Bundesbank-Chef Nagel mahnt Deutschland im Kampf um die Bestnote

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat die Bundesregierung angesichts steigender Staatsschulden zu anhaltender Haushaltsdisziplin aufgerufen. Deutschland verfüge weiterhin über die bestmögliche Bonitätsbewertung der großen internationalen Ratingagenturen. Diese Stellung sei jedoch keine Selbstverständlichkeit. Am Rande des Treffens der G20-Finanzminister und Notenbankchefs im US-amerikanischen Asheville erklärte Nagel, Deutschland müsse hart daran arbeiten, das Triple-A-Rating zu erhalten.

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Eine unmittelbare Gefahr für die Kreditwürdigkeit Deutschlands sieht der Bundesbank-Präsident nach seinen Äußerungen nicht. Zugleich machte er deutlich, dass Schuldenstand und Defizitquote für die Bewertung durch Finanzmärkte und Ratingagenturen eine wichtige Rolle spielen. Die wieder bessere wirtschaftliche Entwicklung stimmt Nagel nach eigenen Angaben zuversichtlich. Der finanzpolitische Spielraum Deutschlands hat sich seit der Reform der Schuldenbremse im Jahr 2025 allerdings deutlich verändert.

Deutschland behält bei allen großen Agenturen die Bestnote

Die Bundesrepublik verfügt weiterhin über eine außergewöhnlich hohe Bonität. Standard & Poor’s bestätigte Deutschland im April 2026 mit der langfristigen Bewertung AAA und stabilem Ausblick. Fitch bekräftigte im Mai ebenfalls die Note AAA mit stabilem Ausblick. Moody’s führt Deutschland mit der entsprechenden Höchstnote Aaa und ebenfalls stabilem Ausblick. Auch DBRS Morningstar, Scope und KBRA vergeben nach den aktuellen Übersichten der Deutschen Finanzagentur ihre jeweilige Bestnote.

Die Ratingagenturen berücksichtigen bei ihren Bewertungen unter anderem die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die politischen und staatlichen Institutionen, die Verschuldung, den Finanzierungsspielraum und die Fähigkeit eines Staates, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. S&P verwies bei seiner jüngsten Bewertung auf Deutschlands wohlhabende und breit aufgestellte Volkswirtschaft, die starke außenwirtschaftliche Position und die vergleichsweise moderate Staatsverschuldung. Zugleich sieht die Agentur strukturelle Risiken, darunter schwaches Produktivitätswachstum und die Alterung der Bevölkerung.

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Eine schlechtere Bewertung könnte grundsätzlich Auswirkungen auf die Finanzierungskosten eines Staates haben. Bundesanleihen gelten bislang als eine zentrale Referenz für den europäischen Anleihemarkt. Die hohe Bonität trägt dazu bei, dass sich der Bund im Vergleich zu vielen anderen Staaten günstig refinanzieren kann.

Staatsschulden lagen Ende 2025 bei 2,84 Billionen Euro

Nach der für internationale Vergleiche maßgeblichen Maastricht-Abgrenzung lagen die deutschen Staatsschulden Ende 2025 bei rund 2,84 Billionen Euro. Das waren etwa 144 Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Die Schuldenquote stieg von 62,2 auf 63,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Für 2026 zeichnet sich ein weiterer deutlicher Anstieg ab. Die Finanzprojektion des Bundes geht von einer Schuldenquote von rund 66,5 Prozent aus. Die Europäische Kommission rechnete in ihrer Frühjahrsprognose etwas niedriger mit 65,8 Prozent. Die Unterschiede beruhen auf verschiedenen Annahmen zu Wirtschaftswachstum, Defiziten und Mittelabflüssen. Beide Projektionen gehen jedoch in dieselbe Richtung: Die Verschuldung nimmt gemessen an der Wirtschaftsleistung zu.

Auch das gesamtstaatliche Defizit dürfte steigen. Der Stabilitätsrat rechnete im Mai für 2026 mit einem Finanzierungssaldo von rund minus 4,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit würde Deutschland den regulären Maastricht-Referenzwert von drei Prozent überschreiten. Für bestimmte Verteidigungsausgaben gelten auf europäischer Ebene allerdings Sonderregeln.

