
Die USA reagieren auf die schweren Beeinträchtigungen der Ölversorgung durch Hurrikan Isaias. Das Energieministerium in Washington hat am Samstag, 10. Oktober 2026, einen Notfalltausch von bis zu vier Millionen Barrel Rohöl aus der strategischen Erdölreserve genehmigt. Damit sollen Lieferausfälle ausgeglichen und Raffinerien weiter mit Rohöl versorgt werden. Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der ein großer Teil der amerikanischen Ölproduktion im Golf von Mexiko wegen des Sturms stillsteht. Zugleich sind die staatlichen Reserven durch die internationale Energiekrise bereits deutlich geschrumpft.
Von der Entscheidung profitieren zunächst zwei große Energieunternehmen. Nach Angaben des US-Energieministeriums dürfen Exxon Mobil und BP America jeweils bis zu zwei Millionen Barrel Rohöl aus der staatlichen Reserve beziehen. Insgesamt umfasst die Genehmigung damit maximal vier Millionen Barrel.
Es handelt sich allerdings nicht um einen gewöhnlichen Verkauf. Die Unternehmen müssen das entnommene Rohöl im Jahr 2027 zurückgeben. Dabei ist eine zusätzliche Menge vorgesehen, sodass der Staat mehr Öl zurückerhält, als ursprünglich bereitgestellt wurde.
Energieminister Chris Wright begründete die Entscheidung mit der Notwendigkeit, den Betrieb von Raffinerien aufrechtzuerhalten und weitere Unterbrechungen der Kraftstoffversorgung zu begrenzen. Die Regierung wolle sicherstellen, dass Haushalte und Unternehmen weiterhin zuverlässig mit Energie versorgt werden können.
Die Genehmigung bedeutet jedoch nicht, dass bereits die gesamte Menge ausgeliefert wurde. Angaben zum tatsächlichen Umfang der Lieferungen und zu den einzelnen Raffinerien lagen zunächst nicht vor.
Hintergrund der Maßnahme sind die massiven Auswirkungen von Hurrikan Isaias auf die amerikanische Energiewirtschaft. Zahlreiche Betreiber von Ölplattformen hatten ihre Anlagen vorsorglich heruntergefahren und Beschäftigte evakuiert.
Am Samstag waren nach Angaben der zuständigen US-Behörde Marine Minerals Administration noch rund 69 Prozent der Ölförderung im amerikanischen Teil des Golfs von Mexiko eingestellt. Bei der Erdgasproduktion lag der Anteil bei etwa 57 Prozent.
Bereits am Freitag hatten die Produktionsausfälle zeitweise rund 1,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag erreicht. Das entsprach nahezu 72 Prozent der regionalen Fördermenge. Auch zahlreiche Offshoreanlagen waren von den Sicherheitsmaßnahmen betroffen.
Am Samstag blieben noch 113 Produktionsplattformen evakuiert. Gleichzeitig begannen mehrere Energiekonzerne damit, Personal zurück auf ihre Anlagen zu bringen. Unter anderem bereiteten Shell und Chevron die schrittweise Wiederaufnahme der Förderung vor.
Die Ölförderung im Golf von Mexiko ist für die Vereinigten Staaten von erheblicher Bedeutung. Nach Daten der amerikanischen Energieinformationsbehörde EIA stammen normalerweise etwa 15 Prozent der gesamten US-Rohölproduktion aus den dortigen Offshoregebieten.
Die Strategische Erdölreserve der USA, international als Strategic Petroleum Reserve bezeichnet, gehört zu den wichtigsten staatlichen Notfallvorräten weltweit. Sie wurde 1975 als Reaktion auf die Ölkrise der 1970er Jahre eingerichtet.
Das Rohöl wird in unterirdischen Salzkavernen an der amerikanischen Golfküste gelagert. Die Anlagen sind mit der Energieinfrastruktur verbunden und ermöglichen es, bei größeren Lieferunterbrechungen zusätzliche Mengen bereitzustellen.
Ein Notfalltausch von Rohöl ist dabei ein etabliertes Instrument. Unternehmen können vorübergehend Öl aus der Reserve erhalten, wenn ihre gewöhnliche Versorgung beispielsweise durch Naturkatastrophen, beschädigte Transportwege oder geschlossene Häfen unterbrochen wird.
