
Die deutsche Marine hat im Nordatlantik erstmals das israelische Raketensystem LORA von einer deutschen Fregatte erprobt. Der Test fand in der Nacht zum 2. September 2026 in einem Seegebiet zwischen Irland und Island statt. Als Abschussplattform kam die Fregatte Sachsen-Anhalt zum Einsatz. Insgesamt waren nach Angaben aus dem Umfeld der Marine zwei deutsche Fregatten für die Erprobung in das Gebiet verlegt worden. Welches zweite Schiff beteiligt war, wurde zunächst nicht offiziell bekanntgegeben.
Der LORA-Test im Nordatlantik war im Vorfeld nicht öffentlich angekündigt worden. Für die Sicherheit des Schiffs- und Luftverkehrs waren jedoch bereits rund 45 Tage zuvor entsprechende Warnungen für das betroffene Seegebiet veröffentlicht worden. Marineinspekteur Jan Christian Kaack bestätigte nach Abschluss der Erprobung den erfolgreichen Einsatz des Systems. Nach seiner Darstellung habe die Marine damit nachgewiesen, dass sich eine solche weitreichende Waffe von deutschen Einheiten aus einsetzen lässt.
Die Fregatte Sachsen-Anhalt gehört zur Klasse F125 und wurde 2021 in Dienst gestellt. Sie ist eine von vier Fregatten dieser Klasse. Die Marine nutzte das Schiff nun als Plattform für die Erprobung des von Israel Aerospace Industries entwickelten Systems LORA. Damit unterscheidet sich der Versuch von früheren Tests des Herstellers, bei denen Systeme ebenfalls von See aus erprobt wurden, jedoch nicht von einem deutschen Marineschiff.
Über den exakten Umfang des Tests lagen zunächst unterschiedliche Angaben vor. Bestätigt ist mindestens ein erfolgreicher Abschuss. Ein deutscher Fachbericht schrieb von mindestens zwei abgefeuerten Flugkörpern. Eine unabhängige Bestätigung dieser Zahl lag zunächst nicht vor. Auch nähere Angaben zum Ablauf der Erprobung, zu möglichen Testzielen oder zur Entfernung während des konkreten Versuchs wurden von der Bundeswehr zunächst nicht veröffentlicht.
Kaack ordnete die Erprobung vor allem sicherheitspolitisch ein. Die mögliche Reichweite übertreffe die bisher auf deutschen Marineschiffen vorhandenen Fähigkeiten deutlich. Aus Sicht der Marine geht es damit um zusätzliche Optionen für Abschreckung und Bündnisverteidigung. Eine Entscheidung über die dauerhafte Einführung des Systems ist damit allerdings noch nicht gefallen.
Offen ist insbesondere, welche Variante Deutschland bei einer möglichen Beschaffung erhalten könnte. In aktuellen deutschen Angaben zum Test ist von einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern die Rede. Der Hersteller Israel Aerospace Industries nennt für die öffentlich angebotene Version von LORA dagegen eine Reichweite zwischen 90 und 430 Kilometern. Frühere Herstellerangaben lagen ebenfalls bei maximal rund 400 Kilometern.
Ob für die Bundeswehr eine weiterentwickelte Variante mit größerer Reichweite vorgesehen ist oder ob den unterschiedlichen Zahlen andere Definitionen zugrunde liegen, war zunächst nicht geklärt. Offizielle technische Angaben zu einer speziell für Deutschland vorgesehenen Version lagen zunächst nicht vor. Die Reichweitenangabe von mehr als 500 Kilometern sollte deshalb nicht mit den öffentlich dokumentierten Daten der bisherigen Exportversion gleichgesetzt werden.
Für die deutsche Marine wäre bereits die öffentlich bekannte Reichweitenklasse eine deutliche Erweiterung. Ihre bisherigen Fregatten verfügen nicht über ein vergleichbares ballistisches System für weitreichende Einsätze gegen Ziele an Land. Die Bedeutung der Erprobung liegt deshalb vor allem darin, dass Deutschland erstmals eine solche Fähigkeit von einer bestehenden Marineplattform aus praktisch getestet hat.
