichtig Beschäftigte aus dem Ausland bereits geworden sind, zeigt auch die Engpassanalyse der Bundesagentur. In den betroffenen Berufen hat sich ihr Anteil seit 2014 von rund sieben auf etwa 14 Prozent verdoppelt. Die Behörde geht deshalb davon aus, dass Zuwanderung für den deutschen Arbeitsmarkt langfristig weiter an Bedeutung gewinnen wird.
Das IW nennt neben einer stärkeren Gewinnung qualifizierter Beschäftigter aus Drittstaaten auch Weiterbildung, berufliche Bildung, ein längeres Erwerbsleben und veränderte Arbeitsanreize als Faktoren, die die Entwicklung beeinflussen können. Gerade darin liegt die zentrale Aussage der neuen Berechnung: Die Fachkräftelücke von 723.000 Stellen im Jahr 2029 ist kein festgelegtes Ergebnis, sondern ein Szenario, dessen Höhe von Wirtschaft, Demografie, Zuwanderung und Arbeitsmarktpolitik abhängt.
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