Warum Lebensmittelbetriebe 2026 stärker unter Druck geraten

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

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Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland bleibt 2026 auf hohem Niveau. Besonders sichtbar wird die Entwicklung derzeit in Teilen der Lebensmittel- und Ernährungswirtschaft. Bäckereien, Brauereien und Lebensmittelhändler haben in den vergangenen Monaten Insolvenzverfahren eingeleitet oder Sanierungen begonnen. Dabei unterscheiden sich Ausmaß und Ursachen von Teilbranche zu Teilbranche deutlich.

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Besonders klar lässt sich die Entwicklung bei Bäckereien beziffern. Nach einer Auswertung der Creditreform Wirtschaftsforschung meldeten im ersten Halbjahr 2026 bundesweit 63 Unternehmen aus dem Wirtschaftszweig Herstellung von Backwaren Insolvenz an. Das waren 40 Prozent mehr als von Januar bis Juni 2025. Erfasst werden dabei Bäckereien und Konditoreien, die selbst produzieren. Reine Verkaufsstellen ohne eigene Herstellung gehören nicht zu dieser Statistik.

Damit fällt der Anstieg deutlich stärker aus als bei den Unternehmensinsolvenzen insgesamt. Creditreform ermittelte für das erste Halbjahr 2026 rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entsprach das einem Plus von 7,8 Prozent und dem höchsten Halbjahresstand seit 2013.

Bäckereien verzeichnen besonders starken Anstieg

Die Insolvenzen in der Lebensmittelbranche zeigen sich im Bäckerhandwerk derzeit besonders deutlich. Zu den Verfahren des Jahres gehören unter anderem die Mecklenburger Backstuben sowie Bäcker Lampe aus Thüringen.

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Bei den Mecklenburger Backstuben eröffnete das Amtsgericht Neubrandenburg zum 1. März 2026 das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das Unternehmen hatte das Verfahren bereits 2025 beantragt. Nach Angaben der mit der Sanierung befassten Kanzlei läuft der Geschäftsbetrieb weiter. Das Unternehmen beschäftigte zuletzt mehr als 400 Menschen.

Bäcker Lampe leitete im Juni ebenfalls ein Sanierungsverfahren ein. Nach Angaben des mit dem Verfahren befassten Insolvenzverwalters blieben sämtliche Filialen zunächst geöffnet. Rund 280 Beschäftigte waren betroffen.

Ende Juli wurde außerdem die Insolvenz der Bäckerei Wahl aus Brandenburg bekannt. Das Unternehmen betrieb nach eigenen Angaben mehr als 50 Filialen und beschäftigte mehr als 400 Mitarbeiter. Anfang August wurden einzelne Standorte geschlossen. Der Geschäftsbetrieb sollte zunächst weitergeführt werden.

Ein Insolvenzantrag bedeutet dabei nicht automatisch das Ende eines Unternehmens. Eigenverwaltung und andere Instrumente des Insolvenzrechts sollen ermöglichen, Betriebe während eines Verfahrens fortzuführen und neu aufzustellen. Ob Standorte und Arbeitsplätze dauerhaft erhalten bleiben, hängt vom jeweiligen Verfahren ab.

Strukturwandel im Bäckerhandwerk läuft seit Jahren

Die höhere Zahl der Verfahren trifft auf einen Markt, der sich bereits seit Jahrzehnten verändert. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks gab es Ende 2025 noch 8.659 Meisterbetriebe in Deutschland. Zusammen beschäftigten sie rund 232.000 Menschen und erwirtschafteten einen Jahresumsatz von 18,14 Milliarden Euro.

Die Zahl der Betriebe ist langfristig deutlich gesunken. Gleichzeitig konzentriert sich ein großer Teil des Umsatzes auf größere Unternehmen. Der Zentralverband nennt einen anhaltend hohen Wettbewerbsdruck. Hinzu kommt die Konkurrenz durch Backstationen in Supermärkten und Discountern.

