
Eine neue US-Studie liefert weitere Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen GLP-1-Medikamenten und Haarausfall. Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, die erstmals einen GLP-1-Rezeptoragonisten erhielten, entwickelten demnach häufiger eine ärztlich dokumentierte Alopezie als Patienten, die mit zwei anderen Gruppen von Diabetesmedikamenten behandelt wurden. Das Haarausfall-Risiko bei GLP-1-Medikamenten blieb in absoluten Zahlen allerdings niedrig. Einen ursächlichen Zusammenhang kann die Untersuchung nicht belegen.
Die Studie wurde am 22. Juli 2026 im Fachjournal The BMJ veröffentlicht. Das Forschungsteam um Huilin Tang von der University of Pennsylvania wertete elektronische Gesundheitsdaten des Penn-Medicine-Gesundheitssystems aus. Berücksichtigt wurden Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, die zwischen Januar 2019 und September 2024 erstmals einen GLP-1-Rezeptoragonisten, einen SGLT-2-Hemmer oder einen DPP-4-Hemmer erhielten.
Für den Vergleich mit SGLT-2-Hemmern umfasste die Analyse 12.004 Patienten, die einen GLP-1-Rezeptoragonisten begannen, und 15.221 Patienten mit einem SGLT-2-Hemmer. Nach statistischer Anpassung lag die Rate neu diagnostizierter Alopezien in der GLP-1-Gruppe bei 6,91 Fällen je 1.000 Personenjahre. In der SGLT-2-Gruppe lag sie bei 5,04 Fällen je 1.000 Personenjahre. Daraus ergab sich ein um 37 Prozent höheres relatives Risiko.
Beim zweiten Vergleich standen 11.964 GLP-1-Nutzer 11.238 Nutzern von DPP-4-Hemmern gegenüber. Hier lag die angepasste Häufigkeit bei 6,53 Fällen je 1.000 Personenjahre in der GLP-1-Gruppe und bei 3,89 Fällen je 1.000 Personenjahre in der Vergleichsgruppe. Das relative Risiko lag damit 68 Prozent höher.
Die Prozentwerte beschreiben das relative Risiko und nicht den Anteil aller Behandelten, die Haarausfall entwickeln. In absoluten Zahlen entsprach der Unterschied je nach Vergleichsgruppe etwa zwei bis drei zusätzlich dokumentierten Fällen je 1.000 Personenjahre. Auch unabhängige Fachleute verwiesen nach Veröffentlichung der Studie darauf, dass das absolute Risiko niedrig blieb.
Bei der Auswertung verschiedener Formen von Haarausfall zeigte sich die Assoziation vor allem für nicht vernarbende Alopezien. Dabei bleiben die Haarfollikel grundsätzlich erhalten. Gegenüber SGLT-2-Hemmern lag das relative Risiko für diese Gruppe von Haarausfallerkrankungen 53 Prozent höher, gegenüber DPP-4-Hemmern 72 Prozent höher. Für Alopecia areata, eine autoimmune Form des Haarausfalls, fanden die Forscher dagegen kein vergleichbar klares Signal.
Die Untersuchung war als sogenannte Target-Trial-Emulation angelegt. Mit dieser Methode versuchen Forscher, anhand von Beobachtungsdaten bestimmte Merkmale einer randomisierten klinischen Studie nachzubilden. Dabei wurden unter anderem Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Medikamenteneinnahme und weitere Ausgangsmerkmale statistisch berücksichtigt. Dennoch handelt es sich nicht um eine randomisierte Studie. Nicht erfasste Unterschiede zwischen den Patientengruppen können das Ergebnis beeinflusst haben.
Hinzu kommt, dass Haarausfall anhand von Diagnosecodes in Krankenakten erfasst wurde. Mildere oder vorübergehende Fälle, die nicht medizinisch dokumentiert wurden, konnten deshalb fehlen. Auch Schweregrad, Dauer und mögliche Rückbildung des Haarausfalls ließen sich anhand der Daten nicht zuverlässig beurteilen.
