
Miele-Chef Markus Miele fordert von der deutschen Politik mehr Tempo bei Reformen und kritisiert die Rahmenbedingungen für Unternehmen am Standort Deutschland. Der geschäftsführende Gesellschafter des Gütersloher Hausgeräteherstellers sieht unter anderem beim Bürokratieabbau, bei Steuern, Infrastruktur, Bildung und Arbeitsmarkt Handlungsbedarf. Gleichzeitig hält das Familienunternehmen an umfangreichen Investitionen in seine deutschen Standorte fest.
Die Äußerungen stammen aus einem Interview mit der Welt am Sonntag, das Ende August veröffentlicht wurde. Miele bemängelte darin insbesondere aus seiner Sicht zu langsame Fortschritte bei bereits angekündigten Reformen. Ideen und politische Vorhaben seien vorhanden, müssten aber schneller umgesetzt werden.
Die Standortbedingungen in Deutschland beschäftigen derzeit zahlreiche Industrieunternehmen. Markus Miele nennt mehrere Bereiche, in denen er Veränderungen für notwendig hält. Dazu gehören weniger bürokratische Vorgaben, die Steuerbelastung, der Zustand der Infrastruktur, das Bildungswesen und die Bedingungen am Arbeitsmarkt.
Besonders kritisch äußerte sich der Unternehmer zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität und zu den Sozialabgaben. Seine Aussage, Deutschland entwickle sich bei der Produktivität pro Arbeitsstunde seit Jahren in die falsche Richtung, ist als Bewertung des Unternehmers einzuordnen. Die amtlichen Zahlen zeigen ein differenzierteres Bild.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ging die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde 2023 preisbereinigt um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. 2024 lag das Minus bei 0,3 Prozent. Im Jahr 2025 stieg die Produktivität dagegen um 0,4 Prozent. Im produzierenden Gewerbe lag das Plus 2025 bei 0,7 Prozent, nachdem dort 2024 noch ein Rückgang um 2,6 Prozent verzeichnet worden war.
Auch Mieles Hinweis auf steigende Sozialabgaben beschreibt zunächst seine wirtschaftspolitische Bewertung. 2026 liegt der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung weiterhin bei 18,6 Prozent, zur Arbeitslosenversicherung bei 2,6 Prozent und zur Pflegeversicherung grundsätzlich bei 3,6 Prozent. In der gesetzlichen Krankenversicherung liegt der allgemeine Beitragssatz bei 14,6 Prozent. Hinzu kommt ein kassenabhängiger Zusatzbeitrag. Der für 2026 festgelegte durchschnittliche Zusatzbeitragssatz liegt bei 2,9 Prozent, tatsächlich erhoben die Krankenkassen im April im Durchschnitt 3,13 Prozent.
Die Bundesregierung verweist ihrerseits auf bereits beschlossene und geplante Entlastungen. Ziel der Regierungskoalition ist es, die Bürokratiekosten für die Wirtschaft innerhalb der Wahlperiode um 25 Prozent zu reduzieren. Die Bundesregierung beziffert dieses Ziel derzeit auf rund 16 Milliarden Euro. Unter anderem sollen Berichtspflichten verringert und Verwaltungs- sowie Genehmigungsverfahren vereinfacht und digitalisiert werden.
Seit dem ersten sogenannten Entlastungskabinett im November 2025 seien Maßnahmen mit einem Entlastungsvolumen von rund zehn Milliarden Euro beschlossen worden, gibt die Bundesregierung an. Beim zweiten Entlastungskabinett am 15. Juli 2026 kamen nach Regierungsangaben weitere Vorhaben mit einem Volumen von rund 600 Millionen Euro hinzu.
Bund und Länder haben zudem eine gemeinsame Modernisierungsagenda mit mehr als 200 Maßnahmen vereinbart. Bis Ende 2026 soll unter anderem mindestens ein Drittel der Berichts- und Auskunftspflichten für Unternehmen überprüft und möglichst abgeschafft werden.
Damit besteht zwischen Mieles Kritik und der Position der Bundesregierung weniger Streit über das grundsätzliche Ziel als über Geschwindigkeit und Umfang der Umsetzung.
Mieles Kritik bedeutet zugleich keinen grundsätzlichen Rückzug des Konzerns aus Deutschland. Nach Unternehmensangaben will Miele bis Ende 2028 rund 500 Millionen Euro in seine deutschen Standorte investieren. In den Jahren 2024 und 2025 flossen bereits rund 300 Millionen Euro der weltweiten Investitionen von insgesamt 468 Millionen Euro nach Deutschland. Das Geld wird unter anderem für die Modernisierung und Erweiterung von Werken sowie für Entwicklungs- und Schulungszentren eingesetzt.
Für die deutschen Miele-Standorte gilt zudem ein mit der IG Metall ausgehandelter Zukunfts- und Sozialtarifvertrag. Darin hatte das Unternehmen Investitionen von 500 Millionen Euro während der Laufzeit vom 1. August 2024 bis zum 31. Dezember 2028 zugesagt. Zugleich wurde der Erhalt aller deutschen Standorte während dieser Zeit vereinbart.
Der Umsatz der Miele-Gruppe lag im Geschäftsjahr 2025 nach Unternehmensangaben bei 5,16 Milliarden Euro. Das waren 2,3 Prozent mehr als 2024. Weltweit beschäftigte der Konzern rund 23.000 Menschen. Für 2024 hatte Miele noch rund 11.300 Beschäftigte in Deutschland ausgewiesen.
Hinter dem Standortstreit steht auch ein größerer Umbau bei Miele. Das Unternehmen hatte Anfang 2024 ein weltweites Effizienzprogramm angekündigt. Damals waren nach Unternehmensangaben bis zu 2.700 Stellen potenziell von Abbau oder Verlagerung betroffen. Gleichzeitig sollte durch Kostenreduzierungen und zusätzliche Erlöse ein finanzieller Effekt von rund 500 Millionen Euro erreicht werden.
Miele erklärte im März 2026, dieses Ziel erreicht zu haben. Die Personalkosten seien im Zuge des Programms um mehr als 120 Millionen Euro gesenkt worden. Betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland seien dabei vermieden worden. Rund 3.300 einzelne Maßnahmen seien umgesetzt worden.
Ein weiteres Sparprogramm ist nach den aktuellen Aussagen von Markus Miele derzeit nicht vorgesehen. Der noch laufende Personalumbau soll nach seinen Angaben bis Ende 2027 dauern.
Parallel baut Miele seine internationale Produktion aus. Das erste Produktionswerk des Unternehmens in den USA nahm Ende 2024 in Opelika im Bundesstaat Alabama den Betrieb auf. Dort werden unter anderem Backöfen und Herde für den nordamerikanischen Markt hergestellt. Nach aktuellen Unternehmensangaben beschäftigt das Werk rund 50 Menschen.
Markus Miele brachte nun auch ein weiteres Werk in den Vereinigten Staaten als mögliche Perspektive ins Gespräch. Eine konkrete Investitionsentscheidung für einen zusätzlichen US-Standort ist bislang jedoch nicht bestätigt.
Für Miele bleibt Deutschland damit weiterhin ein zentraler Produktions-, Entwicklungs- und Unternehmensstandort. Die Kritik des geschäftsführenden Gesellschafters richtet sich vor allem auf die politischen Rahmenbedingungen und die Geschwindigkeit angekündigter Reformen. Zugleich zeigen die Investitionszusagen des Unternehmens, dass Miele seine deutschen Werke trotz der Standortdebatte weiter modernisieren will.
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