
Ein neuer Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft sieht in internationalen Studierenden einen erheblichen langfristigen Nutzen für Wirtschaft und Staatsfinanzen in Deutschland. Nach den Berechnungen des IW könnte allein der internationale Studienanfängerjahrgang 2023 über sein gesamtes Erwerbsleben hinweg einen Überschuss von rund 23,1 Milliarden Euro für die öffentlichen Haushalte erzielen. Hinzu kommt eine rechnerische Wertschöpfung von etwa 127 Milliarden Euro. Grundlage ist ein Gutachten, das das IW im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes erstellt und am 8. September 2026 veröffentlicht hat.
Die Zahlen sind Modellrechnungen und keine bereits realisierten Einnahmen. Entscheidend für die Ergebnisse ist vor allem die Annahme, wie viele internationale Studierende ihr Studium erfolgreich abschließen, anschließend in Deutschland arbeiten und langfristig im Land bleiben. Das neue Gutachten versucht, diese bislang unsichere Größe mit Daten des Mikrozensus genauer zu bestimmen.
Für seine Berechnung betrachtet das IW rund 81.800 internationale Studierende mit Abschlussabsicht, die 2023 ein Studium in Deutschland begonnen haben. Verknüpft werden die neu ermittelten Bleibequoten mit Annahmen aus einer bereits 2025 veröffentlichten IW-Untersuchung zu Steuern, Sozialabgaben, staatlichen Leistungen, Ausbildungskosten und wirtschaftlicher Wertschöpfung.
Daraus ergibt sich nach dem Modell über das gesamte Erwerbsleben der Kohorte eine Wertschöpfung von rund 127 Milliarden Euro. Für Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen errechnet das IW unter dem Strich einen positiven fiskalischen Effekt von etwa 23,1 Milliarden Euro. Der oft genannte wirtschaftliche Beitrag internationaler Studierender hängt damit wesentlich davon ab, wie sich Erwerbsbeteiligung, Einkommen und Verbleib tatsächlich entwickeln.
Das IW hatte 2025 noch mehrere Szenarien verwendet. Je nach angenommener Bleibequote ergaben sich damals für einen internationalen Anfängerjahrgang langfristige Überschüsse zwischen rund 7,36 und 26 Milliarden Euro. Die neue Berechnung von 23,1 Milliarden Euro liegt damit im oberen Bereich dieser früheren Szenarien.
Neu ist vor allem die Untersuchung des langfristigen Verbleibs. Das IW stützt sich dafür auf den Mikrozensus, eine amtliche Haushaltsbefragung mit Angaben unter anderem zu Bildung, Beschäftigung, Migration und Einkommen.
Nach der Auswertung bleiben rund 59 Prozent der betrachteten internationalen Studierenden bis zu neun Jahre nach ihrer Einreise in Deutschland. Von dieser Gruppe erreichen laut IW rund drei Viertel einen Hochschulabschluss. Auf einen gesamten internationalen Anfängerjahrgang mit Abschlussabsicht bezogen entspricht das rund 45 Prozent, die nach erfolgreichem Studium als akademisch qualifizierte Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Allerdings bleibt auch diese Gruppe nicht vollständig dauerhaft in Deutschland. Nach der IW-Analyse verlässt etwa ein Viertel der über das Studium zugewanderten akademischen Fachkräfte später wieder das Land. Daraus leitet das Institut ab, dass rund 34 Prozent eines internationalen Studienanfängerjahrgangs bis zum Renteneintritt als akademisch qualifizierte Fachkräfte in Deutschland bleiben.
Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres mit anderen Untersuchungen gleichsetzen. Daten des Ausländerzentralregisters basieren beispielsweise auf einer Vollerhebung, erfassen aber andere Personengruppen und ermöglichen nicht dieselben Differenzierungen. Frühere Auswertungen der OECD kamen dennoch auf ähnliche Größenordnungen bei längerfristigen Bleibequoten.
Nach dem IW-Modell würden die von internationalen Absolventinnen und Absolventen gezahlten Steuern und Sozialabgaben bereits zwei Jahre nach dem Studienabschluss in ihrer Gesamtsumme höher liegen als die bis dahin erhaltenen staatlichen Leistungen einschließlich der Kosten für ihre Studienplätze.
Auch diese Aussage beschreibt eine Modellrechnung für eine Gruppe und bedeutet nicht, dass sich jeder einzelne Studienplatz nach exakt zwei Jahren refinanziert. Studienfach, Studiendauer, Abschluss, Erwerbsverlauf, Einkommen und Aufenthaltsdauer können sich erheblich unterscheiden.
Der Vergleich ist besonders relevant, weil ein Studium an öffentlichen Hochschulen in Deutschland überwiegend staatlich finanziert wird. Anders als in Ländern mit hohen allgemeinen Studiengebühren entsteht der fiskalische Nutzen nach der IW-Systematik deshalb vor allem dann, wenn internationale Absolventen anschließend in Deutschland arbeiten, Einkommen erzielen und Steuern sowie Sozialbeiträge zahlen.
Das IW verbindet die fiskalischen Berechnungen ausdrücklich mit der Fachkräftesicherung. Wer bereits in Deutschland studiere, habe während dieser Zeit Gelegenheit, Sprachkenntnisse aufzubauen, Kontakte zu Unternehmen zu knüpfen und Erfahrungen mit dem deutschen Arbeitsmarkt zu sammeln. Damit unterscheidet sich diese Form der Fachkräftegewinnung von einer direkten Anwerbung bereits ausgebildeter Arbeitskräfte im Ausland.
Für die wirtschaftlichen Effekte bleibt jedoch der Studienerfolg entscheidend. Wer das Studium abbricht oder Deutschland früh wieder verlässt, trägt entsprechend weniger zu den späteren Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen bei. Das IW nennt deshalb Studienvorbereitung, Betreuung während des Studiums und einen möglichst reibungslosen Übergang in Beschäftigung als wichtige Faktoren.
Der DAAD, der das Gutachten in Auftrag gegeben hat, leitet daraus Forderungen nach attraktiven Studien- und Lebensbedingungen sowie besserer Unterstützung beim Einstieg in den Arbeitsmarkt ab. Diese Position ist von der Rolle des DAAD als Organisation für internationalen akademischen Austausch zu unterscheiden von den statistischen Ergebnissen und Modellrechnungen des IW.
Die Bedeutung der Gruppe für die Hochschulen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Nach einer DAAD-Erhebung unter 212 Hochschulen waren im Wintersemester 2025/2026 rund 420.000 internationale Studierende und Promovierende in Deutschland eingeschrieben. Diese Zahl stammt aus einer Hochschulumfrage und ist daher von den amtlichen Daten des Statistischen Bundesamtes zu unterscheiden.
Das neue Gutachten liefert damit vor allem eine aktualisierte Grundlage für die Frage, welcher Anteil internationaler Studierender nach dem Abschluss tatsächlich langfristig in Deutschland bleibt. Die daraus berechneten 23,1 Milliarden Euro für die öffentlichen Haushalte sind keine garantierten zukünftigen Einnahmen. Sie ergeben sich aus den beobachteten Bleibemustern und den wirtschaftlichen Annahmen des Modells.
Sollten sich Bleibequoten, Beschäftigung, Einkommen oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen anders entwickeln, würden sich auch die Ergebnisse verändern. Die Untersuchung zeigt deshalb vor allem, welche Größenordnung der fiskalische und wirtschaftliche Effekt unter den vom IW verwendeten Annahmen erreichen könnte.
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