
Deutschland hat seine Gasversorgung seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend umgebaut. Pipelinegas aus Russland spielt für die Bundesrepublik keine Rolle mehr, neue LNG-Terminals an Nord- und Ostsee sollen zusätzliche Bezugswege eröffnen. Doch innerhalb dieses neuen Systems hat sich eine auffällige Konzentration herausgebildet: Rund 96 Prozent des Flüssigerdgases, das 2025 direkt an deutschen LNG-Terminals ankam, stammten nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft aus den USA. Die Bundesnetzagentur führt diese Zahl in ihrer Jahresbilanz ebenfalls an.
Die Größenordnung ist erheblich, darf aber nicht mit der gesamten deutschen Gasversorgung verwechselt werden. Über die deutschen LNG-Terminals wurden 2025 insgesamt 106 Terawattstunden Erdgas eingeführt. Das entsprach 10,3 Prozent der gesamten deutschen Gasimporte von 1.031 Terawattstunden. Der weit größere Teil gelangte weiterhin über Pipelines ins Land. Wichtigster direkter Lieferweg war Norwegen mit einem Anteil von 44 Prozent, gefolgt von Einfuhren über die Niederlande mit 24 Prozent und Belgien mit 21 Prozent.
Die Aussage, mehr als 90 Prozent der deutschen Gasimporte kämen inzwischen aus den USA, wäre deshalb falsch. Richtig ist: Bei dem LNG, das 2025 unmittelbar über die Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran nach Deutschland gelangte, lag der US-Anteil bei rund 96 Prozent. LNG aus den USA hat damit innerhalb dieses Importwegs eine dominierende Stellung erreicht.
Hinzu kommt eine statistische Besonderheit. Deutschland erhält erhebliche Mengen Gas über die Niederlande und Belgien. Die Bundesnetzagentur weist diese Länder als physische Importpunkte aus. Ein Teil des dort eingespeisten Gases kann zuvor als LNG an europäischen Terminals angekommen sein. Die Herkunft sämtlicher Moleküle im deutschen Gasnetz lässt sich deshalb nicht allein aus den deutschen Grenzflussdaten ableiten.
Dass die USA als Lieferant an Bedeutung gewonnen haben, ist dennoch eindeutig. Die Bundesregierung schreibt selbst, dass derzeit über 90 Prozent des an deutschen LNG-Terminals angelandeten Erdgases aus den Vereinigten Staaten stammen. Gleichzeitig betont sie, Deutschland verfüge inzwischen über verschiedene Pipelines, LNG-Terminals und Speichermöglichkeiten.
Die Verschiebung betrifft nicht nur Deutschland. Auf europäischer Ebene sind die USA zu einem der wichtigsten Gaslieferanten aufgestiegen. KfW Research bezifferte den Anteil von US-LNG an sämtlichen Gasimporten der EU für 2025 auf 27 Prozent. Der russische Anteil aus Pipelinegas und LNG zusammen sank demnach von 43 Prozent im Jahr 2022 auf 12 Prozent im Jahr 2025. Insgesamt gingen die Gasimporte der EU zugleich von rund 400 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2019 auf 314 Milliarden Kubikmeter 2025 zurück.
Agora Energiewende kommt bei einer etwas anders abgegrenzten Auswertung für 2025 auf einen US-Anteil von rund 25 Prozent an den gesamten europäischen Gasimporten. Zwischen 2021 und 2025 stiegen die europäischen Gasimporte aus den USA demnach von etwa 19 auf 79 Milliarden Kubikmeter.
Die Internationale Energieagentur erwartet zudem einen weiteren starken Ausbau der amerikanischen LNG-Produktion. Die USA standen 2025 für mehr als 90 Prozent der weltweit neu beschlossenen LNG-Verflüssigungskapazitäten. Auch sämtliche bis Mitte 2026 erfassten neuen Investitionsentscheidungen für LNG-Projekte entfielen laut IEA auf die Vereinigten Staaten. Damit dürfte deren Bedeutung für den Weltmarkt hoch bleiben.
Die wachsende Rolle der USA wird von Energieexperten unterschiedlich bewertet. Die Stiftung Wissenschaft und Politik sieht in der stärkeren europäischen Nutzung amerikanischen Flüssigerdgases eine neue Abhängigkeit. In einer Studie vom Januar 2026 warnt sie unter anderem davor, dass eine starke Konzentration auf einen Lieferstaat die politische und wirtschaftliche Handlungsfreiheit Europas begrenzen könne. Diese Einschätzung ist eine fachliche Bewertung und keine Prognose über konkrete Lieferunterbrechungen.
Auch KfW Research hält weitere Diversifizierung für sinnvoll. Gleichzeitig weist die Förderbank auf einen Unterschied zur früheren Abhängigkeit von Russland hin: LNG aus den USA wird überwiegend auf Grundlage privater Verträge gehandelt und kann über einen globalen Markt verschifft werden. Aus Sicht der KfW kann das die Verwundbarkeit gegenüber einem einzelnen staatlich kontrollierten Lieferkanal verringern.
Ein weiteres Risiko liegt im Preis. LNG-Tanker können grundsätzlich dorthin fahren, wo Käufer attraktive Preise bieten. Deutschland und Europa konkurrieren deshalb insbesondere mit asiatischen Importeuren. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln verwies Anfang 2026 darauf, dass ein erheblicher Teil der zusätzlich benötigten LNG-Mengen nicht durch langfristige Verträge abgesichert sei und damit unmittelbar dem internationalen Preiswettbewerb unterliege.
Wie empfindlich dieser Markt auf geopolitische Störungen reagieren kann, zeigte sich 2026 erneut. Die Internationale Energieagentur berichtete nach Ausfällen von LNG-Lieferungen aus der Golfregion von starken Preisschwankungen auf den europäischen und asiatischen Gasmärkten. Zugleich konnten zusätzliche Mengen unter anderem aus Nordamerika, Afrika und Australien einen großen Teil der ausgefallenen Produktion kompensieren.
Die Bundesregierung bewertet die Versorgungslage weiterhin als stabil. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärte im Februar im Wirtschaftsausschuss des Bundestags, Unternehmen diversifizierten ihren Gasbezug. Sie widersprach zugleich der Einschätzung, die USA seien kein sicherer Lieferpartner. Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller verwies bei derselben Sitzung auf ungenutzte LNG-Kapazitäten und weitere Importmöglichkeiten, unter anderem über Frankreich.
Auch die Bundesnetzagentur stellt derzeit keine grundsätzliche Versorgungskrise fest. Sie verweist auf Pipelinegas, vor allem aus Norwegen, auf LNG-Terminals sowie auf Verbindungen zu den europäischen Nachbarstaaten. Die Behörde bestätigt zugleich, dass Deutschland seine eigenen LNG-Lieferungen gegenwärtig im Wesentlichen aus den USA bezieht.
Damit unterscheidet sich die heutige Situation deutlich von der früheren Russland-Abhängigkeit. Deutschland verfügt über mehr Importwege, mehrere europäische Einspeisepunkte und einen internationalen LNG-Markt. Gleichzeitig ist innerhalb dieses Marktes eine neue Konzentration entstanden. LNG aus den USA ist für Deutschland inzwischen der mit Abstand wichtigste Herkunftsposten bei direkten Flüssiggasimporten. Ob daraus langfristig ein vergleichbares strategisches Problem wie bei russischem Pipelinegas entsteht, lässt sich aus den aktuellen Zahlen allein nicht ableiten. Die Daten zeigen jedoch, warum die Frage nach einer breiteren Lieferantenbasis zunehmend Teil der europäischen Debatte über Energiesicherheit ist.
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