Anders als bei einem endgültigen Verkauf besteht bei einem solchen Tausch eine Rückgabepflicht. Häufig wird zusätzliches Rohöl als Aufschlag vereinbart.
Dieses Verfahren kam bereits nach früheren Hurrikans zum Einsatz. So stellte das Energieministerium nach Hurrikan Harvey im Jahr 2017 mehreren Raffinerien insgesamt rund 5,2 Millionen Barrel Rohöl zur Verfügung, um den Betrieb trotz unterbrochener Lieferketten zu unterstützen.
Die aktuelle Entscheidung trifft auf eine ohnehin angespannte Lage am internationalen Energiemarkt. Der Krieg mit dem Iran und die zeitweisen Einschränkungen wichtiger Öltransportrouten haben die Versorgung seit Monaten belastet.
Im März 2026 hatten die Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur IEA eine koordinierte Bereitstellung von insgesamt 400 Millionen Barrel aus ihren Reserven vereinbart. Die USA sagten dabei einen Beitrag von 172 Millionen Barrel zu.
Ende September kündigte das amerikanische Energieministerium im Rahmen dieser Vereinbarung einen weiteren Ölaustausch von bis zu 40 Millionen Barrel an. Dabei handelt es sich um eine eigenständige Maßnahme, die von dem jetzt wegen Isaias genehmigten Notfalltausch zu unterscheiden ist.
Die umfangreichen Entnahmen haben den amerikanischen Sicherheitsvorrat deutlich reduziert. Ende September lag der Bestand nach Angaben von Reuters bereits unter 284 Millionen Barrel und damit auf dem niedrigsten Niveau seit 1982.
Die zusätzliche Genehmigung von bis zu vier Millionen Barrel zeigt, dass die Reserve nicht nur zur Stabilisierung des internationalen Ölmarktes eingesetzt wird. Sie muss zugleich kurzfristige Störungen der heimischen Energieversorgung abfedern.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters schloss die international wichtige Nordseesorte Brent den Handel am Freitag, 9. Oktober 2026, bei 104,72 US-Dollar je Barrel. Amerikanisches Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete laut Reuters zum Handelsschluss am selben Tag 91,85 US-Dollar je Barrel.
Neben den geopolitischen Spannungen trugen auch die bevorstehenden Produktionsausfälle im Golf von Mexiko zum Preisanstieg bei.
Die Bereitstellung von Reserveöl soll vor allem Raffinerien helfen, deren übliche Rohöllieferungen durch den Sturm beeinträchtigt wurden. Denn selbst wenn Förderanlagen technisch unbeschädigt bleiben, können Evakuierungen, gesperrte Häfen und unterbrochene Transportverbindungen die Versorgung zeitweise erschweren.
Ob sich der Notfalltausch unmittelbar auf die Kraftstoffpreise auswirkt, war zunächst unklar. Die genehmigten vier Millionen Barrel sind zudem keine zusätzliche dauerhafte Förderkapazität, sondern eine zeitlich begrenzte Überbrückung.
Isaias war am Freitagabend nahe Destin im US-Bundesstaat Florida als Hurrikan der Kategorie zwei auf Land getroffen. Anschließend verlor der Sturm an Stärke und wurde am Samstag als außertropisches Tiefdrucksystem eingestuft.
Dennoch blieben die Auswirkungen erheblich. In mehreren Bundesstaaten kam es zu großflächigen Stromausfällen, beschädigten Gebäuden und Verkehrsbehinderungen. Auch Überschwemmungen stellten weiterhin eine Gefahr dar.
Für die amerikanische Ölindustrie richtet sich der Blick nun auf die Wiederinbetriebnahme der Offshoreanlagen und die Wiederherstellung der Lieferketten.
Mit dem Notfalltausch will Washington die Zeit überbrücken, bis die reguläre Versorgung wieder funktioniert. Wann die betroffenen Förderanlagen vollständig in Betrieb gehen und in welchem Umfang die genehmigten Reservemengen tatsächlich benötigt werden, war am Samstag noch offen.
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