
Nach einer Serie schwerer Luftangriffe auf die Ukraine hat Frankreich weitere Unterstützung für die ukrainische Flugabwehr in Aussicht gestellt. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in einem fast zweistündigen Telefonat am Samstag zu, die Lieferung französischer Luftverteidigungstechnik zu beschleunigen und bei der Beschaffung zusätzlicher amerikanischer Patriot-Abfangraketen zu helfen. Damit reagiert Paris auf den anhaltenden Mangel an Abfangflugkörpern, während Russland seine Raketen- und Drohnenangriffe fortsetzt.
Gleichzeitig verschärfte der russische Präsident Wladimir Putin seine Rhetorik nach ukrainischen Drohnenangriffen tief im russischen Hinterland. Er warf Kiew vor, durch Attacken auf wirtschaftlich bedeutende Einrichtungen eine neue Eskalation ausgelöst zu haben, und kündigte russische Angriffe auf besonders empfindliche Bereiche der ukrainischen Wirtschaft an.
Macron sagt Ukraine mehr Luftverteidigung zu. Die konkrete Zusage vom Samstag wurde zunächst von Selenskyj nach dem Gespräch der beiden Präsidenten bekannt gemacht. Demnach soll Frankreich eigene Lieferungen beschleunigen und zugleich dabei helfen, weitere Patriot-Abfangraketen aus Beständen verbündeter Staaten für die Ukraine verfügbar zu machen.
Patriot-Systeme sind für Kiew vor allem deshalb von großer Bedeutung, weil sie gegen bestimmte ballistische Raketen eingesetzt werden können. Gerade in diesem Bereich steht die ukrainische Luftverteidigung unter erheblichem Druck. Bei einer schweren russischen Angriffswelle auf Kiew in dieser Woche wurden nach ukrainischen Angaben 17 Menschen getötet und mehr als 40 verletzt. Die ukrainischen Streitkräfte meldeten zwar hohe Abfangquoten bei Drohnen und Marschflugkörpern, gegen ballistische und besonders schnelle Raketen sind die verfügbaren Abwehrmöglichkeiten jedoch deutlich begrenzter.
Frankreichs Unterstützung baut auf bereits vereinbarten Maßnahmen auf. Paris und Kiew hatten im Juli festgehalten, dass die Ukraine vier französisch-italienische SAMP/T-NG-Systeme bestellen will. Frankreich kündigte zudem an, während der Produktionsphase zwei vorhandene SAMP/T-Systeme vorübergehend in der Ukraine einzusetzen. Frankreich und Italien wollen außerdem die Lieferung von Aster-30-Abfangraketen beschleunigen und deren Lizenzproduktion in der Ukraine ermöglichen. Ein erster Radar des künftigen SAMP/T-NG-Verbunds soll noch 2026 in die Ukraine kommen.
Mehrere europäische Staaten hatten im Juli außerdem die Gründung einer gemeinsamen Koalition für die Abwehr ballistischer Raketen angekündigt. Beteiligt sind nach der offiziellen Erklärung Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden, die Ukraine und Großbritannien. Ziel ist der Ausbau integrierter Fähigkeiten zur Raketenabwehr.
Der französische Vorstoß folgt auf mehrere schwere russische Angriffe innerhalb weniger Tage. Besonders viele Tote und Verletzte gab es am Freitag in Krywyj Rih. Nach Angaben ukrainischer Behörden wurden bei einem russischen Drohnenangriff auf ein Einkaufszentrum mindestens 16 Menschen getötet und mehr als 130 verletzt. Unter den Verletzten waren auch Kinder. Reuters und Associated Press bestätigten die von ukrainischen Stellen gemeldete Größenordnung der Folgen.
Bereits zuvor hatte Russland eine umfangreiche Angriffswelle mit Raketen und Drohnen gegen mehrere Teile des Landes gestartet. Die ukrainische Luftwaffe meldete dabei Angriffe auf Kiew sowie weitere Regionen. Die wiederholten Attacken erhöhen den Verbrauch ukrainischer Abfangraketen und machen die Versorgung mit zusätzlicher Flugabwehr zu einem der wichtigsten Punkte der westlichen Militärhilfe.
Die europäischen Partner hatten sich deshalb bereits Mitte Juli darauf verständigt, mehr Luftverteidigungssysteme und Abfangflugkörper bereitzustellen. In einer gemeinsamen Erklärung der sogenannten Koalition der Willigen wurde außerdem eine schnellere Entwicklung zusätzlicher Fähigkeiten gegen ballistische Raketen vereinbart.
Parallel dazu hat auch die Ukraine ihre Angriffe auf Ziele weit hinter der russischen Grenze verstärkt. Am Samstag meldeten russische Behörden erneut umfangreiche ukrainische Drohnenangriffe. Getroffen wurden nach russischen Angaben unter anderem Wirtschafts- und Logistikeinrichtungen. Reuters berichtete über Schäden an einem Logistikzentrum des Onlinehändlers Ozon sowie an einer Industrieanlage im Gebiet Samara. Russische Behörden meldeten zudem Tote und Verletzte in mehreren Regionen. Die einzelnen Angaben zu Abschusszahlen und militärischen Zielen ließen sich zunächst nicht unabhängig bestätigen.
Putin erklärte anschließend, die Ukraine habe mit Angriffen auf russische Raffinerien, Lagerhäuser und andere Wirtschaftsziele eine Büchse der Pandora geöffnet. Russland werde darauf reagieren und besonders empfindliche Sektoren der ukrainischen Wirtschaft ins Visier nehmen, sagte der russische Präsident. Welche konkreten Ziele er damit meinte und wann mögliche weitere Angriffe erfolgen könnten, führte er nicht näher aus.
Putin verwies dabei unter anderem auf den ukrainischen Agrarsektor. Angriffe auf Häfen, Lager- und Exportinfrastruktur am Schwarzen Meer haben bereits in früheren Phasen des Krieges Auswirkungen auf ukrainische Getreideexporte gehabt. Die Ukraine ist trotz des Krieges weiterhin ein bedeutender Exporteur landwirtschaftlicher Erzeugnisse.
Die Entwicklungen vom Wochenende zeigen, dass sich der Krieg weiterhin nicht nur entlang der Frontlinie abspielt. Russland setzt Raketen und Drohnen gegen Ziele in zahlreichen ukrainischen Regionen ein, während die Ukraine ihrerseits mit Langstreckendrohnen Ziele tief im russischen Staatsgebiet angreift. Dadurch gewinnen Luftverteidigung und der Schutz wirtschaftlicher Infrastruktur auf beiden Seiten weiter an Bedeutung.
Für die Ukraine liegt der unmittelbare Schwerpunkt auf zusätzlichen Abfangraketen. Selenskyj hatte bereits Anfang August die Lieferung solcher Flugkörper und den Ausbau der gemeinsamen europäischen Raketenabwehr zu außenpolitischen Prioritäten erklärt. Die nun von ihm bekannt gemachte Zusage Macrons knüpft daran an. Frankreich hat zugleich bereits verbindliche Schritte für zusätzliche SAMP/T-Systeme, Aster-30-Raketen und eine stärkere gemeinsame Produktion vereinbart.
Während Paris damit eine Beschleunigung der Verteidigungshilfe signalisiert, kündigt Moskau nach den ukrainischen Angriffen im russischen Hinterland weitere militärische Reaktionen an. Damit stehen den laufenden diplomatischen Bemühungen weiterhin intensive gegenseitige Luftangriffe gegenüber.
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