Creditreform nennt veränderte Einkaufsgewohnheiten, steigende Kosten und eine hohe Preissensibilität der Verbraucher als Belastungsfaktoren. Diese Faktoren können Unternehmen unterschiedlich stark treffen. Aus dem Branchenanstieg lässt sich deshalb keine einheitliche Ursache für einzelne Insolvenzen ableiten.

Auch Brauereien durchlaufen Sanierungsverfahren

Auch in der deutschen Brauwirtschaft gibt es 2026 mehrere Insolvenzverfahren. Das Brauhaus Leikeim aus Altenkunstadt beantragte im Januar ein Verfahren in Eigenverwaltung. Das Amtsgericht Coburg eröffnete das Insolvenzverfahren zum 1. April und ordnete Eigenverwaltung an. Für das Unternehmen arbeiteten zuletzt rund 100 Beschäftigte. Der Brauereibetrieb wurde nach Unternehmensangaben weitergeführt.

Bei der Mauritius Brauerei in Zwickau ordnete das Amtsgericht Chemnitz im März ein vorläufiges Insolvenzverfahren an. Nach Angaben des Insolvenzverwalters lief der Betrieb mit 51 Arbeitnehmern zunächst weiter.

Im Juli beantragte zudem die Gräflich zu Stolberg’sche Brauerei Westheim ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Nach Unternehmensangaben waren 58 Mitarbeiter und zwei Auszubildende betroffen. Produktion und Auslieferung sollten zunächst fortgesetzt werden.

Die Verfahren fallen in eine Phase sinkenden Bierkonsums. Der Deutsche Brauer-Bund bezifferte den Absatz alkoholhaltigen Bieres in Deutschland für 2025 auf rund 6,4 Milliarden Liter. Gegenüber dem Vorjahr entsprach das einem Rückgang von 5,8 Prozent. Gleichzeitig verweisen Brauereien seit mehreren Jahren auf gestiegene Kosten für Energie, Rohstoffe, Verpackungen, Logistik und Personal.

Auch hier gilt, dass allgemeine Marktbedingungen nicht automatisch die konkrete Ursache eines einzelnen Insolvenzverfahrens erklären.

Feneberg zeigt die Dimension im Lebensmittelhandel

Zu den größten Fällen aus der Lebensmittelwirtschaft gehört 2026 Feneberg. Die Feneberg Lebensmittel GmbH befindet sich seit dem 1. April in einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Creditreform führte das Unternehmen mit rund 2.900 Beschäftigten unter den großen Unternehmensinsolvenzen des ersten Halbjahres.

Für einen wesentlichen Teil der 72 Standorte wurde inzwischen eine Investorenlösung vereinbart. Die Rewe Group und die LEH-Allgäu GmbH wollen jeweils einen Teil der Märkte übernehmen. Die Vereinbarung steht unter rechtlichen und verfahrensbezogenen Voraussetzungen und soll über einen Insolvenzplan umgesetzt werden.

Der Fall verdeutlicht zugleich, warum eine Insolvenz nicht mit einer vollständigen Betriebsschließung gleichgesetzt werden kann. Im Lebensmitteleinzelhandel können Märkte während eines laufenden Verfahrens weiterarbeiten und anschließend von neuen Betreibern übernommen werden.

Ernährungsindustrie kämpft mit schwächerer Nachfrage

Auch bei den Lebensmittelherstellern ist die wirtschaftliche Lage angespannt. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie meldete für Mai 2026 einen preisbereinigten Umsatzrückgang von 2,8 Prozent gegenüber Mai 2025. Der preisbereinigte Auslandsumsatz ging um 3,6 Prozent zurück.

Die Ernährungsindustrie zählt nach Angaben des Verbands rund 6.100 Betriebe mit etwa 674.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 240,8 Milliarden Euro. Veränderungen in diesem Wirtschaftszweig haben deshalb erhebliche Bedeutung für Beschäftigung, Landwirtschaft, Handel und Logistik.

