Kasachstan wirbt in Berlin um deutsche Industrie und Investoren

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Kasachstan will die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland deutlich ausbauen und bietet dafür einen engeren Zugang zu Rohstoffen sowie gemeinsame industrielle Wertschöpfungsketten an. Präsident Kassym-Schomart Tokajew stellte die Initiative am Montag vor seinem Besuch in Berlin vor. Im Mittelpunkt stehen kritische Mineralien, deren Verarbeitung sowie gemeinsame Produktionsprojekte. Konkrete neue Lieferverträge wurden zunächst nicht bekanntgegeben.

Tokajew erklärte in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“, sein Land fördere bereits zahlreiche für Europa wichtige Rohstoffe. Genannt wurden unter anderem Lithium, Silizium, Kobalt, Niob, Wolfram und Kupfer. Kasachstan wolle Deutschland nicht allein Rohstoffe liefern, sondern eine Zusammenarbeit von der Erkundung und Förderung über Verarbeitung und Komponentenproduktion bis zur Wiederverwertung entwickeln.

Rohstoffpartnerschaft mit Kasachstan rückt in den Mittelpunkt

Das Angebot trifft auf ein strategisches Interesse der Bundesregierung. Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt Tokajew am Dienstag, 29. September 2026, um 16 Uhr im Bundeskanzleramt. Nach Angaben der Bundesregierung sollen insbesondere die Energie- und Rohstoffpartnerschaft, die regionale Zusammenarbeit mit Zentralasien und Fragen der internationalen Sicherheit besprochen werden. Für 17 Uhr ist eine gemeinsame Pressekonferenz angekündigt.

Bereits zuvor steht die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Zentrum des Berlin-Besuchs. Für Dienstag ist von 14 bis 16 Uhr ein Deutsch-Kasachisches Wirtschaftsforum im Haus der Deutschen Wirtschaft geplant. Veranstalter sind unter anderem der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, die Deutsche Industrie- und Handelskammer und die Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien. Erwartet werden Vertreter aus Wirtschaft und Politik beider Staaten.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die Deutschland und Kasachstan seit Monaten intensivieren. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche war Ende Juni nach Kasachstan gereist. Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnete das zentralasiatische Land damals als wichtigen Partner für Deutschlands Energie- und Rohstoffversorgung. Nach Ministeriumsangaben waren 2025 rund 10,4 Millionen Tonnen kasachisches Öl nach Deutschland geliefert worden. Kasachstan war damit der viertgrößte Öllieferant Deutschlands. Rund 450 deutsche Unternehmen waren laut Ministerium zu diesem Zeitpunkt in dem Land aktiv.

Deutschland will Abhängigkeiten bei Rohstoffen verringern

Für die deutsche Industrie geht es bei der Zusammenarbeit nicht allein um zusätzliche Bezugsquellen. Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, einseitige Abhängigkeiten bei strategisch wichtigen Rohstoffen zu verringern. Der Nationale Sicherheitsrat befasste sich im September ausdrücklich mit einer stärker diversifizierten und widerstandsfähigen Versorgung. Als ein Instrument dafür nennt die Bundesregierung den deutschen Rohstofffonds.

Kasachstan verfügt über bedeutende Vorkommen mineralischer Rohstoffe. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte im Juni, das Land verfüge über 21 von 34 Rohstoffen, die für die europäische Wirtschaft von besonderer Bedeutung seien. Die EU-Liste umfasst 34 kritische Rohstoffe. Dazu zählen unter anderem Kupfer, Lithium, Kobalt, Wolfram, Niob und Siliziummetall. Innerhalb der europäischen Rohstoffpolitik wird zusätzlich eine Gruppe besonders strategischer Rohstoffe unterschieden.

Damit besitzt Kasachstan potenziell eine wichtige Stellung für Branchen wie Batterieproduktion, Elektronik, Maschinenbau, Energietechnik und weitere industrielle Anwendungen. Deutschland wiederum bietet Technologien, Finanzierungsmöglichkeiten und industrielle Abnehmer. Schon beim Besuch von Wirtschaftsministerin Reiche hatte die Bundesregierung betont, dass die Zusammenarbeit nicht auf den Kauf unverarbeiteter Rohstoffe beschränkt bleiben solle. Verarbeitung und Veredelung sollen ebenfalls Teil gemeinsamer Wertschöpfungsketten werden.

