Europas letzte große Penicillin-Fabrik gerät unter Druck

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Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Die Zukunft eines wichtigen Standorts der europäischen Arzneimittelproduktion ist unsicher. Im österreichischen Kundl stellt der Pharmakonzern Sandoz Penicillin noch vollständig selbst her. Doch niedrige Preise chinesischer Wettbewerber und hohe Produktionskosten setzen das Werk zunehmend unter Druck. Der Konzern fordert Unterstützung durch neue europäische Handels- und Beschaffungsregeln. Eine Schließung ist bislang nicht beschlossen.

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China dominiert den europäischen Penicillin-Markt

Das Penicillin-Werk Kundl in Tirol ist nach Angaben von Sandoz die letzte große vollständig integrierte Produktionsstätte für Penicillin in Europa. Dort werden wichtige Ausgangsstoffe durch Fermentation hergestellt, zu pharmazeutischen Wirkstoffen verarbeitet und anschließend für fertige Arzneimittel verwendet.

Diese Produktionskette unterscheidet Kundl von vielen anderen europäischen Arzneimittelfabriken, die auf importierte Wirkstoffe oder Zwischenprodukte angewiesen sind.

Die Abhängigkeit von China ist in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. Nach einer Auswertung von Eurostat-Daten durch die Nachrichtenagentur Reuters stieg der chinesische Anteil an den EU-Importen von Penicillin und seinen Derivaten von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 86 Prozent im Jahr 2025.

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Auch bei wichtigen Ausgangsstoffen ist die Konzentration hoch. Laut Sandoz werden rund 90 Prozent des weltweit produzierten Penicillin-Grundstoffs 6-APA in China hergestellt. Selbst Arzneimittelproduzenten in Indien sind teilweise auf entsprechende Vorprodukte aus China angewiesen.

Hohe Energiekosten erschweren die Produktion in Tirol

Für europäische Hersteller entsteht daraus ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. Während chinesische Unternehmen von niedrigeren Herstellungskosten profitieren, muss Sandoz am Standort Kundl vergleichsweise hohe Ausgaben für Energie, Personal und Produktionsanlagen tragen.

Besonders ins Gewicht fällt der Energiebedarf. Die Herstellung von Penicillin durch Fermentation erfordert aufwendige industrielle Prozesse. Nach Angaben der Werksleitung benötigt die Anlage in Kundl ungefähr so viel Energie wie die nahe gelegene Stadt Innsbruck.

Gleichzeitig stehen die Verkaufspreise vieler Antibiotika unter Druck. Weil Gesundheitssysteme und öffentliche Auftraggeber bei der Arzneimittelbeschaffung stark auf niedrige Preise achten, lassen sich steigende Produktionskosten nur begrenzt weitergeben.

In einer schriftlichen Stellungnahme an einen Ausschuss des britischen Parlaments erklärte Sandoz im April 2026, dass die europäische Produktionskapazität unter ausschließlich preisorientierten Beschaffungsbedingungen wirtschaftlich nicht dauerhaft tragfähig sei.

Der Konzern warnt deshalb vor dem Verlust einer strategisch wichtigen europäischen Produktionsmöglichkeit. Eine konkrete Entscheidung über die Schließung des Werks oder einen Termin für eine mögliche Stilllegung gibt es bislang nicht.

Rund 200 Millionen Euro flossen in den Ausbau

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten treffen einen Standort, in den erst in den vergangenen Jahren erheblich investiert wurde.

Sandoz modernisierte die Antibiotikaproduktion in Kundl für insgesamt rund 200 Millionen Euro. Im November 2023 ging eine neue Wirkstoffanlage in Betrieb, für die das Unternehmen rund 150 Millionen Euro aufgewendet hatte. Im März 2024 folgte die Eröffnung einer weiteren Anlage für die Herstellung fertiger Arzneimittel im Umfang von rund 50 Millionen Euro.

Damit erhöhte sich die jährliche Kapazität für Arzneimittelpackungen nach Unternehmensangaben um 20 Prozent auf rund 240 Millionen. Im Februar 2025 kündigte Sandoz weitere Investitionen von zwölf Millionen Euro zur Einführung eines zusätzlichen Antibiotikawirkstoffs an.

Auch öffentliche Mittel wurden eingesetzt. Die Europäische Kommission genehmigte im Juli 2023 eine österreichische Förderung von 28,8 Millionen Euro, um die Herstellung von Amoxicillin am Standort zu modernisieren und die europäische Versorgung zu stärken.

Sandoz fordert Untersuchung chinesischer Billigimporte

Im Handelskonflikt mit China setzt Sandoz auf die Europäische Kommission. Das Unternehmen reichte im Frühjahr 2026 eine Antidumping-Beschwerde ein. Die chinesische Regierung weist Vorwürfe unfairer Subventionspraktiken zurück und vertritt die Position, dass ihre staatliche Förderung mit den Regeln der Welthandelsorganisation vereinbar sei. Dabei geht es um den Vorwurf, dass chinesische Hersteller den Wirkstoff Amoxicillin auf dem europäischen Markt zu Preisen anbieten, die unter den Herstellungskosten liegen sollen.

Sandoz führt die niedrigen Preise unter anderem auf staatliche Subventionen und Wettbewerbsbedingungen in China zurück. Ob die Voraussetzungen für handelspolitische Gegenmaßnahmen tatsächlich erfüllt sind, muss die EU prüfen.

Eine entsprechende Untersuchung könnte grundsätzlich zu zusätzlichen Einfuhrzöllen führen. Ein förmlicher Beginn der Untersuchung war zuletzt allerdings nicht bestätigt.

Europäische Versorgungssicherheit rückt in den Mittelpunkt

Über die wirtschaftliche Zukunft eines einzelnen Werks hinaus geht es um die Frage, wie unabhängig Europa bei lebenswichtigen Medikamenten bleiben kann.

Penicillin und seine Wirkstoffvarianten gehören zu den grundlegenden Antibiotika für die Behandlung bakterieller Infektionen. Die europäische Arzneimittelversorgung war bereits mehrfach von Engpässen betroffen. Besonders 2022 wurden unter anderem Amoxicillin-Präparate knapp.

Ein Wegfall der vollständig integrierten Produktion in Kundl würde die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten weiter erhöhen. Nach Einschätzung von Sandoz könnte Europa dadurch bei entscheidenden Ausgangsstoffen nahezu vollständig auf chinesische Lieferanten angewiesen sein.

Die Europäische Union arbeitet deshalb an neuen Vorgaben für die Versorgung mit besonders wichtigen Arzneimitteln. Im Mai 2026 einigten sich Vertreter des Europäischen Parlaments und des Rates vorläufig auf den sogenannten Critical Medicines Act.

Die geplanten Vorschriften sollen unter anderem ermöglichen, die Zuverlässigkeit von Lieferketten bei öffentlichen Arzneimittelbestellungen stärker zu berücksichtigen. Außerdem sollen Investitionen in europäische Produktionskapazitäten erleichtert und gemeinsame Beschaffungen unterstützt werden. Das Gesetzgebungsverfahren war zuletzt noch nicht abgeschlossen.

Für den Standort Kundl steht damit eine grundsätzliche wirtschaftliche Frage im Raum: Ob Europas letzte große vollständig integrierte Penicillin-Produktion langfristig bestehen kann, hängt nicht allein von ihrer technischen Leistungsfähigkeit ab. Entscheidend wird auch sein, welchen wirtschaftlichen Stellenwert europäische Gesundheitssysteme einer regionalen und verlässlichen Arzneimittelversorgung beimessen.

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