
Für die Planethic Group AG, das frühere Veganz, hat eine entscheidende Phase der Sanierung begonnen. Das Amtsgericht Potsdam hat das Insolvenzverfahren über das Vermögen des börsennotierten Lebensmittelunternehmens eröffnet und zugleich Eigenverwaltung angeordnet. Wenige Tage später wurde zudem bekannt, dass der Aufsichtsrat die Bestellung von Vorständin Anja Brachmüller widerrufen und ihren Anstellungsvertrag außerordentlich und fristlos gekündigt hat. Das Unternehmen wird im Vorstand damit nur noch von Vorstandschef Sascha Voigt geführt.
Die Personalentscheidung ist von dem Insolvenzverfahren rechtlich zu trennen. Nach Angaben von Planethic habe der Aufsichtsrat die Abberufung und Kündigung aus wichtigem Grund beschlossen. Welche konkreten Tatsachen hinter dieser Begründung stehen sollen, teilte das Unternehmen ausdrücklich nicht mit. Es verwies dabei auf die Persönlichkeitsrechte Brachmüllers sowie mögliche gerichtliche Auseinandersetzungen. Eine öffentlich zugängliche Stellungnahme von Anja Brachmüller zu der Entscheidung lag zunächst nicht vor. Die fristlose Kündigung ist eine arbeitsrechtliche Maßnahme des Unternehmens und kein Nachweis eines Fehlverhaltens oder einer Schuld.
Das Amtsgericht Potsdam eröffnete das Insolvenzverfahren mit Beschluss vom 25. August 2026. Das Verfahren wird unter dem Aktenzeichen 650 IN 179/26 geführt. Die Gesellschaft erklärte, sie habe am 27. August von dem Beschluss Kenntnis erhalten. Bereits am 25. Juni hatte Planethic angekündigt, ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung anzustreben.
Zum Sachwalter wurde Prof. Dr. Torsten Martini von GÖRG Insolvenzverwaltung bestellt. Anders als in einem regulären Insolvenzverfahren übernimmt damit nicht ein Insolvenzverwalter vollständig die Kontrolle über das Unternehmen. Die Unternehmensleitung darf die Insolvenzmasse weiterhin verwalten und über sie verfügen, steht dabei aber unter der Aufsicht des Sachwalters.
Planethic erklärte nach der Verfahrenseröffnung, der Geschäftsbetrieb werde fortgeführt. Insolvenzgläubiger können ihre Forderungen im weiteren Verfahren anmelden. Für Besitzer der von Planethic ausgegebenen 7,5-Prozent-Schuldverschreibung 2020/2030 handelt es sich nach Angaben des Unternehmens um Insolvenzforderungen. Ansprüche der Aktionäre stehen hinter den Insolvenzforderungen. Planethic wies deshalb selbst darauf hin, dass für Aktionäre ein vollständiger Verlust des eingesetzten Kapitals möglich sei.
Wie viele Beschäftigte unmittelbar von dem Verfahren der Planethic Group AG betroffen sind, wurde bislang nicht aktuell beziffert. Die zuletzt detailliert ausgewiesenen Unternehmenszahlen stammen aus dem Halbjahresbericht 2025. Zum 30. Juni 2025 lag die Beschäftigtenzahl bei 74,2 Vollzeitäquivalenten. Das waren 17 Vollzeitäquivalente weniger als ein Jahr zuvor.
Auch der Standort Ludwigsfelde südlich von Berlin war in den vergangenen Jahren stark in den Umbau des Geschäftsmodells eingebunden. Dort befinden sich die Geschäftsanschrift des Unternehmens sowie Produktionskapazitäten. Bei einem Besuch der Märkischen Allgemeinen im Juli 2024 hatte das Unternehmen für den Standort rund 75 Beschäftigte angegeben. Produktion, Verwaltung und weitere Unternehmensfunktionen waren dort auf einer Fläche von rund 3.000 Quadratmetern angesiedelt.
Eine aktuelle Aufschlüsselung, wie viele dieser Arbeitsplätze heute zur insolventen Aktiengesellschaft selbst und wie viele zu inzwischen ausgegliederten Tochtergesellschaften gehören, liegt nicht vor. Deshalb lässt sich aus früheren Beschäftigtenzahlen nicht ableiten, dass sämtliche damals in Ludwigsfelde tätigen Mitarbeiter unmittelbar vom Insolvenzverfahren der Muttergesellschaft betroffen sind. Offiziell bestätigt ist bislang die Fortführung des Geschäftsbetriebs.
Die Unternehmensgeschichte reicht bis 2011 zurück. Veganz begann zunächst mit veganen Supermärkten und entwickelte sich später zu einem Anbieter eigener pflanzlicher Lebensmittelmarken. Das ursprüngliche Handelsmodell wurde in den folgenden Jahren schrittweise verändert. Das Unternehmen konzentrierte sich stärker auf eigene Produkte, Produktion und Lebensmitteltechnologien.
Im September 2025 erfolgte die Umbenennung der Veganz Group AG in Planethic Group AG. Der Konzern wurde zugleich stärker als Beteiligungsstruktur organisiert. Geschäftsfelder und Marken wie Veganz, Mililk, Happy Cheeze und Peas on Earth wurden teilweise in eigenständige Gesellschaften überführt.
