
Die deutsche Möbelindustrie unter Druck: Deutschlands Hersteller haben seit dem Hoch der ersten Jahreshälfte 2022 deutlich an Umsatz verloren. Von Januar bis Juni 2022 lag der Branchenumsatz nach den vom Verband der Deutschen Möbelindustrie ausgewerteten amtlichen Daten bei rund 9,5 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2026 waren es noch rund 7,7 Milliarden Euro. Das entspricht einem nominalen Rückgang von knapp 19 Prozent innerhalb von vier Jahren und damit gerundet fast einem Fünftel.
Auch kurzfristig setzte sich die Schwäche fort. In den ersten sechs Monaten 2026 sank der Umsatz der erfassten 374 größeren Möbelbetriebe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 2,7 Prozent. Das Inlandsgeschäft gab um 4,1 Prozent auf rund 5 Milliarden Euro nach. Die Auslandsumsätze lagen mit rund 2,7 Milliarden Euro nahezu auf Vorjahresniveau. Besonders schwach entwickelte sich die Polstermöbelindustrie mit einem Umsatzminus von 10 Prozent. Bei Wohn-, Ess- und Schlafzimmermöbeln sowie Möbelteilen lag das Minus bei 5 Prozent. Die Küchenmöbelhersteller konnten dagegen um 1 Prozent zulegen.
Der langfristige Rückgang lässt sich nicht allein mit Importen aus China erklären. Die Branche nennt seit mehreren Jahren vor allem die schwache Konsumnachfrage, hohe Material-, Energie- und Lohnkosten sowie den schwachen Wohnungsbau als Belastungen. Möbel gehören zu den Anschaffungen, die Haushalte vergleichsweise leicht aufschieben können. Das trifft Hersteller besonders dann, wenn weniger Wohnungen fertiggestellt werden und weniger Umzüge stattfinden.
Die Lage im Wohnungsbau zeigt inzwischen erste Gegenbewegungen bei den Genehmigungen, allerdings von niedrigem Niveau aus. Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland 126.300 Wohnungen genehmigt. Das waren 15,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Genehmigungen sagt jedoch noch nichts darüber aus, wann die Wohnungen tatsächlich fertiggestellt werden und daraus zusätzliche Nachfrage nach Küchen, Schränken oder anderen Möbeln entsteht.
Auch die Umsatzzahlen selbst brauchen eine klare Einordnung. Sie sind nominal und bilden damit auch Preisveränderungen ab. Schon im ersten Halbjahr 2022 hatte der Branchenverband darauf hingewiesen, dass der damalige Umsatzanstieg stark von höheren Materialkosten und Preisen geprägt war. Aus dem Rückgang von knapp 19 Prozent seitdem lässt sich deshalb nicht unmittelbar ein gleich großer Rückgang der verkauften Stückzahlen ableiten.
Parallel zur schwachen Nachfrage hat sich der Wettbewerbsdruck durch Importe deutlich erhöht. Nach Berechnungen des Möbelverbands stammten im ersten Halbjahr 2026 rund 60 Prozent der in Deutschland verkauften Möbel aus dem Ausland. Im Jahr 2019 hatte der Importanteil noch bei 44 Prozent gelegen. China und Polen standen im ersten Halbjahr 2026 zusammen für rund 60 Prozent der deutschen Möbelimporte.
China hatte seine Stellung bereits zuvor stark ausgebaut. Im ersten Halbjahr 2025 stiegen die deutschen Möbeleinfuhren aus China nach Verbandsangaben um rund 25 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. China kam damit damals auf rund 30 Prozent der Möbelimporte. Im ersten Halbjahr 2026 ging der Wert der Einfuhren aus China gegenüber dem Vorjahreszeitraum allerdings um 2,4 Prozent zurück. Auch die gesamten Möbelimporte sanken um 4,3 Prozent. Von einem erneuten Importanstieg in den ersten sechs Monaten 2026 kann daher nicht gesprochen werden. Der strukturell höhere Importanteil bleibt für die deutschen Hersteller dennoch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.
Der Verband führt den Druck aus China unter anderem auf staatliche Steuerung und Subventionen sowie auf veränderte Warenströme infolge der US-Zollpolitik zurück. Diese Aussagen sind Positionen des Branchenverbands. Sie ersetzen keine behördliche Prüfung konkreter Subventionen oder möglicher handelsrechtlicher Maßnahmen.
Vor diesem Hintergrund fordert der Verband der Deutschen Möbelindustrie eine Diskussion über allgemeine Schutzzölle auf Ebene der Europäischen Union. Eine konkrete Zollhöhe nannte der Verband zunächst nicht. Die Forderung ist auch kein bereits beschlossenes politisches Vorhaben.
EU-Schutzmaßnahmen unterliegen festen Voraussetzungen. Nach den Regeln der Europäischen Union kommen sie in Betracht, wenn Importe deutlich steigen und dadurch einer europäischen Industrie ein ernsthafter Schaden entsteht oder droht. Vor einer solchen Maßnahme ist eine Untersuchung erforderlich. Schutzmaßnahmen gelten grundsätzlich gegenüber Einfuhren aus allen Herkunftsländern und unterscheiden sich damit von Anti-Dumping- oder Anti-Subventionsmaßnahmen, die sich auf bestimmte Handelspraktiken und Ursprungsländer beziehen können.
Für die Möbelindustrie ist die Zollforderung deshalb nur ein Teil der aktuellen Debatte. Gleichzeitig bleibt die Binnenkonjunktur entscheidend. Im dritten Quartal 2026 planten nach einer Verbandsumfrage 40 Prozent der befragten Unternehmen Kurzarbeit. Das ist eine Verbandsumfrage und keine amtliche Erhebung für die gesamte Branche, zeigt aber, wie angespannt viele Unternehmen ihre Lage einschätzen.
Für das Gesamtjahr 2026 rechnet der Verband inzwischen mit einem Umsatzrückgang von rund 3 Prozent. Diese Einschätzung ist eine Prognose und keine feststehende Entwicklung. Fest steht bislang, dass die Branche im ersten Halbjahr erneut Umsatz verloren hat und der heimische Markt schwächer lief als das Auslandsgeschäft. Der Streit über den Umgang mit Importen aus China trifft damit auf eine Industrie, die zugleich unter schwacher Nachfrage, hohen Kosten und einem langfristig gestiegenen Importanteil steht.
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