Deutsche Wirtschaft bremst bei Forschung und Entwicklung deutlich

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

Teilen:

Die deutschen Unternehmen investieren kaum noch zusätzlich in Forschung und Entwicklung. Gleichzeitig geht die Zahl der Beschäftigten in den Forschungsabteilungen zurück. Besonders deutlich fallen die Einsparungen in der Automobilindustrie aus. Das geht aus neuen Zahlen des Stifterverbandes hervor, die am Donnerstag, 5. November 2026, veröffentlicht wurden. Die Entwicklung erschwert die Erreichung des politischen Ziels, die deutschen Forschungsausgaben bis 2030 auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen.

Anzeige

Forschungsausgaben der Wirtschaft steigen kaum noch

Die Forschungsausgaben der Wirtschaft haben sich 2025 nur geringfügig erhöht. Nach den ersten Trenddaten des Stifterverbandes investierten die Unternehmen insgesamt 92,9 Milliarden Euro in eigene Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Im Vorjahr waren es 92,5 Milliarden Euro. Damit lag der nominale Zuwachs bei lediglich rund 0,4 Prozent.

Der geringe Anstieg zeigt, dass die Unternehmen ihre Forschungsaktivitäten finanziell kaum ausgeweitet haben. Da die Verbraucherpreise in Deutschland 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich um 2,2 Prozent stiegen, fällt der nominale Zuwachs auch deutlich niedriger aus als die allgemeine Teuerungsrate. Die tatsächliche Preisentwicklung bei Forschungsleistungen kann davon allerdings abweichen.

Erstmals seit 2016 sanken außerdem die Ausgaben für Forschungsaufträge an externe Einrichtungen. Unternehmen vergaben entsprechende Aufträge im Wert von rund 32,7 Milliarden Euro. Das waren 0,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Zu diesen Aufträgen gehören unter anderem Entwicklungsarbeiten anderer Unternehmen sowie Forschungsleistungen von Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Anzeige

Auch beim Personal zeigt sich eine Veränderung. Die Zahl der in der Wirtschaft eingesetzten Vollzeitäquivalente für Forschung und Entwicklung sank um 6.654 auf 547.447. Das entspricht einem Rückgang von 1,2 Prozent. Vollzeitäquivalente erfassen den rechnerischen Umfang der Forschungsarbeit. Die Zahl bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass ebenso viele Menschen entlassen wurden.

Autoindustrie reduziert Forschungsetats um fast 1,5 Milliarden Euro

Besonders deutlich fällt der Rückgang in der Automobilindustrie und bei ihren zentralen Zulieferern aus. Die internen Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen dieser Unternehmen gingen 2025 um 4,7 Prozent zurück. Insgesamt wurden damit fast 1,5 Milliarden Euro weniger für eigene Forschungsprojekte ausgegeben.

Zudem verringerte die Branche ihre Ausgaben für externe Forschungsaufträge um 1,6 Prozent. Beim Forschungspersonal registrierte der Stifterverband einen Rückgang von 5,8 Prozent.

Die Entwicklung besitzt für den gesamten Forschungsstandort Deutschland besondere Bedeutung. Die Automobilindustrie gehört zu den größten industriellen Auftraggebern und Betreibern von Forschung und Entwicklung. Ihre Investitionen prägen deshalb die bundesweite Forschungsstatistik in erheblichem Umfang.

Nach Einschätzung des Stifterverbandes haben sinkende Umsätze und geringere Gewinne in der Branche dazu beigetragen, dass Unternehmen auch ihre Forschungsbudgets reduzierten. Die Kürzungen betreffen damit einen Wirtschaftsbereich, der gleichzeitig erhebliche technische Veränderungen bewältigen muss.

Dazu gehören die Elektrifizierung des Antriebs, neue Softwarearchitekturen und die Weiterentwicklung vernetzter Fahrzeuge. Die rückläufigen Forschungsausgaben belegen allerdings nicht, dass einzelne dieser Entwicklungsfelder gezielt zurückgefahren wurden. Eine entsprechende Aufschlüsselung enthält die aktuelle Veröffentlichung nicht.

Maschinenbau steigert Investitionen, Softwarebranche schwächelt

Nicht alle Wirtschaftszweige reduzierten ihre Forschungsaktivitäten. Der Maschinenbau verzeichnete 2025 eine deutlich positive Entwicklung. Die internen Forschungsausgaben stiegen um neun Prozent. Bei extern vergebenen Forschungsaufträgen erreichte das Wachstum sogar knapp 25 Prozent. Das Forschungspersonal wurde um 4,2 Prozent aufgestockt.

Auch die pharmazeutische Industrie erhöhte ihre internen Forschungsaufwendungen deutlich. Der Zuwachs lag bei 10,4 Prozent. Allerdings verweist der Stifterverband darauf, dass ein erheblicher Teil dieses Anstiegs auf organisatorische Veränderungen zurückzuführen ist. Forschungsarbeiten, die zuvor externe Einrichtungen ausführten, wurden verstärkt in die Unternehmen zurückgeholt. Deshalb entspricht das gesamte Ausgabenplus nicht automatisch einem zusätzlichen Forschungsvolumen.

