
Eine neue wissenschaftliche Untersuchung liefert wichtige zusätzliche Daten zur Frage, ob Covid-19-Impfungen mit mRNA-Technologie das Überleben bestimmter Krebspatienten während einer Immuntherapie beeinflussen könnten. Die Ende August 2026 veröffentlichte Studie bestätigt zwar erneut einen statistischen Zusammenhang zwischen Impfungen und einer geringeren Sterblichkeit. Einen besonderen Effekt der mRNA-Technologie konnten die Autoren in ihren Daten jedoch nicht nachweisen.
Die Arbeit trägt den Titel Interpreting vaccine-associated survival differences in immune checkpoint inhibitor therapy und erschien am 31. August 2026 in den Proceedings of the National Academy of Sciences, kurz PNAS. Verfasst wurde sie von René Karadakic, Nancy L. Keating und Michael L. Barnett. Erstautor Karadakic ist an der ETH Zürich tätig.
Im Mittelpunkt steht damit eine Frage, die seit einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 2025 diskutiert wird. Damals hatten Forscher berichtet, dass eine Covid-19-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff in zeitlicher Nähe zum Beginn einer Immun-Checkpoint-Therapie bei bestimmten Krebserkrankungen mit längerem Überleben verbunden war. Als mögliche Erklärung wurde diskutiert, dass die durch mRNA-Impfstoffe ausgelöste Immunaktivierung Tumoren möglicherweise empfänglicher für sogenannte Checkpoint-Inhibitoren machen könnte.
Bei der neuen Arbeit handelt es sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie. Die Forscher werteten landesweite Abrechnungsdaten des US-amerikanischen Medicare-Systems aus. Erfasst wurden 121.676 Versicherte, die zwischen September 2020 und Juni 2021 eine systemische Krebstherapie begonnen hatten.
Von ihnen erhielten 10.824 eine Behandlung mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Diese Medikamente setzen an Kontrollmechanismen des Immunsystems an und sollen Immunzellen dabei unterstützen, Tumorzellen stärker anzugreifen.
Die Wissenschaftler untersuchten, ob Impfungen in zeitlicher Nähe zum Beginn der Krebsbehandlung mit Unterschieden beim Überleben verbunden waren. Dabei betrachteten sie nicht ausschließlich Covid-19-Impfungen mit mRNA-Technologie. Zum Vergleich wurden auch adenovirusbasierte Covid-19-Impfstoffe sowie Grippeimpfungen einbezogen.
Gerade dieser Vergleich ist für die Interpretation der Ergebnisse entscheidend.
Wie bereits in früheren Untersuchungen schnitten geimpfte Patienten in der statistischen Auswertung teilweise besser ab als ungeimpfte Patienten. Eine Impfung nahe dem Beginn der Krebstherapie war insgesamt mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden.
Dieser Zusammenhang beschränkte sich jedoch nicht auf Covid-19-Impfungen mit mRNA-Technologie. Ähnliche statistische Muster fanden die Autoren auch nach adenovirusbasierten Covid-19-Impfungen und nach Influenza-Impfungen.
Auch bei Patienten, die keine Immun-Checkpoint-Therapie erhielten, zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Impfungen und geringerem Sterberisiko. Zudem ergaben formale statistische Tests nach Angaben der Autoren vergleichbare Wechselwirkungen zwischen Impfung und Checkpoint-Therapie unabhängig von der jeweiligen Impfstoffplattform.
Damit liefern die untersuchten Bevölkerungsdaten keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass speziell die mRNA-Technologie für die beobachteten Überlebensunterschiede verantwortlich ist.
Die Debatte über mRNA-Impfstoffe bei Krebspatienten verschiebt sich dadurch vor allem in einem Punkt: Ein statistischer Zusammenhang zwischen Impfung und Überleben ist nicht automatisch ein Beleg für einen spezifischen biologischen Effekt von mRNA-Impfstoffen auf Tumoren.
Die PNAS-Arbeit widerlegt die frühere Forschung nicht in allen Punkten. Auch die neue Analyse findet einen Zusammenhang zwischen Impfungen und besseren Überlebensdaten. Sie stellt jedoch die Interpretation infrage, dass dieser Zusammenhang speziell durch mRNA ausgelöst sein müsse.
