
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steht unmittelbar vor einem außergewöhnlichen politischen Meilenstein. Ihre Regierung ist am Freitag, 28. August 2026, seit 1.406 Tagen im Amt. Damit fehlen ihr noch sechs weitere vollständig absolvierte Amtstage, um den bisherigen Rekord der zweiten Regierung von Silvio Berlusconi einzustellen. Am 4. September würde das Kabinett Meloni mit seinem 1.413. Tag die Marke von Berlusconi II übertreffen und zur langlebigsten einzelnen Regierung der Italienischen Republik werden.
Anderslautende Angaben, nach denen Meloni bereits am 28. August 1.413 Tage regiere, vermischen den aktuellen Stand mit dem für den 4. September erwarteten Rekord. Die Regierung Meloni wurde am 22. Oktober 2022 vereidigt. Die zweite Regierung Berlusconi amtierte vom 11. Juni 2001 bis zum 23. April 2005 und kam nach der in Italien üblichen Berechnung auf 1.412 Tage.
Schon im Frühjahr erreichte Melonis Regierung einen ersten historischen Rang. Anfang Mai zog sie an der vierten Regierung Berlusconi vorbei, die zwischen Mai 2008 und November 2011 insgesamt 1.287 Tage im Amt gewesen war. Seither liegt die Regierung Meloni auf Platz zwei der Rangliste der langlebigsten Kabinette der Republik.
Hinter diesen drei Regierungen folgen mit deutlichem Abstand das erste Kabinett des Sozialisten Bettino Craxi mit 1.093 Tagen und die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi mit 1.024 Tagen. Weitere vergleichsweise lange Regierungszeiten erreichten unter anderem Romano Prodi und Aldo Moro.
Der Rekord bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Lebensdauer eines einzelnen Kabinetts. Er bedeutet nicht, dass Giorgia Meloni bereits länger Regierungschefin gewesen wäre als jeder andere italienische Ministerpräsident. Silvio Berlusconi führte beispielsweise mehrere unterschiedliche Regierungen. Auch andere Ministerpräsidenten kamen über mehrere Kabinette hinweg auf längere Gesamtamtszeiten.
Meloni wurde nach der Parlamentswahl 2022 mit der Regierungsbildung beauftragt und legte gemeinsam mit ihren Ministerinnen und Ministern am 22. Oktober desselben Jahres im Quirinalspalast den Amtseid ab. Ihre Koalition stützt sich vor allem auf Fratelli d’Italia, die Lega und Forza Italia sowie kleinere Partner des Mitte Rechts Lagers.
Dass dasselbe Kabinett fast vier Jahre ohne Regierungswechsel überstanden hat, ist für Italien bemerkenswert. In den Jahrzehnten seit Gründung der Republik wechselten sich zahlreiche Regierungen ab, teilweise auch dann, wenn dieselbe Parlamentsmehrheit oder derselbe Ministerpräsident grundsätzlich im Amt blieb. Die lange Lebensdauer der Regierung Meloni hebt sich deshalb deutlich vom historischen Durchschnitt ab.
Das bedeutet allerdings nicht, dass innerhalb der Koalition keine politischen Unterschiede bestehen. Die beteiligten Parteien verfügen über eigene Profile und konkurrieren auch um ähnliche Wählergruppen. Unterschiede werden unter anderem bei außenpolitischen, sicherheitspolitischen und finanzpolitischen Fragen sichtbar.
Ein aktuelles Beispiel ist die europäische Verteidigungspolitik. Italien hat im August bei der Europäischen Union acht Milliarden Euro aus dem europäischen SAFE-Programm für Verteidigungsinvestitionen beantragt. Innerhalb der Regierungskoalition gab es darüber unterschiedliche Positionen. Besonders aus der Lega von Matteo Salvini kam Kritik an einer Ausweitung der Verteidigungsausgaben, während Verteidigungsminister Guido Crosetto von Fratelli d’Italia die Nutzung der europäischen Finanzierung unterstützt.
Solche Differenzen haben bislang nicht zum Bruch der Koalition geführt. Meloni regiert weiterhin mit der parlamentarischen Basis, auf der ihr Kabinett seit 2022 beruht. Auch im August 2026 bestehen die Fraktionen von Fratelli d’Italia, Lega und Forza Italia weiterhin als zentrale parlamentarische Kräfte des Regierungslagers.
Zugleich verändert sich das politische Umfeld rechts der Regierung. Die neue Partei Futuro Nazionale des früheren Lega-Politikers Roberto Vannacci erreicht in mehreren Umfragen relevante Werte. Eine Ende Juli veröffentlichte Ipsos-Erhebung sah Fratelli d’Italia bei 26,5 Prozent, Forza Italia bei 8,3 Prozent, die Lega bei 5,1 Prozent und Futuro Nazionale bei 7,1 Prozent. Ein Anfang August veröffentlichter Durchschnitt mehrerer Umfragen sah das derzeitige Regierungsbündnis ohne Vannaccis Partei zusammen bei 41,6 Prozent. Umfragen sind Momentaufnahmen und keine Prognosen für das Wahlergebnis.
Die politische Debatte richtet sich zunehmend auf die nächste nationale Wahl. Italiens Verfassung sieht für Abgeordnetenkammer und Senat grundsätzlich eine Amtszeit von fünf Jahren vor. Die derzeitige Legislatur begann 2022. Ohne vorzeitige Auflösung des Parlaments steht deshalb 2027 die nächste reguläre Parlamentswahl an.
Für Meloni ist die Dauer ihres Kabinetts damit nicht nur eine historische Kennzahl. Sie fällt in eine Phase, in der sich Regierung und Opposition bereits für den nächsten Wahlzyklus positionieren. Neben dem Wettbewerb innerhalb des rechten Parteienspektrums spielt dabei auch die Frage eine Rolle, ob die Parteien links und in der politischen Mitte bei einer Wahl gemeinsam oder getrennt antreten.
Die Stabilität der Regierung und die Stärke einzelner Parteien sind dabei zwei unterschiedliche Größen. Eine Koalition kann trotz Meinungsverschiedenheiten arbeitsfähig bleiben, während sich gleichzeitig die Kräfteverhältnisse zwischen ihren Mitgliedern verändern. Genau das lässt sich derzeit in Italien beobachten.
Auch auf europäischer Ebene ist die ungewöhnlich lange Regierungsdauer von Bedeutung. Italien gehört zu den größten Mitgliedstaaten der Europäischen Union und verfügt über die drittgrößte Volkswirtschaft des Euroraums. Häufige Regierungswechsel in Rom hatten in früheren Jahren regelmäßig Auswirkungen auf Verhandlungen in Brüssel und auf die Wahrnehmung Italiens durch seine europäischen Partner.
Unter Meloni ist die personelle Kontinuität an der Regierungsspitze größer geworden. Gleichzeitig muss Rom Entscheidungen zu Verteidigung, EU-Finanzen, Migration, Staatsverschuldung und wirtschaftlicher Entwicklung mit den unterschiedlichen Positionen innerhalb der Regierungsparteien abstimmen.
Der historische Rekord ist dennoch noch nicht erreicht. Am 28. August liegt die Regierung Meloni bei 1.406 Tagen. Hält das Kabinett bis zum 4. September unverändert durch, kommt es auf 1.413 Tage und löst Berlusconi II als langlebigste einzelne Regierung seit Gründung der Italienischen Republik ab. Damit würde Meloni eine Bestmarke erreichen, die seit 2005 Bestand hat.
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