
Berlin. Wer für eine besser bezahlte Stelle in eine andere Stadt zieht, hat am Ende nicht unbedingt mehr Geld zur Verfügung. Gerade in wirtschaftsstarken Regionen können hohe Mieten einen erheblichen Teil des zusätzlichen Einkommens aufzehren. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium ist das längst nicht mehr nur ein Problem für Wohnungssuchende. Die Ökonomen sehen darin auch eine Belastung für den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum in Deutschland. In einem am Montag, 2. November 2026, bekannt gewordenen Gutachten fordern sie deshalb Veränderungen in der Wohnungspolitik, die den Bau neuer Wohnungen erleichtern sollen.
Im Mittelpunkt der Stellungnahme steht die Frage, warum Beschäftigte immer seltener dorthin ziehen, wo sie bessere berufliche Möglichkeiten haben. Nach Einschätzung der Experten werden regionale Lohnunterschiede zunehmend durch unterschiedlich hohe Wohnkosten ausgeglichen. Wer beispielsweise in einer wirtschaftlich starken Stadt mehr verdienen könnte, muss dort häufig auch deutlich höhere Mieten bezahlen. Besonders bei einem neuen Mietvertrag kann das den finanziellen Vorteil eines Arbeitsplatzwechsels erheblich verringern.
Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, der Kölner Ökonom Felix Bierbrauer, erklärte dazu: „Wer für einen Job umzieht, hat kaum mehr Geld in der Tasche.“ Die Folgen reichen nach Einschätzung des Gremiums über die persönliche Lebensplanung hinaus. Wenn Beschäftigte wegen der Wohnkosten auf einen beruflichen Wechsel verzichten, können Unternehmen offene Stellen schwieriger besetzen. Gleichzeitig werden Möglichkeiten für höhere Produktivität und zusätzliche wirtschaftliche Wertschöpfung nicht vollständig genutzt.
Um das Wohnungsangebot insbesondere in wirtschaftsstarken Regionen zu vergrößern, wollen die Wissenschaftler die Anreize für Städte und Gemeinden verändern. Ein wesentliches Problem sehen sie darin, dass neue Baugebiete für Kommunen erhebliche Folgekosten verursachen. Zusätzliche Wohnungen machen häufig auch Investitionen in Schulen, Kindertagesstätten, Straßen oder öffentliche Einrichtungen erforderlich. Während die Gemeinden diese Ausgaben tragen müssen, profitieren Grundstückseigentümer häufig von steigenden Bodenwerten.
Der Beirat schlägt deshalb vor, Eigentümer und Bauherren stärker an den Infrastrukturkosten zu beteiligen. Als mögliche Instrumente nennen die Ökonomen eine erweiterte Infrastrukturkostenumlage und einen sogenannten Planungswertausgleich. Dabei könnten Wertsteigerungen von Grundstücken, die durch zusätzliches Baurecht entstehen, teilweise zur Finanzierung öffentlicher Infrastruktur herangezogen werden. Das soll die finanziellen Belastungen der Kommunen verringern und zusätzliche Bauflächen attraktiver machen.
Darüber hinaus empfiehlt das Gremium, bestehende Bebauungspläne anzupassen. Insbesondere ältere Pläne sollten grundsätzlich eine größere Geschossfläche ermöglichen, damit auf bereits bebauten Grundstücken zusätzlicher Wohnraum entstehen kann. Auch maßvolle Erweiterungen bestehender Siedlungen sollen leichter werden. Ergänzend sprechen sich die Experten für steuerliche Erleichterungen bei beruflich bedingten Umzügen aus. Die Vorschläge sind Empfehlungen des unabhängigen Beirats und noch keine beschlossenen gesetzlichen Änderungen.
Wie angespannt die Lage auf dem Wohnungsmarkt bleibt, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im Jahr 2025 wurden deutschlandweit rund 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Das waren 18 Prozent weniger als im Vorjahr und so wenige wie seit 2012 nicht mehr. Gleichzeitig geht das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in seiner Wohnungsbedarfsprognose von einem durchschnittlichen jährlichen Neubaubedarf von rund 320.000 Wohnungen für den Zeitraum bis 2030 aus. Besonders groß ist der Bedarf in den wirtschaftlich starken Großstädten und ihrem Umland.
Immerhin deutet sich bei den Baugenehmigungen eine Erholung an. Von Januar bis August 2026 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 169.400 Wohnungen genehmigt. Das entspricht einem Anstieg von 12,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bis aus genehmigten Bauvorhaben tatsächlich bezugsfertige Wohnungen werden, vergeht allerdings häufig erhebliche Zeit. Bei den 2025 fertiggestellten neuen Wohngebäuden lag die durchschnittliche Dauer zwischen Genehmigung und Fertigstellung bei 27 Monaten.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Wohnungsbaus geht damit nach Einschätzung des Beirats weit über die Bauwirtschaft selbst hinaus. Entscheidend ist auch, ob Unternehmen in Regionen mit hoher Nachfrage ausreichend Beschäftigte gewinnen können. Gerade dort, wo Arbeitsplätze entstehen und höhere Löhne gezahlt werden, können fehlende Wohnungen den Zuzug von Arbeitskräften behindern. Für die Ökonomen ist eine Ausweitung des Wohnungsangebots deshalb nicht nur eine wohnungspolitische, sondern auch eine wirtschaftspolitische Aufgabe.
Die Vorschläge richten den Blick insbesondere auf die Rahmenbedingungen des Wohnungsbaus. Mehr Bauland, einfachere Möglichkeiten zur Nachverdichtung und eine andere Verteilung der Infrastrukturkosten sollen dazu beitragen, dass in nachfragestarken Regionen mehr Wohnungen entstehen. Damit verbindet der Beirat die Erwartung, dass Beschäftigte berufliche Chancen leichter nutzen können und die deutsche Wirtschaft von einer besseren Verteilung der Arbeitskräfte profitiert.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu