
Der Ölpreis ist am Dienstag deutlich gefallen und zeitweise wieder unter die Marke von 100 Dollar je Barrel gerutscht. Auslöser waren neue Signale aus Iran zur Straße von Hormuz sowie eine verbesserte Aussicht auf zusätzliche Ölexporte aus Saudi-Arabien. An den Aktienmärkten sorgte der Rückgang für Entlastung, weil hohe Energiepreise zuletzt neue Sorgen über Inflation und weitere Zinserhöhungen ausgelöst hatten.
Die entscheidende Nachricht kam aus Teheran. Ein ranghoher iranischer Vertreter erklärte gegenüber Reuters, Iran könne die Straße von Hormuz innerhalb von sieben Tagen wieder öffnen, wenn die USA erste Schritte zur Verringerung des militärischen Drucks unternähmen und die Blockade iranischer Häfen aufhöben.
Eine Einigung über diese Bedingungen war am Dienstag allerdings nicht bestätigt. Auch eine verbindliche Ankündigung, dass die Meerenge tatsächlich innerhalb einer Woche vollständig geöffnet wird, lag zunächst nicht vor. Die Finanzmärkte reagierten dennoch deutlich auf die Aussicht, dass wieder größere Mengen Öl aus dem Persischen Golf auf den Weltmarkt gelangen könnten.
Der für Europa wichtige Brent-Future für November lag am Dienstag nach Reuters-Angaben zeitweise bei 98,23 Dollar je Barrel und damit 2,1 Prozent unter dem vorherigen Schlusskurs. Der Kursstand bezog sich auf den Handel am 22. September 2026. Damit erreichte Brent den niedrigsten Stand seit etwa zwei Wochen.
Auch US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate gab deutlich nach. Der auslaufende Oktober-Kontrakt lag bei 93,30 Dollar je Barrel, während der stärker gehandelte November-Kontrakt auf rund 90 Dollar zurückging.
Der Ölpreis unter 100 Dollar ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Märkte in den vergangenen Wochen eine erhebliche Risikoprämie für mögliche Lieferausfälle im Nahen Osten eingepreist hatten. Schon kleine Hinweise auf zusätzliche verfügbare Mengen können deshalb starke Preisbewegungen auslösen.
Saudi-Arabien trug ebenfalls zur Entspannung bei. Nach Reuters-Angaben wurde die wichtige Ost-West-Pipeline des Landes wieder in Betrieb genommen. Über sie kann Rohöl aus den Förderregionen am Persischen Golf zum Roten Meer transportiert werden. Dadurch lassen sich zumindest Teile der Lieferungen unabhängig von der Straße von Hormuz verschiffen.
Die Bedeutung der Meerenge erklärt die heftigen Reaktionen an den Rohstoffbörsen. Die Straße von Hormuz verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit mit den internationalen Schifffahrtsrouten.
Nach Daten der US-Energiebehörde EIA flossen im ersten Halbjahr 2025 durchschnittlich rund 20,9 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag durch die Passage. Das entsprach rund einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs flüssiger Erdölprodukte und etwa einem Viertel des auf dem Seeweg transportierten Öls.
Seit Beginn der jüngsten militärischen Auseinandersetzungen hat sich das Bild allerdings deutlich verändert. Für das zweite Quartal 2026 weist die EIA nur noch durchschnittlich 4,9 Millionen Barrel pro Tag aus. Alternative Pipelines können die ursprünglichen Mengen nur teilweise ersetzen.
Am Montag passierten nach vorläufigen Schifffahrtsdaten lediglich zwei größere Frachtschiffe die Meerenge. Vor dem Konflikt waren es durchschnittlich rund 125 große Handelsschiffe täglich. Die Daten können allerdings unvollständig sein, da Schiffe ihre automatischen Positionssender zeitweise abschalten können.
