
Ein großer Hoffnungsträger der Herz-Kreislauf-Forschung hat sein wichtigstes Studienziel nicht erreicht. Der Pharmakonzern Novartis hat mit dem experimentellen Wirkstoff Pelacarsen in einer umfangreichen Phase-III-Studie zwar den Blutwert Lipoprotein(a) gesenkt. Das führte bei den untersuchten Patienten jedoch nicht zu einer statistisch nachgewiesenen Verringerung schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse. Die am Freitag veröffentlichten Ergebnisse belasteten am Montag auch die Novartis-Aktie.
Im Mittelpunkt steht Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Dabei handelt es sich um ein Lipoprotein, das unter anderem Cholesterin transportiert und als eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt. Anders als der klassische LDL-Cholesterinwert wird die Höhe von Lp(a) zu einem großen Teil genetisch bestimmt. Gerade deshalb gilt der Wert seit Jahren als wichtiges Forschungsgebiet für neue Medikamente.
Die sogenannte Lp(a)HORIZON-Studie umfasste 8.323 Menschen mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhtem Lp(a). Die Teilnehmer hatten unter anderem bereits einen Herzinfarkt oder einen ischämischen Schlaganfall erlitten oder litten an einer symptomatischen peripheren arteriellen Erkrankung.
Die internationale Studie war randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert. Pelacarsen wurde zusätzlich zu einer bereits optimierten Behandlung der bestehenden Herz-Kreislauf-Risikofaktoren untersucht. Eingeschlossen wurden Patienten mit einem Lp(a)-Wert von mindestens 70 Milligramm pro Deziliter.
Der entscheidende Endpunkt setzte sich aus vier möglichen Ereignissen zusammen: Tod infolge einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, nicht tödlicher Herzinfarkt, nicht tödlicher Schlaganfall sowie eine dringende Wiederherstellung der Blutversorgung der Herzkranzgefäße mit notwendigem Krankenhausaufenthalt.
Dieses Studienziel wurde nicht erreicht. Nach Angaben von Novartis führte Pelacarsen zwar zu niedrigeren Lp(a)-Werten. In der gesamten untersuchten Patientengruppe ließ sich daraus jedoch keine ausreichende Verringerung des festgelegten Herz-Kreislauf-Risikos gegenüber Placebo ableiten.
Das Ergebnis ist vor allem deshalb bedeutsam, weil Lp(a) schon lange mit einem höheren Risiko für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden wird. Die Pelacarsen Studie sollte eine weitergehende Frage beantworten: Reicht eine gezielte und deutliche Senkung dieses Risikofaktors aus, um tatsächlich Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere schwere Ereignisse zu verhindern?
Zumindest mit Pelacarsen und unter den Bedingungen dieser Studie ließ sich dieser Nachweis nicht erbringen.
Noch liegen allerdings nur die sogenannten Topline-Ergebnisse vor. Novartis hat bislang keine vollständigen Zahlen zu den Ereignisraten in den einzelnen Gruppen veröffentlicht. Auch detaillierte Auswertungen zu Untergruppen und weitere Studiendaten sollen erst bei einem kommenden medizinischen Kongress vorgestellt werden.
Pelacarsen gehört zu den sogenannten Antisense-Oligonukleotiden. Der Wirkstoff soll die Bildung von Lipoprotein(a) reduzieren. Die Rechte zur Entwicklung und Vermarktung hatte Novartis im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem US-Biotechnologieunternehmen Ionis Pharmaceuticals erworben. Auch Ionis bestätigte am 4. September, dass der primäre Endpunkt der Phase-III-Studie nicht erreicht wurde.
Erhöhtes Lp(a) unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von vielen anderen Herz-Kreislauf-Risikofaktoren. Die Konzentration wird weitgehend durch die Gene bestimmt und bleibt im Verlauf des Lebens vergleichsweise stabil.
Fachgesellschaften haben dem Wert deshalb zuletzt mehr Bedeutung eingeräumt. Die 2026 veröffentlichte US-Leitlinie zum Umgang mit Fettstoffwechselstörungen sieht eine einmalige Bestimmung von Lipoprotein(a) im Erwachsenenalter vor. Ein Wert ab 125 Nanomol pro Liter beziehungsweise 50 Milligramm pro Deziliter wird darin als zusätzlicher Risikofaktor eingeordnet.
Die Bedeutung dieser Empfehlungen ändert sich durch das Scheitern von Pelacarsen zunächst nicht grundsätzlich. Die Studie untersuchte nicht, ob erhöhtes Lp(a) mit einem höheren Risiko verbunden ist. Untersucht wurde vielmehr, ob die gezielte Senkung mit einem bestimmten Wirkstoff zusätzliche Herz-Kreislauf-Ereignisse verhindern kann.
Für eine speziell auf Lp(a) ausgerichtete medikamentöse Behandlung gibt es bislang kein zugelassenes Präparat.
Die Entwicklung in diesem Forschungsfeld geht dennoch weiter. Amgen untersucht mit Olpasiran ebenfalls einen Wirkstoff zur gezielten Senkung von Lp(a). Die Phase-III-Studie OCEAN(a)-Outcomes läuft mit mehr als 7.000 Teilnehmern. Olpasiran nutzt dabei eine sogenannte siRNA-Technologie.
Auch Eli Lilly prüft einen solchen Ansatz. In der Phase-III-Studie ACCLAIM-Lp(a) wird Lepodisiran bei Menschen mit erhöhtem Lipoprotein(a) untersucht. Für die Studie sind rund 17.300 Teilnehmer vorgesehen. Der Abschluss wird derzeit für 2029 erwartet.
Das Ergebnis von Pelacarsen beantwortet daher nicht automatisch die Frage, ob andere Lp(a)-senkende Wirkstoffe ebenfalls ihre klinischen Ziele verfehlen werden. Die Präparate unterscheiden sich unter anderem bei Wirkmechanismus, Dosierung und Studienpopulation. Für die konkurrierenden Programme wird nun entscheidend sein, ob eine starke Senkung des Laborwertes auch mit weniger tatsächlichen Herz-Kreislauf-Ereignissen verbunden ist.
An der Börse sorgte die Nachricht zum Wochenbeginn für deutliche Verluste. Die Novartis-Aktie fiel am Montagmorgen zeitweise um rund 3,3 Prozent. Damit reagierten Anleger auf den Rückschlag bei einem Medikament, das als wichtiger Bestandteil der künftigen Produktpipeline des Schweizer Pharmakonzerns galt.
Für die medizinische Bewertung werden nun vor allem die vollständigen Studiendaten entscheidend sein. Erst mit den angekündigten Detailergebnissen lässt sich genauer beurteilen, wie stark Pelacarsen Lp(a) senkte, wie groß die Unterschiede bei den einzelnen Herz-Kreislauf-Ereignissen waren und ob sich bei bestimmten Patientengruppen abweichende Ergebnisse zeigten.
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