
Einen neuen Start der Schwerlastrakete New Glenn hat Blue Origin am Dienstag, 8. September 2026, nicht gemeldet. Neue Erkenntnisse gibt es stattdessen zu dem schweren Zwischenfall vom Mai in Cape Canaveral. Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass sich die Explosion während eines Bodentests anhand von Infraschall noch in rund 1.700 Kilometern Entfernung nachweisen ließ. Blue Origin arbeitet unterdessen weiter daran, New Glenn noch in diesem Jahr wieder fliegen zu lassen.
Die Explosion ereignete sich am Abend des 28. Mai am Launch Complex 36 der Cape Canaveral Space Force Station in Florida. New Glenn befand sich nicht auf einem Raumflug, sondern in einem sogenannten Hotfire-Test. Dabei werden die Triebwerke am Boden gezündet, während die Rakete auf der Startanlage befestigt bleibt. Das unbemannte Fahrzeug wurde bei dem Zwischenfall zerstört. Verletzte gab es nach Angaben von Blue Origin und der US Space Force nicht.
Forscher der Sandia National Laboratories werteten für eine im Fachjournal The Seismic Record veröffentlichte Untersuchung Daten von 36 Messstationen aus. Die am weitesten vom Startplatz entfernte bestätigte Messung lag rund 1.684 Kilometer entfernt. Mithilfe der Infraschallsignale konnten die Wissenschaftler sowohl den Ursprungsbereich der Explosion bestimmen als auch deren Stärke abschätzen.
Demnach entsprach die aus den Messungen abgeleitete Explosionsenergie etwa 0,131 Kilotonnen TNT. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Abschätzung anhand der registrierten Druckwellen, nicht um eine Angabe von Blue Origin. Wie viel Treibstoff sich zum Zeitpunkt des Tests tatsächlich in der Rakete befand, ist nicht öffentlich bekannt. Die Forscher errechneten deshalb verschiedene Szenarien.
Infraschall liegt unterhalb des für Menschen hörbaren Frequenzbereichs. Solche Messverfahren werden unter anderem zur Erfassung großer Explosionen, Vulkanausbrüche und anderer energiereicher Ereignisse eingesetzt. Auch das internationale Überwachungssystem für das Verbot von Nuklearversuchen nutzt Infraschallstationen.
Blue Origin hat die technische Untersuchung des Zwischenfalls inzwischen deutlich eingegrenzt. Konzernchef Dave Limp erklärte Anfang August, die Anomalie habe ihren Ausgang am Hauptsauerstoffventil eines der sieben BE-4-Triebwerke der ersten Stufe genommen. Dies sei durch geborgene Hardware und Inspektionen bestätigt worden. Das Unternehmen kündigte Änderungen an dem Ventil an, die auch bei bereits produzierten Triebwerken nachgerüstet werden können. Die weitergehende Fehleranalyse war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen.
Die Explosion beschädigte zudem Teile der Startanlage. Nach Unternehmensangaben gingen unter anderem ein Blitzschutzturm, der Transport- und Aufrichtmechanismus der Rakete sowie Hydraulikkomponenten verloren. Andere wichtige Einrichtungen wie Tankanlagen, Integrationshalle und Wasserturm blieben demnach in einem deutlich besseren Zustand. Blue Origin entschied sich anschließend dafür, den Ablauf für künftige Starts umzubauen, statt die frühere Startplatzkonfiguration vollständig wiederherzustellen.
New Glenn ist seit dem 19. April nicht mehr ins All gestartet. Bei der dritten Mission der Rakete gelang erneut die Landung der ersten Stufe auf der Plattform Jacklyn im Atlantik. Der Flug war zugleich der erste erneute Einsatz eines bereits geflogenen New-Glenn-Boosters.
Bei der eigentlichen Nutzlast gab es jedoch ein Problem. Die Oberstufe brachte den Kommunikationssatelliten BlueBird 7 von AST SpaceMobile in eine niedrigere Umlaufbahn als vorgesehen. Der Satellit trennte sich zwar von der Rakete und nahm den Betrieb auf, befand sich nach Angaben des Betreibers aber zu tief, um seine geplante Mission durchführen zu können. AST SpaceMobile kündigte deshalb an, dass BlueBird 7 wieder in die Erdatmosphäre eintreten werde.
Wenige Wochen später sollte New Glenn für den nächsten Flug vorbereitet werden. Bei dem dafür vorgesehenen Hotfire-Test kam es dann zur Explosion am Startplatz.
Blue Origin hält bislang an dem Ziel fest, New Glenn noch vor Ende 2026 wieder starten zu lassen. Ein konkreter Termin für den nächsten Flug ist von dem Unternehmen nicht offiziell festgelegt worden. Parallel werden die Startanlagen in Cape Canaveral umgebaut. Zudem bereitet Blue Origin gemeinsam mit der NASA zusätzliche Tests der New-Glenn-Oberstufe am Stennis Space Center in Mississippi vor.
Die Verzögerungen betreffen ein für Blue Origin strategisch wichtiges Programm. New Glenn soll unter anderem kommerzielle Satelliten, Nutzlasten für Amazon Leo und künftige Mondmissionen starten. Auch Blue Origins unbemannter Mondlander Blue Moon Mark 1 ist auf New Glenn angewiesen. Die NASA führt dessen erste Mondmission auf ihrer Anfang September aktualisierten Terminseite inzwischen für 2027.
Damit steht New Glenn am 8. September nicht vor einem unmittelbar bestätigten Start, sondern weiterhin in einer Phase der technischen Aufarbeitung und Vorbereitung auf die Rückkehr zum Flugbetrieb. Die neuen Infraschallmessungen liefern erstmals eine wissenschaftlich quantifizierte Größenordnung für die Explosion, die diesen Zeitplan im Mai unterbrochen hatte.
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