Für Verbraucher bedeutet ein sinkender Rohölpreis zunächst weniger Kostendruck. Das gilt besonders für Kraftstoffe und Heizöl. Ein Rückgang des Brent-Preises führt allerdings nicht automatisch und nicht im gleichen Umfang zu niedrigeren Preisen an deutschen Tankstellen.
Neben dem Rohölpreis beeinflussen Raffineriekapazitäten, Transportkosten, Steuern, Wechselkurse sowie Angebot und Nachfrage nach einzelnen Kraftstoffen die Endpreise. Vor allem bei Diesel blieb die internationale Versorgungslage zuletzt angespannt. Reuters berichtete am Dienstag weiterhin von außergewöhnlich hohen Dieselpreisen in Europa und den USA.
Auch für die allgemeine Inflation spielt Öl eine wichtige Rolle. Höhere Energiepreise verteuern nicht nur Benzin und Heizenergie, sondern können über Transport, Produktion und Logistik zahlreiche andere Güter verteuern. Ein dauerhafter Rückgang würde diesen Effekt abschwächen. Ob die jüngste Bewegung anhält, hängt jedoch wesentlich von der tatsächlichen Versorgungslage im Nahen Osten ab.
Am deutschen Aktienmarkt fiel die Reaktion zurückhaltender aus. Der DAX bewegte sich am Dienstag nach dem kräftigen Anstieg vom Montag über weite Strecken in einer engen Spanne und beendete den regulären Handel nahezu unverändert.
Am Montag hatte der Leitindex laut Xetra-Daten noch bei 25.575,01 Punkten geschlossen und damit 1,07 Prozent zugelegt. Am Dienstag schwankte der Index zunächst leicht unter diesem Niveau und holte einen Teil der Verluste im Tagesverlauf wieder auf.
Sinkende Ölpreise können Aktien grundsätzlich über mehrere Kanäle unterstützen. Unternehmen mit hohem Energieverbrauch profitieren von geringeren Kosten. Fluggesellschaften, Logistikunternehmen, Chemiekonzerne und Teile der Industrie reagieren deshalb häufig positiv auf niedrigere Energiepreise. Gleichzeitig nimmt der Inflationsdruck ab, was Erwartungen an die Geldpolitik beeinflussen kann.
Für Öl- und Gasproduzenten ist die Wirkung dagegen eher negativ, weil niedrigere Rohstoffpreise ihre Erlösaussichten belasten können. Entsprechend reagierten europäische Energiewerte zeitweise schwächer, nachdem der Ölpreis nachgab.
Die Entwicklung zeigt, wie stark die internationalen Märkte derzeit auf Nachrichten aus dem Nahen Osten reagieren. Noch am Morgen hatten die Ölpreise zeitweise angezogen. Nach Bekanntwerden des iranischen Angebots zur möglichen Öffnung der Straße von Hormuz drehte die Richtung deutlich.
Eine Wiederaufnahme größerer Öltransporte durch die Meerenge könnte einen wesentlichen Teil der seit Monaten bestehenden Versorgungssorgen reduzieren. Voraussetzung wären allerdings konkrete politische Vereinbarungen und eine sichere Durchfahrt für Handelsschiffe.
Unklar blieb am Dienstag, ob Washington auf die iranischen Bedingungen eingehen wird. US-Präsident Donald Trump forderte bei der UN-Generalversammlung stattdessen eine stärkere wirtschaftliche Isolation Irans. US-Außenminister Marco Rubio signalisierte zugleich grundsätzliche Gesprächsbereitschaft, sofern Verhandlungen zu Ergebnissen führten.
Damit bleibt die Entwicklung des Ölpreises eng mit dem weiteren Verlauf des Konflikts und möglichen diplomatischen Kontakten verbunden. Die jüngste Bewegung unter 100 Dollar zeigt vor allem, wie hoch die geopolitische Risikoprämie zuvor war und wie schnell sie sich bei Aussicht auf zusätzliche Liefermengen wieder verringern kann.






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