Nach dem erfolgreichen Versuch sollen die Pläne für eine mögliche Beschaffung weiterverfolgt werden. Ein abgeschlossener Kaufvertrag wurde jedoch zunächst nicht bekanntgegeben. Auch eine parlamentarische Freigabe für eine größere Beschaffung des LORA-Systems lag zunächst nicht vor. Stückzahlen, Kosten, Lieferfristen und die Zahl der möglicherweise auszurüstenden Schiffe blieben offen.
Damit befindet sich LORA noch nicht in derselben Phase wie bereits weiter fortgeschrittene Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr. Ein erfolgreicher Test kann eine Grundlage für weitere Entscheidungen schaffen, ersetzt aber weder das Vergabeverfahren noch die parlamentarische Befassung bei einem entsprechend großen Rüstungsprojekt.
Ungeklärt ist außerdem, ob LORA ausschließlich als mögliche Bewaffnung bestehender Schiffe betrachtet wird oder auch bei zukünftigen Schiffsklassen eine Rolle spielen könnte. Die Marine modernisiert ihre Flotte derzeit in mehreren Bereichen. Konkrete offizielle Festlegungen zu einer späteren LORA-Integration in weitere Fregatten lagen zunächst nicht vor.
Der Test ist Teil einer breiteren deutschen Debatte über weitreichende Waffen. Die Bundesregierung und die Bundeswehr verfolgen inzwischen mehrere Projekte, um eine Fähigkeitslücke bei konventionellen Präzisionswaffen für große Entfernungen zu schließen. Dabei geht es nicht um ein einziges System, sondern um verschiedene land-, luft- und möglicherweise seegestützte Optionen.
Deutschland hat unter anderem Interesse am Kauf amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper und bodengestützter Typhon-Startgeräte angemeldet. Die US-Regierung hat grundsätzlich ihre Bereitschaft erklärt, eine solche Beschaffung zu ermöglichen. Eine deutsche Voranfrage bildet die Grundlage für weitere Verhandlungen. Eine endgültige Beschaffung muss anschließend die vorgesehenen parlamentarischen Verfahren durchlaufen.
Parallel arbeitet Deutschland gemeinsam mit europäischen Partnern an eigenen weitreichenden Waffen. Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien kooperieren im Rahmen des European Long-Range Strike Approach. Ziel der Initiative ist es, europäische Fähigkeiten für weitreichende konventionelle Präzisionsschläge gemeinsam auszubauen und Abhängigkeiten von einzelnen ausländischen Systemen zu reduzieren.
Hinzu kommt die Weiterentwicklung des deutschen Marschflugkörpers Taurus im Programm Taurus NEO. Die verschiedenen Projekte verfolgen unterschiedliche Einsatzkonzepte und befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungs- und Beschaffungsphasen. LORA wäre daher nicht automatisch ein Ersatz für Tomahawk, Taurus oder europäische Neuentwicklungen, sondern könnte eine zusätzliche Fähigkeit für die Marine darstellen.
Die Bundeswehr begründet den Ausbau weitreichender Fähigkeiten mit den veränderten militärischen Anforderungen innerhalb der NATO. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine beschäftigen sich Deutschland und andere europäische Staaten verstärkt mit der Frage, wie ein möglicher Gegner auch auf größere Entfernung konventionell abgeschreckt werden kann. Dabei sollen weitreichende Waffen Teil einer umfassenderen Verteidigungsplanung sein.
Die Bundesregierung hat dabei mehrfach betont, dass die entsprechenden Projekte der Abschreckung und Selbstverteidigung im Bündnis dienen sollen. Gleichzeitig haben Systeme mit großer Reichweite eine besondere politische Bedeutung, weil mit ihnen Ziele weit außerhalb des unmittelbaren Einsatzraums erreicht werden können. Größere Beschaffungsentscheidungen unterliegen deshalb nicht allein militärischen Anforderungen, sondern auch parlamentarischer Kontrolle.
Der erfolgreiche Test im Nordatlantik liefert der deutschen Marine nun erstmals praktische Erfahrungen mit LORA auf einer eigenen Fregatte. Ob daraus tatsächlich ein neues Waffensystem für die Flotte wird, ist noch nicht entschieden. Offen sind neben Reichweite und Stückzahl vor allem Kosten, Zeitplan, konkrete Plattformen und der weitere parlamentarische Weg.
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