
Der milliardenschwere Ausbau von Rechenzentren und künstlicher Intelligenz verändert die Finanzierung der großen US Technologiekonzerne. Nach einer am Freitag, 11. September 2026, veröffentlichten Analyse von Allianz Trade haben acht führende US Technologieunternehmen ihre langfristige Verschuldung innerhalb eines Jahres um 86 Prozent erhöht. Noch deutlich stärker wuchsen nach Berechnungen von Allianz Research langfristige Verpflichtungen, die bislang nicht als klassische Schulden in den Bilanzen stehen. Sie stiegen demnach von 573 Milliarden auf rund 2,6 Billionen US Dollar.
Damit rückt der KI-Boom auf Pump stärker in den Blick der Kreditmärkte. Die Zahl von 2,6 Billionen Dollar darf allerdings nicht mit aufgenommenen Bankkrediten oder ausgegebenen Unternehmensanleihen gleichgesetzt werden. Allianz Trade zählt dazu vor allem langfristige Verträge für Rechenzentren, Energieversorgung und andere KI Infrastruktur. Solche Verpflichtungen können wirtschaftlich künftige Zahlungsströme binden, ohne zum jeweiligen Bilanzstichtag bereits vollständig als Finanzschuld ausgewiesen zu werden.
Der Ausbau von KI Systemen erfordert nicht nur Prozessoren. Die großen Cloudanbieter reservieren Rechenzentren, Stromversorgung und technische Ausrüstung teilweise viele Jahre im Voraus. Hinzu kommen Verträge über Server, Chips, Netzwerktechnik und Rechenkapazität.
Ein Teil dieser Belastungen entsteht durch langfristige Leasingverträge für Rechenzentren, die erst nach Fertigstellung der Anlagen beginnen. Hinzu kommen verbindliche oder langfristig angelegte Kaufverpflichtungen. Eine frühere Auswertung von Unternehmensunterlagen durch das Flossbach von Storch Research Institute hatte für Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle ebenfalls Verpflichtungen von mehr als 2,6 Billionen Dollar festgestellt. Die Untersuchung bezog sich auf die jüngsten Unternehmensberichte und machte deutlich, wie stark sich große Cloudanbieter von vergleichsweise kapitalarmen Softwarekonzernen zu infrastrukturlastigen Unternehmen entwickeln.
Eine Analyse auf Basis von US Börsenunterlagen kam im Juli für Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle allein auf rund 1,67 Billionen Dollar. Davon entfielen demnach etwa 821 Milliarden Dollar auf bereits vereinbarte, aber noch nicht begonnene Leasingverträge und rund 848 Milliarden Dollar auf Kaufverpflichtungen und andere vertragliche Zusagen. Die Abweichung zu neueren Schätzungen erklärt sich unter anderem durch unterschiedliche Berichtszeitpunkte und Definitionen.
Allianz Trade spricht in seiner aktuellen Untersuchung von acht führenden US Technologiekonzernen. In der frei zugänglichen Pressefassung des Unternehmens wird die vollständige Unternehmensliste nicht einzeln ausgewiesen. Belastbar dokumentiert ist jedoch, dass vor allem die großen Hyperscaler Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle erhebliche KI und Rechenzentrumsinvestitionen tätigen. Auch S&P Global Ratings untersucht diese fünf Unternehmen ausdrücklich als zentrale Hyperscaler des gegenwärtigen Ausbauzyklus.
Die außerbilanziellen Verträge kommen zu einer steigenden klassischen Verschuldung hinzu. Allianz Research errechnete für seine Gruppe von acht Unternehmen innerhalb eines Jahres einen Anstieg der langfristigen Schulden um 86 Prozent. Werden die von Allianz als außerbilanziell eingestuften Verpflichtungen zusätzlich berücksichtigt, liegt die so berechnete Schuldenbelastung im Durchschnitt fast 150 Prozent über dem Wert, der sich allein aus den bilanzierten Schulden ergibt.
Diese Rechnung ist eine Analyse von Allianz Research und keine amtliche Schuldenstatistik. Auch die daraus abgeleitete Verschlechterung der Kreditqualität um ein bis zwei Ratingstufen ist eine Modellrechnung. Sie bedeutet nicht, dass Ratingagenturen sämtliche betroffenen Konzerne tatsächlich um ein oder zwei Stufen herabgestuft haben.
