
Nach jahrzehntelang steigenden Impfquoten zeigt sich bei Kindern in vielen Staaten der Europäischen Union eine Trendwende. Eine neue Studie im Fachjournal The Lancet Regional Health Europe kommt zu dem Ergebnis, dass 16 der 27 EU-Länder zuletzt bei mindestens vier von sieben untersuchten Impfindikatoren rückläufige Entwicklungen aufweisen. Besonders häufig betrifft der Rückgang Impfungen gegen Haemophilus influenzae Typ b und Polio. Die sinkenden Impfquoten bei Kindern bedeuten allerdings nicht, dass der Impfschutz in Europa insgesamt eingebrochen ist. In zahlreichen Ländern liegen die absoluten Quoten weiterhin auf hohem Niveau.
Das internationale Forschungsteam wertete Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Kinderhilfswerks UNICEF für alle 27 EU-Staaten aus. Untersucht wurde der Zeitraum von 1980 bis 2024. Die Analyse umfasst die dritte Dosis gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis, die dritte Dosis gegen Hepatitis B, Haemophilus influenzae Typ b, Polio und Pneumokokken sowie jeweils die erste Impfdosis gegen Masern und Röteln.
Damit handelt es sich nicht um sieben einzelne Impfstoffe im engeren Sinne. Mehrere der erfassten Erkrankungen werden in der Praxis mit Kombinationsimpfstoffen abgedeckt. Haemophilus influenzae Typ b, kurz Hib, ist zudem nicht mit der Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe B zu verwechseln. Hib-Bakterien können unter anderem schwere Hirnhautentzündungen verursachen.
Über den gesamten Untersuchungszeitraum verbesserte sich die Impfversorgung in Europa deutlich. Die statistische Analyse zeigt jedoch, dass sich die Richtung vieler Zeitreihen in jüngerer Vergangenheit verändert hat. Bei einem großen Teil der rückläufigen Entwicklungen lag dieser Wendepunkt zwischen 2019 und 2022.
Nach den veröffentlichten Ergebnissen weisen 16 EU-Staaten rückläufige Entwicklungen bei mindestens vier der sieben untersuchten Impfindikatoren auf. Dazu zählen Bulgarien, Zypern, Irland, die Niederlande, Rumänien, Schweden, Deutschland, Spanien, Kroatien, Tschechien, Estland, Litauen, die Slowakei, Belgien, Polen und Slowenien.
Besonders breit ist die negative Entwicklung in Bulgarien, Zypern, Irland, den Niederlanden, Rumänien und Schweden. Dort waren zuletzt alle sieben untersuchten Impfindikatoren rückläufig. Für Deutschland und Spanien weist die Analyse bei fünf der sieben Kategorien nach unten. Frankreich und Italien zeigen dagegen ein gemischtes Bild. Dort verbesserten sich jeweils vier Indikatoren, während drei zurückgingen.
Die Rückgänge sind je nach Impfung unterschiedlich verbreitet. Bei Hib und Polio registrierten die Forschenden in jeweils 20 Staaten eine rückläufige Entwicklung. Bei Hepatitis B waren es 18 Länder und bei Diphtherie, Tetanus und Pertussis 17. Günstiger entwickelten sich im Vergleich dazu die Indikatoren für die erste Masern- und Rötelnimpfung.
Die Zahlen müssen von den absoluten Impfquoten unterschieden werden. Ein Land kann weiterhin sehr hohe Werte erreichen und gleichzeitig einen statistisch rückläufigen Trend zeigen. Umgekehrt kann sich die Quote in einem Land verbessern, obwohl sie noch vergleichsweise niedrig liegt.
Für 2024 zeigt die Untersuchung entsprechend große Unterschiede innerhalb der EU. Luxemburg und Portugal erreichten bei den sieben betrachteten Indikatoren jeweils mindestens 95 Prozent. Rumänien lag dagegen bei sämtlichen untersuchten Impfungen unter 80 Prozent. Auch zwischen einzelnen Impfungen innerhalb desselben Landes bestehen erhebliche Unterschiede.