EU und Kasachstan arbeiten seit 2022 bei Rohstoffen zusammen

Die Annäherung beginnt nicht erst mit Tokajews aktuellem Angebot. Kasachstan und die Europäische Union unterzeichneten bereits im November 2022 eine strategische Partnerschaft für nachhaltige Rohstoffe, Batterien und erneuerbaren Wasserstoff. Das Abkommen sieht unter anderem gemeinsame Projekte entlang der Wertschöpfungsketten, Investitionen, modernere Verfahren für Abbau und Verarbeitung sowie eine engere Zusammenarbeit bei Forschung und Recycling vor.

Die EU-Kommission führt Kasachstan inzwischen als wichtigen Partner für kritische Rohstoffe. Zu den laufenden Ansätzen zählen geologische Untersuchungen und die Erfassung möglicher Lithium- und Wolframvorkommen. Gleichzeitig soll der sogenannte Transkaspische Transportkorridor ausgebaut werden, der Zentralasien über das Kaspische Meer und den Südkaukasus stärker mit Europa verbinden soll.

Auch die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen wurden zuletzt konkreter. Bei einem deutsch-kasachischen Wirtschaftsrat wurden Vereinbarungen zur industriellen Zusammenarbeit, Finanzierung und Technologiekooperation geschlossen. Dazu gehörten unter anderem Dokumente zwischen der kasachischen Staatsholding Baiterek und der KfW sowie Vereinbarungen mit deutschen Unternehmen.

Kasachstan setzt auf mehr Verarbeitung im eigenen Land

Für Kasachstan ist die Kooperation zugleich Teil einer breiteren Industrialisierungsstrategie. Das Land bietet große Rohstoffvorkommen, versucht aber verstärkt, zusätzliche Verarbeitungsschritte und industrielle Produktion im eigenen Land aufzubauen. Genau an dieser Stelle überschneiden sich die Interessen beider Staaten. Deutschland sucht neue Lieferquellen und belastbare Lieferketten, während Kasachstan Kapital, Technologie und industrielle Partner für die Weiterverarbeitung benötigt. Das Bundeswirtschaftsministerium beschrieb diese Konstellation bereits im Juni ausdrücklich als Grundlage für eine langfristige Partnerschaft.

Deutschland ist dabei nicht der einzige Interessent. Kasachstan baut seine wirtschaftlichen Beziehungen gleichzeitig mit der Europäischen Union und mit China aus. Nach Angaben der kasachischen Statistikbehörde war China in den ersten sieben Monaten 2026 einer der wichtigsten Handelspartner des Landes. Parallel beriet die staatliche Baiterek-Holding im September mit chinesischen Partnern über Investitionen in die tiefere Verarbeitung von Rohstoffen.

Entscheidend werden konkrete Projekte und Lieferketten

Tokajews Vorstoß erweitert damit eine bereits bestehende Zusammenarbeit, ist zunächst aber vor allem ein politisches und wirtschaftliches Angebot. Öffentlich bekannt waren am Montag noch keine neuen langfristigen Abnahmeverträge für Lithium, Kobalt, Wolfram oder andere Mineralien, die unmittelbar aus dem bevorstehenden Treffen hervorgehen.

Dass beide Regierungen an konkreten Vereinbarungen arbeiten, war allerdings bereits nach Reiches Kasachstan-Reise deutlich geworden. Die Bundesregierung erklärte Anfang Juli, bei den Gesprächen seien industrie- und rohstoffpolitische Kooperationen sowie mögliche Vereinbarungen für spätere Besuche kasachischer Vertreter in Berlin vorbereitet worden.

Welche zusätzlichen Projekte beim Treffen von Tokajew und Merz vereinbart werden, dürfte sich damit beim Wirtschaftsforum und den anschließenden Regierungsgesprächen am 29. September konkretisieren. Fest steht bereits, dass Rohstoffe und Energie zu den offiziell angekündigten Schwerpunkten des Treffens gehören.

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