
Deutschlands Gasspeicher sind kurz vor Beginn des Novembers erheblich weniger gefüllt als in früheren Jahren. Die gesetzlich vorgeschriebenen Füllstände werden voraussichtlich deutlich verfehlt. Gleichzeitig bewegen sich die europäischen Gaspreise auf einem hohen Niveau. Die Bundesnetzagentur sieht dennoch keine unmittelbare Gefahr für die Versorgung im kommenden Winter.
Wenige Tage vor dem gesetzlichen Stichtag am 1. November zeichnet sich eine deutliche Verfehlung der deutschen Gasspeicherziele ab. Nach Angaben der Bundesnetzagentur vom 29. Oktober 2026 lag der Füllstand bei 61,7 Prozent. Das entsprach einer gespeicherten Gasmenge von 152,7 Terawattstunden.
Die europäischen Speicherdaten von Gas Infrastructure Europe (GIE) wiesen für den 28. Oktober einen vorläufigen Füllstand von 61,6 Prozent aus. Ein Jahr zuvor waren die deutschen Speicher zum gleichen Zeitpunkt noch zu rund 75,2 Prozent gefüllt.
Der Abstand zu früheren Jahren ist damit erheblich. Die Gasspeicher in Deutschland haben eine nutzbare Gesamtkapazität von ungefähr 247 Terawattstunden. Sie dienen insbesondere dazu, Verbrauchsspitzen während der Heizperiode auszugleichen und kurzfristige Schwankungen bei der Gasversorgung abzufedern.
Bereits seit dem Sommer hatte sich abgezeichnet, dass die Befüllung hinter den früher üblichen Werten zurückbleiben würde. Anfang September waren die Speicher nach Angaben des Branchenverbands Initiative Energien Speichern lediglich zu rund 53 Prozent gefüllt.
Die deutsche Gasspeicherfüllstandsverordnung schreibt für den 1. November grundsätzlich einen Füllstand von mindestens 80 Prozent vor. Allerdings gilt diese Vorgabe nicht uneingeschränkt für sämtliche Anlagen.
Für die Speicher Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen beträgt der vorgeschriebene Mindestfüllstand lediglich 45 Prozent. Hintergrund sind technische Besonderheiten bei der Einlagerung und Entnahme von Erdgas sowie die geografische Lage der Anlagen.
Die gesetzlichen Werte beziehen sich auf die einzelnen Speicher und nicht auf einen einheitlichen bundesweiten Durchschnitt. Der bundesweite Füllstand von rund 62 Prozent liegt allerdings so deutlich unter der regulären Vorgabe, dass eine umfassende Erfüllung der Speicherziele zum Stichtag kaum noch erreichbar erscheint.
Für den 1. Februar 2027 gelten niedrigere Mindestwerte. Grundsätzlich müssen dann 30 Prozent erreicht werden. Bei den vier bayerischen Speichern Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg liegt die Vorgabe bei 40 Prozent.
Die derzeitige Verordnung gilt bis zum 31. März 2027.
Trotz der niedrigen Speicherstände bewertet die Bundesnetzagentur die Versorgungssituation weiterhin als stabil. In ihrer Lageeinschätzung vom 29. Oktober erklärte die Behörde, die Versorgungssicherheit sei gewährleistet. Die Gefahr einer angespannten Gasversorgung werde weiterhin als gering eingeschätzt.
Entscheidend sei nicht allein die Menge des eingespeicherten Gases. Ebenso wichtig seien die laufenden Importe, die verfügbaren Flüssigerdgasterminals, die Transportinfrastruktur und die tatsächliche Nachfrage.
Zwischen dem 21. und 27. Oktober wurden nach Behördenangaben insgesamt 18,4 Terawattstunden Erdgas über Pipelines nach Deutschland importiert. Weitere 1,1 Terawattstunden kamen über deutsche LNG-Terminals ins Land. Deren durchschnittliche Auslastung lag in diesem Zeitraum bei 28,4 Prozent.
Die Behörde hält es deshalb nicht für zwingend erforderlich, dass sämtliche gesetzlichen Speicherziele erreicht werden, um eine sichere Gasversorgung zu gewährleisten.
Allerdings rechnet die Bundesnetzagentur damit, dass die Speicher am Ende des kommenden Winters einen vergleichsweise niedrigen Füllstand aufweisen könnten. Besonders relevant bleiben der Temperaturverlauf und die Entwicklung der internationalen Gaslieferungen.
Der staatliche Energiekonzern Uniper sieht sich für die bevorstehende Heizperiode besser vorbereitet als es der bundesweite Durchschnitt vermuten lässt.
Nach Unternehmensangaben, über die am 30. Oktober berichtet wurde, seien die berücksichtigten Gasspeicher von Uniper zu mehr als 81 Prozent gefüllt. Konzernchef Michael Lewis verwies auf eine langfristig geplante und über die gesamte Saison fortgesetzte Einspeicherung.
Der Wert berücksichtigt allerdings nicht den Speicher Breitbrunn in Bayern. Für diese Anlage hatte Uniper bereits die Stilllegung beantragt. Ihr Füllstand liegt nach den veröffentlichten Angaben lediglich bei rund zehn Prozent.
Uniper verwies außerdem darauf, dass sich große Porenspeicher nicht innerhalb weniger Tage vollständig befüllen ließen. Für die Einlagerung größerer Gasmengen seien mehrere Monate erforderlich.
Die unterschiedlichen Werte zeigen, dass sich die Situation von Speicher zu Speicher erheblich unterscheiden kann.