S&P Global Ratings erwartet für Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle 2026 zusammen Kapitalausgaben von etwa 750 Milliarden Dollar. Das entspräche nach Berechnung der Ratingagentur rund 38 Prozent ihres gemeinsamen Umsatzes. S&P geht davon aus, dass diese Investitionen den freien Cashflow in den kommenden Jahren belasten werden. Gleichzeitig verfügten die meisten Hyperscaler derzeit noch über genügend finanziellen Spielraum, um die Investitionen zu tragen.
Der KI Ausbau wird über mehrere Finanzierungswege gleichzeitig gestemmt. Neben dem laufenden Cashflow und klassischen Unternehmensanleihen spielen Leasingverträge, Projektfinanzierungen, Infrastrukturkredite, privates Fremdkapital und Beteiligungsmodelle eine zunehmende Rolle.
Moody’s beschreibt für Rechenzentren eine wachsende Mischung aus Private Credit, Infrastrukturkrediten, Projektfinanzierungen, Entwicklerkapital und institutionellen Co Finanzierungen. Viele Projekte sind durch langfristige Mietverträge mit großen Technologieunternehmen abgesichert. Damit wird ein Teil des Finanzierungsrisikos von den Technologiekonzernen auf Projektgesellschaften, Immobilienentwickler und deren Kapitalgeber verteilt.
Gerade deshalb ist die Bezeichnung als versteckte Schulden umstritten. Ein langfristiger Kaufvertrag ist bilanziell und wirtschaftlich nicht dasselbe wie ein Kredit. Bei einer klassischen Anleihe erhält ein Unternehmen sofort Kapital und verpflichtet sich zu Zins und Rückzahlung. Bei einem Kaufvertrag steht der künftigen Zahlung dagegen eine zukünftige Lieferung oder Dienstleistung gegenüber. Auch bei noch nicht begonnenen Leasingverträgen wird die entsprechende Infrastruktur erst später zur Verfügung gestellt.
Aus Sicht von Allianz Research liegt das kurzfristige Hauptrisiko nicht in einem unmittelbar drohenden Zahlungsausfall der großen Technologiekonzerne. Nach Angaben des Kreditversicherers haben sich die Risikoprämien für Anleihen großer Technologieunternehmen innerhalb eines Jahres allerdings mehr als verdoppelt. Allianz sieht darin ein Zeichen dafür, dass Kreditinvestoren die höhere Kapitalbindung zunehmend berücksichtigen.
S&P und Moody’s verweisen zugleich auf gegenläufige Faktoren. Die größten Hyperscaler verfügen weiterhin über starke Marktpositionen, hohe laufende Einnahmen und überwiegend gute Bonitätsnoten. Viele Rechenzentren werden zudem durch langfristige Verträge mit kreditwürdigen Mietern abgesichert. Moody’s sieht deshalb bei zahlreichen Projekten kein erhöhtes unmittelbares Ausfallrisiko.
Das wirtschaftliche Risiko liegt stärker in der Frage, ob die mit Milliardenaufwand geschaffenen Kapazitäten langfristig ausreichend ausgelastet werden und genügend Einnahmen erwirtschaften. Sollten KI Nachfrage, Preise für Rechenleistung oder die Monetarisierung neuer Dienste hinter den Erwartungen zurückbleiben, würden die langfristig vereinbarten Zahlungen dennoch einen Teil künftiger Cashflows beanspruchen.
Hinzu kommt das technische Risiko. Rechenzentren benötigen große Mengen Strom, leistungsfähige Netzanbindungen und ständig neue Hardware. Moody’s nennt insbesondere Verzögerungen bei Energieanschlüssen, den hohen Fremdkapitaleinsatz einzelner Projekte und die Geschwindigkeit des technologischen Wandels als Punkte, die Kreditgeber beobachten müssen.
Damit ergibt sich ein differenzierteres Bild als die reine Billionenzahl vermuten lässt. Die großen Technologiekonzerne nehmen tatsächlich mehr klassische Schulden auf und gehen zugleich außergewöhnlich hohe langfristige Verpflichtungen für den KI Ausbau ein. Die von Allianz Research genannten 2,6 Billionen Dollar zeigen das Ausmaß dieser Kapitalbindung. Sie sind aber weder eine amtliche Statistik noch vollständig mit Finanzschulden gleichzusetzen.
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