Merz wirbt um Investoren, während Pharmakonzerne Projekte streichen

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Die Bundesregierung will internationale Unternehmen zu Milliardeninvestitionen in Deutschland bewegen. Doch unmittelbar vor dem ersten „Invest in Germany Summit“ in Berlin werden die wirtschaftspolitischen Spannungen sichtbar. Während Kanzler Friedrich Merz den Standort stärken und neue Geldgeber gewinnen möchte, kritisieren Unternehmen hohe Kosten, regulatorische Unsicherheit und politische Entscheidungen. In der Pharmabranche haben bereits mehrere Konzerne angekündigte Investitionen reduziert oder gestrichen.

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Pharmakonzerne reagieren auf deutsche Gesundheitspolitik

Besonders deutlich zeigt sich der Konflikt in der Pharmaindustrie. Der amerikanische Konzern Pfizer hatte bereits im Juni angekündigt, geplante Investitionen in Deutschland neu zu bewerten. Vorstandschef Albert Bourla sagte zugleich seine Teilnahme am Investorenkongress der Bundesregierung ab. In einem Schreiben an Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte er die damaligen Reformpläne im Gesundheitswesen. Für international tätige Pharmaunternehmen seien verlässliche politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen entscheidend. Welche konkreten Projekte Pfizer infolge dieser Überprüfung tatsächlich kürzen könnte, wurde nicht beziffert.

Andere Unternehmen haben bereits weitergehende Entscheidungen getroffen. Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim gab Anfang Juni bekannt, geplante Investitionen in deutsche Standorte im Umfang von rund 900 Millionen Euro nicht umzusetzen. Das Geld war für die Jahre 2027 bis 2030 vorgesehen, unter anderem für neue Laborgebäude. Der US-Konzern Eli Lilly kündigte ebenfalls im Juni an, sein ursprünglich auf 2,3 Milliarden Euro angelegtes Investitionsvorhaben am Standort Alzey etwa zu halbieren. Als wesentlichen Grund nannten die Unternehmen die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung hatte Maßnahmen beschlossen, mit denen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzt werden sollen.

Der Konflikt betrifft vor allem die Finanzierung innovativer Arzneimittel. Das im Juli beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht ab Januar 2027 für bestimmte patentgeschützte Medikamente einen Herstellerabschlag von insgesamt 15,5 Prozent vor. Ausnahmen für Unternehmen mit Investitionen in Deutschland sollen über eine Standortregelung ausgestaltet werden. Die Bundesregierung will mit den Einsparungen die Krankenkassen finanziell stabilisieren und weitere Beitragssteigerungen begrenzen. Die Pharmaindustrie sieht dagegen Risiken für Forschung, Produktion und langfristige Investitionen.

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Allianz sieht Investitionsrückstand von bis zu 730 Milliarden Euro

Dass die Schwierigkeiten über die Pharmabranche hinausreichen, unterstreicht eine am 16. Oktober veröffentlichte Untersuchung von Allianz Research. Demnach gingen die gesamten Anlageinvestitionen in Deutschland zwischen 2019 und 2025 um 6,4 Prozent zurück. Im übrigen Euroraum stiegen sie dagegen um 6,7 Prozent, in den Vereinigten Staaten sogar um 20,2 Prozent. Aus diesem Vergleich errechnen die Ökonomen für Deutschland einen kumulierten Investitionsrückstand von bis zu 730 Milliarden Euro gegenüber den USA. Dabei handelt es sich um eine modellbasierte Vergleichsgröße und nicht um bereits zugesagte, anschließend zurückgezogene Investitionen.

Als wesentliche Hindernisse nennt die Allianz hohe Energiepreise, eine starke Steuer- und Abgabenbelastung, aufwendige Genehmigungsverfahren und Finanzierungskosten. Allianz-Vorstand Andreas Wimmer fordert deshalb: „Deutschland muss jetzt vereinfachen und beschleunigen“. Zugleich sieht der Versicherungskonzern erhebliche wirtschaftliche Möglichkeiten bei Energienetzen, Rechenzentren, Verkehrsinfrastruktur und Verteidigung. Ein grundsätzlich fehlendes Kapitalangebot betrachtet die Studie nicht als Hauptproblem. Vielmehr müssten zusätzliche Projekte wirtschaftlich attraktiv und schneller umsetzbar werden.

Bundesregierung setzt auf internationale Investoren

Mit dem zweitägigen Gipfel am 19. und 20. Oktober will die Bundesregierung genau hier ansetzen. Nach Angaben des Bundeskanzleramts sollen rund 200 Führungskräfte aus deutschen und internationalen Unternehmen sowie Finanzinvestoren mit Regierungsvertretern zusammenkommen. Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnet am Montagabend einen Empfang im Kraftwerk Berlin. Dabei ist auch ein Gespräch mit Nvidia-Chef Jensen Huang vorgesehen. Die eigentliche Konferenz folgt am Dienstag an der European School of Management and Technology in Berlin. Neben Merz nehmen unter anderem Finanzminister Lars Klingbeil und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche teil.

Die Bundesregierung hatte nach eigenen Angaben rund 550 Einladungen verschickt. Ziel ist es, Investoren unmittelbar mit politischen Entscheidungsträgern zusammenzubringen und neue Vorhaben in Deutschland anzustoßen. Für die Konferenz und ein neues internationales Standortmarketing sind im Etat des Bundeswirtschaftsministeriums insgesamt fünf Millionen Euro vorgesehen. Wie hoch die tatsächlichen Veranstaltungskosten ausfallen, steht noch nicht fest. Große Teile des Treffens sollen ohne Öffentlichkeit stattfinden.

Deutschland konkurriert weltweit um neue Milliardeninvestitionen

Deutschland steht bei der Ansiedlung neuer Industrieanlagen und Forschungsstandorte im Wettbewerb mit den USA, anderen europäischen Staaten und asiatischen Wirtschaftsräumen. Unternehmen vergleichen dabei nicht nur Löhne und Steuern, sondern auch Energieversorgung, Förderprogramme, Marktzugang und die Verlässlichkeit staatlicher Entscheidungen. Besonders bei kapitalintensiven Vorhaben können Änderungen der politischen Rahmenbedingungen erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit haben.

Gleichzeitig ist Deutschland für internationale Investoren keineswegs grundsätzlich unattraktiv geworden. Nach Berechnungen von Allianz Research stiegen die ausländischen Direktinvestitionen 2025 um rund 50 Prozent auf 86 Milliarden Euro. Allerdings sank die Zahl angekündigter neuer Ansiedlungsprojekte auf 548 und damit auf den niedrigsten Stand seit 2009. Der Investitionsgipfel trifft somit auf eine widersprüchliche Ausgangslage: Deutschland zieht weiterhin internationales Kapital an, verliert bei neuen Projekten jedoch gegenüber früheren Jahren an Dynamik. Ob aus den Gesprächen in Berlin zusätzliche verbindliche Investitionsentscheidungen hervorgehen, ist vor Beginn des Gipfels offen.

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