Die niedrigen deutschen Speicherstände haben inzwischen auch eine europäische Debatte ausgelöst.
Alessandro Noce, ein hochrangiger Vertreter des italienischen Energieministeriums, kritisierte am 29. Oktober auf einer Energiekonferenz in Mailand die deutsche Speicherpolitik. Nach seiner Darstellung habe Italien erhebliche finanzielle Mittel eingesetzt, um seine Reserven rechtzeitig vor dem Winter aufzufüllen.
Italiens Gasspeicher waren zu diesem Zeitpunkt nach Daten von Gas Infrastructure Europe zu ungefähr 91 Prozent gefüllt. Der EU-Durchschnitt lag bei rund 75 Prozent.
Noce stellte einen Zusammenhang zwischen der deutschen Speicherbefüllung und dem jüngsten Anstieg europäischer Gaspreise her. Diese Einschätzung ist allerdings keine unabhängige Feststellung der Ursachen für die Preisentwicklung.
Das Bundeswirtschaftsministerium wies die Kritik am 30. Oktober zurück. Insbesondere die Behauptung, Deutschland habe die Speicherbefüllung wegen der geplanten Privatisierung staatlicher Energieunternehmen vernachlässigt, bezeichnete das Ministerium als unbegründet.
Auch die europäische Rechtslage unterscheidet sich von den deutschen Stichtagsregelungen. Auf EU-Ebene gilt grundsätzlich ein Speicherziel von 90 Prozent, das nach einer Gesetzesänderung innerhalb eines Zeitfensters vom 1. Oktober bis zum 1. Dezember erreicht werden kann. Bei schwierigen Marktbedingungen sind bestimmte Abweichungen zulässig.
Neben den Speicherständen rückt die Preisentwicklung stärker in den Mittelpunkt.
Am europäischen Großhandelsmarkt erreichte der maßgebliche niederländische TTF-Gaskontrakt am Mittwoch, 28. Oktober 2026, zeitweise rund 100 Euro je Megawattstunde. Nach Reuters-Angaben war dies erstmals seit Dezember 2022 wieder der Fall.
Auch am Freitag, 30. Oktober, blieb das Preisniveau hoch. Der Dezemberkontrakt wurde nach zeitverzögerten Kursdaten von ICE Endex, veröffentlicht durch den italienischen Finanzdatendienst TradingCenter, um 9.01 Uhr mit rund 100,43 Euro je Megawattstunde ausgewiesen.
Die Preise werden von mehreren Faktoren beeinflusst. Neben den Speicherständen gehören dazu geopolitische Konflikte, die Verfügbarkeit von Flüssigerdgas, internationale Transportwege und die Nachfrage auf den Weltmärkten.
Die Bundesnetzagentur verweist insbesondere auf die Auswirkungen der Entwicklungen im Nahen Osten auf die internationalen Großhandelspreise.
Ein eindeutiger Anteil der niedrigen deutschen Speicherfüllstände am aktuellen Preisanstieg lässt sich daraus nicht bestimmen.
Für private Haushalte bedeutet ein höherer Börsenpreis nicht zwangsläufig eine sofortige Verteuerung der Gasrechnung.
Viele Energieversorger kaufen ihre benötigten Gasmengen langfristig ein. Dadurch können kurzfristige Schwankungen am Großhandelsmarkt zunächst abgefedert werden.
Wie stark steigende Einkaufspreise bei den Verbrauchern ankommen, hängt unter anderem von der Beschaffungsstrategie des jeweiligen Lieferanten und den vertraglich vereinbarten Konditionen ab.
Bei bestehenden Verträgen mit einer Preisgarantie wirken sich kurzfristige Marktbewegungen nicht unmittelbar auf den vereinbarten Energiepreis aus. Anders kann die Situation bei Neuverträgen oder nach Ablauf einer Preisbindung aussehen.
Auch Haushalte mit dynamischen oder anderweitig an Marktpreise gekoppelten Tarifen können Preisänderungen schneller spüren.
Die Bundesregierung hatte bereits in ihrer am 20. Oktober veröffentlichten Einschätzung zur Winterversorgung darauf hingewiesen, dass zwar keine Gasmangellage absehbar sei, im Winter aber weitere Preisspitzen möglich blieben.
Eine konkrete Prognose, um wie viele Cent je Kilowattstunde die Gaspreise für Haushalte steigen könnten, ergibt sich daraus nicht.
Die Bundesregierung beschäftigt sich inzwischen auch mit einer grundlegenden Veränderung der staatlichen Gasvorsorge.
Das Bundeswirtschaftsministerium hatte im Oktober einen Gesetzentwurf für eine nationale strategische Gasreserve vorbereitet. Diese soll zusätzliche Gasmengen für außergewöhnliche Versorgungskrisen bereitstellen.
Anders als die reguläre Speicherbefüllung durch Energieunternehmen wäre eine solche Reserve ausdrücklich für die staatliche Krisenvorsorge bestimmt.
Der Entwurf sah vor, dass auf diese zusätzlichen Vorräte nur unter besonderen Voraussetzungen zurückgegriffen werden könnte. Zur Finanzierung war eine Umlage vorgesehen. Eine bereits beschlossene Einführung der neuen Reserve lag damit noch nicht vor.
Für die laufende Heizperiode bleibt das bestehende System maßgeblich. Energieunternehmen müssen ihre Lieferverpflichtungen erfüllen und sich dafür ausreichend Gas über Speicher, Pipelines und Flüssigerdgas beschaffen.
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