Eine 2025 in Nature veröffentlichte Untersuchung hatte Daten von Patienten mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Lungenkrebs und malignem Melanom mit experimentellen Untersuchungen kombiniert. Die Autoren berichteten damals, dass eine SARS-CoV-2-mRNA-Impfung in zeitlicher Nähe zu einer Checkpoint-Therapie mit verbessertem Überleben verbunden war. Labor- und Tierexperimente lieferten zugleich Hinweise auf mögliche immunologische Mechanismen.
Weitere retrospektive Arbeiten veröffentlichten später ebenfalls statistische Zusammenhänge zwischen Covid-19-mRNA-Impfungen und längerem Überleben unter Checkpoint-Inhibitoren. Eine im April 2026 in Cancer Letters erschienene unabhängige Analyse umfasste beispielsweise 4.407 Patienten mit Melanom oder nichtkleinzelligem Lungenkrebs und kam ebenfalls zu einem positiven Zusammenhang.
Solche Studien zeigen jedoch zunächst Assoziationen. Sie können alleine nicht beweisen, dass die Impfung das längere Überleben verursacht.
Die Autoren der neuen Untersuchung nennen mehrere mögliche Erklärungen für ihre Ergebnisse. Denkbar sind tatsächliche immunologische Effekte von Impfungen. Impfungen können außerdem schwere Infektionsverläufe verhindern, was bei Menschen mit einer schweren Grunderkrankung ebenfalls Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit haben kann.
Hinzu kommen mögliche Unterschiede zwischen den untersuchten Patientengruppen. Menschen, die sich impfen lassen, können sich beispielsweise hinsichtlich Gesundheitszustand, medizinischer Versorgung, Vorsorgeverhalten oder anderer Faktoren von ungeimpften Patienten unterscheiden.
Solche Unterschiede lassen sich in retrospektiven Abrechnungsdaten selbst mit statistischen Verfahren nicht vollständig ausschließen.
Eine weitere Einschränkung betrifft den untersuchten Endpunkt. Die Medicare-Daten enthalten Informationen darüber, ob Patienten gestorben sind. Die konkrete Todesursache lässt sich daraus jedoch nicht zuverlässig bestimmen. Damit kann die Analyse nicht beantworten, ob Unterschiede beim Überleben durch Krebstodesfälle, Infektionen oder andere Ursachen zustande kamen.
Auch der Beobachtungszeitraum ist vergleichsweise speziell. Die untersuchten Patienten begannen ihre systemische Krebstherapie zwischen September 2020 und Juni 2021, also während einer frühen Phase der Covid-19-Impfkampagne in den USA. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf sämtliche späteren Impfstoffvarianten, Auffrischungsimpfungen oder heutige Behandlungsbedingungen übertragen.
Die neue Studie verändert damit vor allem die Bewertung des vermuteten Mechanismus. Sie zeigt nicht, dass Impfungen keinerlei Einfluss auf den Verlauf einer Krebsbehandlung haben können. Ebenso wenig untersucht sie experimentelle mRNA-Krebsimpfstoffe, die gezielt gegen Tumormerkmale entwickelt werden.
Untersucht wurde vielmehr, ob sich aus großen realen Versorgungsdaten ein besonderer Überlebenseffekt von Covid-19-mRNA-Impfungen in Verbindung mit Checkpoint-Inhibitoren herauslesen lässt.
Für einen solchen mRNA-spezifischen Effekt fanden die Autoren keinen eindeutigen Beleg. Dass unterschiedliche Impfstofftypen ähnliche statistische Zusammenhänge zeigten, spricht dafür, dass andere biologische oder nichtbiologische Faktoren zumindest einen Teil des beobachteten Unterschieds erklären könnten.
Die wissenschaftliche Frage ist damit enger gefasst als manche frühere Diskussion vermuten ließ: Beobachtungsdaten weisen weiterhin auf Unterschiede beim Überleben geimpfter und ungeimpfter Krebspatienten hin. Ob dahinter eine direkte Verstärkung der Krebsimmuntherapie steckt und welcher Mechanismus dafür verantwortlich wäre, lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten.
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