Unklar ist weiterhin, wodurch die beobachtete Assoziation entsteht. Eine mögliche Erklärung ist die Gewichtsabnahme selbst. Schneller oder deutlicher Gewichtsverlust gilt als möglicher Auslöser eines sogenannten Telogeneffluviums. Dabei wechseln mehr Haare als üblich in eine Ruhephase und fallen anschließend aus.
Auch eine deutlich verringerte Kalorienaufnahme und Veränderungen der Nährstoffversorgung könnten eine Rolle spielen. Die Autoren nennen unter anderem Eisen und Zink als Faktoren, die den Haarzyklus beeinflussen können. Die Studie konnte jedoch nicht feststellen, ob der Gewichtsverlust den Zusammenhang tatsächlich vermittelt oder ob GLP-1-Rezeptoragonisten unabhängig davon eine direkte Wirkung auf den Haarzyklus haben.
Damit lässt sich aus der Untersuchung nicht ableiten, dass GLP-1-Medikamente den Haarausfall unmittelbar verursachen. Auch die Forscher sprechen von einer Assoziation und weisen ausdrücklich auf mögliche verbleibende Störfaktoren hin.
Das Sicherheitssignal ist nicht völlig neu. In klinischen Studien mit dem Semaglutid-Präparat Wegovy wurde Haarausfall bei Erwachsenen unter der zugelassenen Dosis von 2,4 Milligramm bei 3,3 Prozent der Behandelten erfasst. In den entsprechenden Placebogruppen lag der Anteil bei 1 Prozent. Nach aktuellen US-Produktinformationen traten die Fälle in Zusammenhang mit der Gewichtsreduktion auf.
Auch bei Tirzepatid ist Haarausfall in den US-Produktinformationen von Zepbound aufgeführt. In zwei zulassungsrelevanten Studien lag der Anteil je nach Dosierung bei 4 bis 5 Prozent, in der Placebogruppe bei 1 Prozent. Frauen waren deutlich häufiger betroffen als Männer. Auch hier wurden die Reaktionen in den Zulassungsunterlagen mit der Gewichtsreduktion in Verbindung gebracht.
Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte Alopezie bereits als mögliches Sicherheitssignal für die Wirkstoffklasse geprüft. Zwischen Ende 2024 und Mai 2025 wurden die Produktinformationen mehrerer GLP-1-Präparate entsprechend ergänzt. Für Wegovy und Zepbound kam die Behörde zu dem Schluss, dass die bestehende Kennzeichnung zu diesem Zeitpunkt ausreichend war.
Eine weitere 2026 veröffentlichte Analyse des FDA-Meldesystems FAERS hatte 1.941 Berichte über Alopezie oder verwandte Formen von Haarausfall bei Nutzern verschiedener GLP-1-Rezeptoragonisten aus den Jahren 2016 bis 2025 ausgewertet. Die meisten Meldungen entfielen auf Semaglutid mit 697 Berichten und Tirzepatid mit 620 Berichten. In einzelnen Jahren ergaben sich statistische Sicherheitssignale für beide Wirkstoffe.
Solche Spontanmeldedaten können jedoch weder angeben, wie häufig eine Nebenwirkung tatsächlich auftritt, noch beweisen, dass ein Medikament sie ausgelöst hat. Meldungen können zudem durch Bekanntheit eines Wirkstoffs, Verschreibungszahlen und öffentliche Aufmerksamkeit beeinflusst werden. Die neue BMJ-Studie geht deshalb einen Schritt weiter, weil sie behandelte Patientengruppen direkt miteinander vergleicht und zahlreiche mögliche Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt.
Ihre Aussagekraft bleibt trotzdem auf Erwachsene mit Typ-2-Diabetes beschränkt, die im untersuchten US-Gesundheitssystem behandelt wurden. Ob sich dieselben Risikowerte auf Menschen übertragen lassen, die GLP-1-Medikamente ausschließlich zur Behandlung von Adipositas erhalten, wurde in dieser Untersuchung nicht geprüft.
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