Ein flächendeckender Einbruch lässt sich aus den bisherigen Daten dennoch nicht ableiten. Die amtliche Insolvenzstatistik unterscheidet nach einzelnen Wirtschaftszweigen. Herstellung von Nahrungsmitteln, Getränkeindustrie, Handel und handwerkliche Bäckereien werden nicht als einheitliche Kategorie Lebensmittelbranche zusammengefasst.

Deutschlandweit bleiben Insolvenzzahlen hoch

Unabhängig von der Ernährungswirtschaft ist das Insolvenzgeschehen in Deutschland 2026 erhöht. Das Statistische Bundesamt registrierte von Januar bis Mai 10.546 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 4,9 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Dabei weist Destatis darauf hin, dass ein Insolvenzantrag erst nach der ersten gerichtlichen Entscheidung in die amtliche Statistik eingeht. Zwischen dem tatsächlichen Antrag und der statistischen Erfassung können mehrere Monate liegen.

Der IWH-Insolvenztrend zeigte auch für Juli ein hohes Niveau. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle ermittelte 1.689 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Das waren sieben Prozent mehr als im Juli 2025 und 75 Prozent mehr als in einem durchschnittlichen Juli der Jahre 2016 bis 2019.

Creditreform schätzt, dass im ersten Halbjahr 2026 insgesamt rund 165.000 Arbeitsplätze von Unternehmensinsolvenzen betroffen waren. Diese Zahl umfasst alle Wirtschaftszweige und darf nicht allein der Lebensmittelbranche zugerechnet werden.

Folgen für Beschäftigte und Verbraucher unterscheiden sich

Für Beschäftigte hängt die unmittelbare Auswirkung davon ab, ob ein Unternehmen weitergeführt, verkleinert, verkauft oder geschlossen wird. Während eines Insolvenzverfahrens kann Insolvenzgeld die Löhne und Gehälter für einen begrenzten Zeitraum absichern. Dauerhafte Arbeitsplatzverluste entstehen erst, wenn Stellen im Zuge der Sanierung entfallen oder Betriebe beziehungsweise Standorte geschlossen werden.

Für Verbraucher bedeutet eine Insolvenz ebenfalls nicht zwangsläufig, dass Geschäfte sofort schließen oder Produkte verschwinden. Feneberg, Leikeim, die Mecklenburger Backstuben und andere Unternehmen führten ihren Betrieb während laufender Verfahren zumindest zunächst fort.

Wo Filialnetze verkleinert werden, können sich allerdings lokale Versorgungsstrukturen verändern. Das gilt besonders bei Bäckereien und Lebensmittelgeschäften in kleineren Städten und ländlichen Regionen. Eine generelle Verknappung von Lebensmitteln in Deutschland lässt sich aus den aktuellen Insolvenzverfahren nicht ableiten.

Auch steigende Verbraucherpreise können nicht unmittelbar aus höheren Insolvenzzahlen hergeleitet werden. Preise für Lebensmittel hängen unter anderem von Rohstoffkosten, Energie, Löhnen, Logistik, Wettbewerb und Nachfrage ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag der Verbraucherpreisindex für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im Juli 2026 bei 136,8 Punkten auf Basis des Jahres 2020 mit 100 Punkten. Damit lagen die Preise weiterhin deutlich über dem Niveau von 2020.

Die aktuellen Verfahren zeigen somit vor allem, dass Teile der deutschen Ernährungswirtschaft unter erheblichem Anpassungsdruck stehen. Besonders deutlich ist dies derzeit bei selbst produzierenden Bäckereien. Bei Brauereien, Lebensmittelhandel und Industrie kommen weitere größere Einzelfälle hinzu. Ob daraus für das Gesamtjahr 2026 ein überdurchschnittlicher Anstieg in der gesamten Lebensmittelwirtschaft entsteht, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Daten noch nicht belastbar beziffern.

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