Eine einzelne Prozentzahl für den Rückgang in Europa nennt die Studie deshalb nicht. Die Forschenden untersuchten die Entwicklung jeder Impfquote in jedem Land als eigene Zeitreihe und bestimmten statistisch, wann sich deren Richtung veränderte. Aussagen wie ein europaweiter Rückgang um einen bestimmten Prozentsatz würden die Ergebnisse daher nicht korrekt wiedergeben.
Dass zahlreiche Rückgänge zwischen 2019 und 2022 einsetzten, fällt zeitlich mit der Covid-19-Pandemie zusammen. Während der Pandemie waren Routineangebote in Gesundheitssystemen zeitweise eingeschränkt oder wurden später wahrgenommen. WHO und UNICEF haben solche Störungen von Impfprogrammen auch international dokumentiert.
Die neue Untersuchung kann jedoch nicht belegen, dass die Pandemie die beobachteten Veränderungen verursacht hat. Es handelt sich um eine ökologische Zeitreihenstudie auf Basis nationaler Daten. Individuelle Gründe dafür, weshalb Kinder nicht oder später geimpft wurden, wurden nicht erhoben.
Als mögliche Einflussfaktoren werden in der wissenschaftlichen Diskussion neben unterbrochenen oder verzögerten Impfangeboten auch Zugangsbarrieren, soziale Ungleichheiten, nachlassende Risikowahrnehmung, Impfskepsis und Fehlinformationen genannt. Wie groß der Anteil der einzelnen Faktoren an den Veränderungen in den jeweiligen Ländern ist, lässt sich aus der Studie nicht ableiten.
Für den Gemeinschaftsschutz ist nicht bei jeder Krankheit dieselbe Impfquote erforderlich. Besonders anspruchsvoll ist die Kontrolle der hoch ansteckenden Masern. WHO und ECDC empfehlen dauerhaft mindestens 95 Prozent Impfquote mit zwei Dosen eines masernhaltigen Impfstoffs auf nationaler und möglichst auch auf lokaler Ebene. Die aktuelle Studie untersuchte bei Masern allerdings nur die erste Dosis. Daraus lässt sich deshalb nicht unmittelbar ablesen, ob ein Land das Ziel für zwei Dosen erreicht.
Wie schnell größere Immunitätslücken epidemiologische Folgen haben können, zeigte Europa zuletzt bei den Masern. In der gesamten WHO-Region Europa und Zentralasien wurden für 2024 mehr als 127.000 Fälle registriert. 2025 sank die Zahl nach vorläufigen WHO- und UNICEF-Daten auf knapp 34.000. Beide Organisationen warnten dennoch vor weiteren Ausbrüchen, solange lokale Impflücken bestehen.
Solche Lücken sind besonders für Menschen relevant, die selbst keinen vollständigen Impfschutz aufbauen können oder für bestimmte Impfungen noch zu jung sind. Nationale Durchschnittswerte können dabei regionale oder soziale Unterschiede verdecken. Ein Land kann insgesamt eine hohe Quote aufweisen und gleichzeitig einzelne Gemeinden mit deutlich geringerem Schutz haben.
Die Untersuchung zeigt damit vor allem einen Richtungswechsel. Nach Jahrzehnten überwiegend steigender Impfquoten stagnieren oder sinken mehrere wichtige Indikatoren inzwischen in einem beträchtlichen Teil der Europäischen Union. Gleichzeitig sind die Unterschiede zwischen Ländern und Impfungen groß und viele absolute Impfquoten weiterhin hoch.
Entscheidend für die weitere Entwicklung ist daher nicht allein, ob ein nationaler Wert leicht steigt oder fällt. Relevant sind auch das erreichte Ausgangsniveau, regionale Impflücken, vollständig abgeschlossene Impfserien und die jeweilige Krankheit. Die Daten bis 2024 zeigen, dass die zuvor über viele Jahre erzielten Fortschritte beim Impfschutz von Kindern in Europa nicht automatisch dauerhaft bestehen bleiben.
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