Zinsausgaben werden zu einem größeren Haushaltsposten

Mit der höheren Verschuldung gewinnt auch die Zinsbelastung an Bedeutung. Im Bundeshaushalt 2026 sind rund 30,3 Milliarden Euro für Zinsausgaben vorgesehen. In der mittelfristigen Finanzplanung steigt dieser Betrag deutlich. Für 2027 sind rund 41,3 Milliarden Euro eingeplant, für 2028 rund 55,3 Milliarden Euro und für 2029 rund 66,5 Milliarden Euro.

Der Anstieg ist nicht allein auf neue Schulden zurückzuführen. Alte Bundeswertpapiere, die teilweise noch während der Niedrigzinsphase zu sehr günstigen oder sogar negativen Renditen ausgegeben wurden, laufen nach und nach aus. Bei der Refinanzierung gelten inzwischen höhere Marktzinsen. Zusätzliche Kredite für Infrastruktur und Verteidigung erhöhen den Finanzierungsbedarf darüber hinaus.

Deutschland befindet sich damit weiterhin in einer wesentlich günstigeren Ausgangslage als zahlreiche andere große Industriestaaten. Seine Schuldenquote liegt beispielsweise deutlich unter den Quoten der Vereinigten Staaten, Italiens oder Japans. Für die Bonitätsbewertung ist jedoch nicht nur das Ausgangsniveau entscheidend, sondern auch die weitere Entwicklung von Defiziten, Wachstum und Schuldendienst.

Reform der Schuldenbremse ermöglicht deutlich mehr Kredite

Eine zentrale Rolle spielt die im März 2025 beschlossene Änderung des Grundgesetzes. Die reguläre Schuldenbremse des Bundes sieht weiterhin eine strukturelle Nettokreditaufnahme von höchstens 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor. Für sicherheits- und verteidigungspolitische Ausgaben gilt inzwischen jedoch eine weitreichende Ausnahme. Ausgaben für Verteidigung, Zivil- und Bevölkerungsschutz, Nachrichtendienste, IT-Sicherheit sowie Hilfen für angegriffene Staaten werden nicht mehr vollständig auf die reguläre Kreditobergrenze angerechnet, soweit sie einen Schwellenwert von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts überschreiten.

Zusätzlich wurde ein Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität mit einem Kreditrahmen von bis zu 500 Milliarden Euro geschaffen. Die Mittel können über einen Zeitraum von zwölf Jahren eingesetzt werden. Davon sind jeweils 100 Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds sowie für Investitionen der Länder und Kommunen vorgesehen.

Auch die Länder erhielten durch die Verfassungsänderung einen neuen strukturellen Verschuldungsspielraum von insgesamt 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Reform verschafft Bund und Ländern damit erheblich mehr Möglichkeiten, Investitionen und Sicherheitsausgaben kreditfinanziert zu bestreiten.

Ratingagenturen schauen auf Wachstum und Haushaltsentwicklung

Entscheidend für die weitere Bonitätsentwicklung wird sein, wie sich zusätzliche Kredite und zusätzliche Investitionen auf Wachstum und Staatsfinanzen auswirken. S&P geht davon aus, dass das umfangreiche Finanzpaket die deutsche Konjunktur unterstützen kann. Die Agentur nennt zugleich ausdrücklich ein mögliches Abwärtsrisiko für das Rating, falls die zusätzlichen Staatsausgaben das mittelfristige Wachstum deutlich weniger stärken sollten als erwartet und strukturelle Probleme ungelöst blieben.

Die höheren Kreditspielräume bedeuten deshalb nicht automatisch eine Verschlechterung der Bonität. Sie verändern jedoch die finanzpolitische Ausgangslage. Die Bundesregierung kann erheblich mehr Mittel mobilisieren als vor der Reform der Schuldenbremse, muss gleichzeitig aber mit einem steigenden Schuldenstand und höheren Zinszahlungen umgehen.

Nagels Äußerungen in Asheville setzen genau an diesem Punkt an. Deutschlands Kreditwürdigkeit steht derzeit nicht vor einer unmittelbar erkennbaren Herabstufung. Alle großen Agenturen bestätigen weiterhin die höchste Bewertung und einen stabilen Ausblick. Die kommenden Jahre werden jedoch zeigen, ob die zusätzlichen Schulden mit stärkerem Wachstum und höheren Investitionen einhergehen oder vor allem die laufenden Finanzierungskosten erhöhen.

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