
Die 35-Stunden-Woche bei Mercedes steht im Mittelpunkt eines Konflikts zwischen Konzernführung und Arbeitnehmervertretern. Vorstandschef Ola Källenius setzt auf niedrigere Arbeitskosten und will Beschäftigte länger arbeiten lassen, ohne die Gehälter entsprechend zu erhöhen. Die IG Metall und der Gesamtbetriebsrat lehnen diesen Kurs ab. Während die Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie laufen, verschärfen mögliche Werksschließungen die Auseinandersetzung beim Stuttgarter Autobauer.
Bereits am 26. Juni 2026 kündigte die Mercedes-Führung in einem internen Schreiben weitere Sparmaßnahmen an. Vorstandschef Ola Källenius und seine Vorstandskollegen erklärten darin: „Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten.“ Der Konzern begründete den Vorstoß mit den im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten an deutschen Standorten. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte zuvor eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei unverändertem Gehalt angeregt.
Im September konkretisierte sich die Diskussion. Nach Informationen des Handelsblatts vom 18. September schlug das Management in Gesprächen mit Arbeitnehmervertretern eine Erhöhung der regulären Wochenarbeitszeit von 35 auf 38 Stunden vor. Unklar blieb, ob die Änderung dauerhaft oder befristet gelten sollte. Mercedes bestätigte gegenüber dem SWR Gespräche mit der Arbeitnehmerseite, nicht jedoch die konkrete Einführung einer 38-Stunden-Woche. Eine entsprechende Vereinbarung war damit nicht bestätigt.
Die Arbeitnehmervertreter widersprechen dem Vorstoß entschieden. Bereits am 3. Juli beteiligten sich Beschäftigte an bundesweiten Protesten gegen die Sparpläne. Die IG Metall sprach von mehr als 33.000 Teilnehmern, Mercedes von rund 16.000. Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali erklärte bei einer Kundgebung in Sindelfingen: „Die Zukunft von Mercedes-Benz entscheidet sich nicht über längere Arbeitszeiten oder gekürzte Leistungen.“ Stattdessen verlangt der Betriebsrat Investitionen, Innovationen und langfristige Perspektiven für die deutschen Standorte.
Die Auseinandersetzung betrifft inzwischen nicht mehr allein die Arbeitszeit. Am 21. September warnte Mercedes-Produktionsvorstand Michael Schiebe auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen vor möglichen Werksschließungen. Sollte es nicht gelingen, die Kosten in Deutschland ausreichend zu reduzieren, könnten ein deutsches Fahrzeugmontagewerk und ein Werk zur Herstellung von Antriebskomponenten geschlossen werden. Konkrete Standorte nannte der Konzern nicht. Zugleich betonte Schiebe das Ziel, sämtliche deutschen Standorte zu erhalten. Der Gesamtbetriebsrat kündigte Widerstand gegen mögliche Schließungen an.
Hintergrund sind die wirtschaftlichen Herausforderungen des Autobauers. Im Geschäftsjahr 2025 sank das bereinigte operative Konzernergebnis von 13,7 Milliarden Euro auf 8,2 Milliarden Euro. Der Umsatz ging von 145,6 Milliarden auf 132,2 Milliarden Euro zurück. Mercedes verwies insbesondere auf den intensiven Wettbewerb in China, internationale Zölle und negative Wechselkurseffekte. Im zweiten Quartal 2026 verbesserte sich das operative Konzernergebnis allerdings wieder von 1,3 Milliarden Euro im Vorjahresquartal auf 1,5 Milliarden Euro. Der Umsatz lag bei 32,1 Milliarden Euro. Der Konzern treibt parallel eine umfangreiche Modelloffensive voran und versucht, seine Kostenstruktur anzupassen.
Parallel zu den internen Gesprächen bei Mercedes laufen seit dem 7. Oktober die regionalen Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Außerdem verlangt sie stärkere Sicherheiten für Arbeitsplätze und Standorte sowie eine tarifliche Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen. Bundesweit betrifft die Tarifrunde rund 3,7 Millionen Beschäftigte. Die erste Verhandlung in Baden-Württemberg endete ohne Annäherung, weil die Arbeitgeber kein Angebot vorlegten. Die nächste Runde ist dort für den 27. Oktober vorgesehen. Ab dem 1. November sind nach dem Ende der Friedenspflicht Warnstreiks möglich.
Die reguläre 35-Stunden-Woche ist dabei nicht Gegenstand der aktuellen Entgelttarifrunde. Der Konflikt bei Mercedes wird gesondert zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmervertretern ausgetragen. Eine tariflich oder arbeitsvertraglich festgelegte Wochenarbeitszeit kann der Arbeitgeber nicht einfach einseitig verlängern. Änderungen setzen entsprechende Vereinbarungen voraus. Damit ist die Diskussion über eine längere Arbeitswoche bislang keine beschlossene Änderung für die Beschäftigten.
Die Debatte reicht inzwischen über Mercedes hinaus. Auch andere Industrievertreter sprechen sich angesichts hoher Produktionskosten für längere Arbeitszeiten aus. So erklärte Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller am 15. Oktober, eine Erhöhung der Arbeitszeit könne zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Zugleich sprach sie sich gegen niedrigere Gehälter aus. Bei Mercedes bleibt damit eine grundlegende Auseinandersetzung bestehen: Die Konzernführung will die Kosten je Arbeitsstunde reduzieren, während Gewerkschaft und Betriebsrat an den bestehenden Arbeitszeitstandards festhalten.
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