Zu den wichtigen Projekten gehörte Mililk mit pflanzlichen Milchalternativen. Hinzu kamen Fleischalternativen und Käseersatzprodukte. Auch die inzwischen veräußerte OrbiFarm gehörte zu dem Umbau. Für diese Gesellschaft war 2025 ein Kaufpreis von 30 Millionen Euro vereinbart worden, der laut damaligem Halbjahresbericht in mehreren Tranchen bis Ende 2028 zufließen sollte.
Die Geschäftsentwicklung zeigte bereits vor dem Insolvenzantrag erhebliche Veränderungen. Im Jahr 2021 hatte der Umsatz der damaligen Veganz Group AG noch bei rund 30,4 Millionen Euro gelegen. 2022 sank er auf rund 23,6 Millionen Euro und 2023 auf rund 16,4 Millionen Euro.
Im Geschäftsjahr 2024 lag der Umsatz nur noch bei 10,8 Millionen Euro und damit rund 34 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das Unternehmen erklärte den Rückgang damals unter anderem mit der Bereinigung seines Produktportfolios und dem Umbau vom Handelsunternehmen zu einem stärker auf Eigenproduktion ausgerichteten Unternehmen. Das EBITDA lag 2024 bei minus 2,4 Millionen Euro nach minus 6,3 Millionen Euro im Vorjahr. Der Jahresfehlbetrag lag bei rund 4,8 Millionen Euro.
Besonders deutlich wurde der Umbau im ersten Halbjahr 2025. Der Umsatz lag nur noch bei rund 2,0 Millionen Euro nach rund 7,0 Millionen Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Das ausgewiesene EBITDA lag zwar bei 25,3 Millionen Euro, war jedoch maßgeblich durch einen Einmalertrag aus dem Verkauf von OrbiFarm geprägt. Bereinigt um solche Effekte lag das EBITDA bei minus 4,3 Millionen Euro. Der Liquiditätsbestand zum 30. Juni 2025 lag laut Halbjahresbericht bei lediglich 195.000 Euro.
Planethic nahm danach weiteres Kapital auf und arbeitete nach eigenen Angaben an Vereinbarungen mit Gläubigern und Lieferanten. Im Juni 2026 entschied der Vorstand schließlich, ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung zu beantragen. Als Ziel nannte das Unternehmen die Fortsetzung bereits eingeleiteter Restrukturierungsmaßnahmen und die Sicherung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit.
Die Entwicklung der Planethic Group ist auch wegen ihrer Börsenhistorie bemerkenswert. Veganz ging am 10. November 2021 an die Frankfurter Wertpapierbörse und wurde in das Wachstumssegment Scale aufgenommen. Der Ausgabepreis lag bei 87 Euro je Aktie. Der erste Börsenpreis lag bei 86,90 Euro. Die anfängliche Marktkapitalisierung lag bei rund 106 Millionen Euro.
Der Börsengang brachte dem Unternehmen frisches Eigenkapital und fand in einer Phase statt, in der pflanzliche Lebensmittel und alternative Proteine bei Investoren auf großes Interesse stießen. Die folgenden Geschäftsjahre waren jedoch durch sinkende Umsätze, operative Verluste und den mehrfachen Umbau des Unternehmens geprägt. Bis 2026 hatte die Aktie den weitaus größten Teil ihres damaligen Börsenwerts verloren.
Mit der Eröffnung der Planethic Insolvenz hat sich die Situation für Aktionäre und Anleihegläubiger nochmals grundlegend verändert. Die Gesellschaft hat selbst darauf hingewiesen, dass Forderungen der Anleihegläubiger nun nach den Regeln des Insolvenzrechts behandelt werden. Aktionärsansprüche sind diesen Forderungen nachgeordnet.
Parallel zur Sanierung hat sich die Führung der Gesellschaft verändert. Der Aufsichtsrat fasste bereits am 25. August, also am Tag der Verfahrenseröffnung, den Beschluss zur sofortigen Abberufung von Anja Brachmüller. Zusätzlich habe er ihren seit Dezember 2019 bestehenden Vorstandsanstellungsvertrag außerordentlich und fristlos gekündigt sowie hilfsweise eine ordentliche Kündigung zum nächstmöglichen Zeitpunkt ausgesprochen. Die Erklärungen gingen Brachmüller nach Unternehmensangaben am 31. August zu.
Über die konkreten Umstände machte Planethic keine Angaben. Deshalb lässt sich aus der Mitteilung weder ableiten, welches Verhalten der Entscheidung zugrunde liegen soll, noch ob die arbeitsrechtliche Bewertung Bestand haben wird. Eine gerichtliche Entscheidung zu der Maßnahme ist nicht bekannt.
Sascha Voigt ist damit derzeit alleiniges Mitglied des Vorstands. Planethic erklärte, eine Nachbesetzung des zweiten Vorstandspostens sei nicht vorgesehen. Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung werde durch die Personalentscheidung nicht berührt. Wie die Unternehmensgruppe künftig strukturiert wird und welche Gesellschaften, Marken und Produktionsaktivitäten dauerhaft fortgeführt werden können, hängt nun vom weiteren Verlauf der Sanierung ab.
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