Weniger günstig entwickelte sich dagegen die Informations- und Kommunikationsbranche. Dort sanken die internen Forschungsaufwendungen um zwei Prozent auf knapp acht Milliarden Euro. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben für externe Forschungsaufträge um 6,2 Prozent. Beim Forschungspersonal ergab sich ein leichter Zuwachs von 0,6 Prozent.

Die unterschiedlichen Entwicklungen zeigen, dass sich die Forschungsinvestitionen innerhalb der deutschen Wirtschaft zunehmend uneinheitlich entwickeln. Während größere Unternehmen ihre Ausgaben und Personalressourcen tendenziell zurückfuhren, verstärkten kleinere Betriebe nach Angaben des Stifterverbandes teilweise ihr Engagement.

Deutschland entfernt sich vom Forschungsziel für 2030

Die Ergebnisse haben auch unmittelbare Bedeutung für die Forschungsstrategie der Bundesregierung. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass Staat und Wirtschaft bis 2030 gemeinsam mindestens 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aufwenden sollen.

Dieses Ziel wurde bislang nicht erreicht. Nach der aktuellen Trendberechnung des Stifterverbandes lag die deutsche Forschungsquote 2025 bei 3,07 Prozent. Für 2024 nennt die neue Auswertung 3,12 Prozent. Damit hat sich der Anteil der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen an der Wirtschaftsleistung verringert.

Der Beitrag der Wirtschaft lag 2025 bei 2,05 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Vorjahr waren es nach der aktuellen Berechnung noch 2,11 Prozent. Die Unternehmen stehen damit für ungefähr zwei Drittel der gesamten Forschungsaktivitäten in Deutschland.

Zur Zielmarke von 3,5 Prozent fehlen auf Grundlage der neuen Quote noch 0,43 Prozentpunkte. Um diese Differenz zu schließen, müssten die Forschungsaufwendungen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung deutlich zunehmen. Dabei sind sowohl die Unternehmen als auch staatliche Forschungseinrichtungen und Hochschulen von Bedeutung.

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär bewertete die Entwicklung zurückhaltend. Sie verwies darauf, dass die Forschungsinvestitionen zwar nominal gestiegen seien, das Wachstum jedoch hinter den Erwartungen zurückbleibe. Die Bundesregierung wolle deshalb mit ihrer Hightech Agenda zusätzliche Impulse für wichtige Technologiefelder setzen.

Internationaler Wettbewerb erhöht den Druck

Trotz der schwachen Entwicklung zählt Deutschland weiterhin zu den forschungsintensiven Volkswirtschaften. Nach dem Bundesbericht Forschung und Innovation 2026 lag die deutsche Forschungsquote 2024 über dem Durchschnitt der Europäischen Union und der OECD.

Allerdings investieren mehrere internationale Wettbewerber gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung einen größeren Anteil in Forschung und Entwicklung. Dazu gehören unter anderem Israel, Südkorea, Schweden, die Vereinigten Staaten und Japan.

Die Bundesregierung hat die Stärkung technologischer Fähigkeiten deshalb zu einem Schwerpunkt ihrer Wirtschaftspolitik erklärt. Die Hightech Agenda konzentriert sich insbesondere auf sechs Schlüsselbereiche: künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung sowie Technologien für klimaneutrale Mobilität.

Mit dieser Schwerpunktsetzung sollen neue Entwicklungen schneller wirtschaftlich nutzbar gemacht und zusätzliche technologische Kompetenzen aufgebaut werden.

Der internationale Vergleich verdeutlicht zugleich die Bedeutung privater Forschungsinvestitionen. Staatliche Förderprogramme können zusätzliche Projekte ermöglichen. Die gesamtwirtschaftliche Forschungsquote hängt jedoch wesentlich davon ab, in welchem Umfang Unternehmen selbst neue Produkte, Verfahren und Technologien entwickeln.

Unternehmen erwarten auch für 2026 sinkende Ausgaben

Eine rasche Rückkehr zu deutlich steigenden Forschungsbudgets zeichnet sich in den Erwartungen der befragten Unternehmen zunächst nicht ab. Für 2026 rechnen sie mit einem weiteren Rückgang der internen Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen um 1,8 Prozent.

Dabei handelt es sich um eine Prognose und nicht um bereits feststehende Jahresergebnisse. Die tatsächlichen Ausgaben können sich im weiteren Verlauf entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung und den Investitionsentscheidungen der Unternehmen verändern.

Melanie Maas-Brunner, Präsidentin des Stifterverbandes, sieht angesichts der aktuellen Zahlen einen erhöhten Handlungsbedarf bei der Innovationsförderung. Nach ihrer Einschätzung sollten Förderinstrumente gezielter eingesetzt und Unternehmen mehr Möglichkeiten gegeben werden, neue Technologien und Geschäftsmodelle unter praxisnahen Bedingungen zu erproben.

Die aktuellen Ergebnisse unterstreichen damit eine zentrale Herausforderung für die deutsche Wirtschaftspolitik: Während die Bundesregierung den Anteil der Forschungsausgaben bis 2030 deutlich steigern möchte, halten sich wichtige Industriebranchen bei ihren eigenen Forschungsinvestitionen zurück. Ob sich diese Entwicklung wieder umkehrt, wird wesentlich davon abhängen, wie sich die wirtschaftliche Lage und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen entwickeln.

Mit MS-Aktuell immer ohne Paywall lesen
Bei Google bevorzugen

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu